In Tobruk ist Ghadhafi Geschichte

Die Hafenstadt im Osten Libyens befindet sich seit zwei Tagen in den Händen der Aufständischen. Die Soldaten lassen sich nicht blicken, einzelne solidarisieren sich. Reportage aus einer befreiten Stadt.

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Von Tomas Avenarius, Tobruk

Zur Demonstration erscheint Hauptmann Salma in Uniform. Sie hat Make-up aufgelegt und sich die Nägel zurechtgemacht: die Finger in dunklem Lila, der Lippenstift tiefrot, goldener Lidschatten umrahmt das dunkle Augenpaar. In ihrem grün-braun gefleckten Kampfanzug wirkt die geschminkte Infanterie-Offizierin komödienreif. Aber was die Libyerin zu sagen hat, ist todernst:«Als uns befohlen wurde, auf das eigene Volk zu schiessen, haben wir den Befehl verweigert. Kein libyscher Soldat schiesst noch für Ghadhafi.» Salma Faradsch steht vor einem Block von Frauen und Mädchen, die ihre Plakate hochhalten und Slogans brüllen:«Tobruk ist frei»,«Ghadhafi – dein Spiel ist aus»,«Unser Blut für die Freiheit». Die Offizierin Salma sagt:«Wir sind die Armee des Volks, und das ist eine Volksrevolution. Also haben wir uns auf die Seite des Volks gestellt.»

Hauptmann Salma hat ihrem Oberbefehlshaber den Rücken gekehrt, ist mit ihrer gesamten Einheit zu den Regimegegnern übergelaufen: In Tobruk im Osten Libyens steht die Armee hinter dem Volk und gegen den Diktator Muammar al-Ghadhafi, der seit 42 Jahren sein Volk knechtet. Jedenfalls ist das mit den übergelaufenen Truppen die Version, die die Demonstranten auf dem Jamahirija-Platz erzählen, dem Platz des«Grossen Volkskomitees»: Was die rund um Tobruk stationierten Soldaten wirklich machen, weiss keiner. Sie lassen sich auf dem Platz jedenfalls nicht blicken. Die Menschen hingegen sind ausser Rand und Band: Sie haben die Flagge des von Ghadhafi gestürzten Königs Idris gehisst auf der ausgebrannten Polizeistation am Jamahirija-Platz, der früher einmal König-Idris-Platz hiess. Sie haben Protestplakate an das Minarett der Moschee gehängt, schiessen in die Luft mit den erbeuteten Gewehren. Sie reden und schreien so wild durcheinander, wie nur Menschen durcheinanderreden und schreien können, die 40 Jahre schweigen mussten.

Derweil ziehen Jugendliche auf dem Dach des Polizeipostens eine brennende Stoffpuppe an der Hauswand hoch: Den Strick um den Hals gelegt, hat die Puppe in ihren wallenden schwarz-weissen Gewändern auffällige Ähnlichkeit mit dem «Bruder Führer» in Tripolis. Die Männer und Frauen auf dem Platz jubeln, als der brennende Stoff-Diktator an der Polizeistation baumelt. Ob das schon ein Ausblick in die Zukunft ist oder nur die Wunschvorstellung der Regimegegner: Es ist nichts entschieden in Libyen, dem Reich des Paradiesvogels unter den arabischen Despoten. Hauptmann Salma sagt über den erbitterten Widerstand des Staatschefs gegen sein eigenes Volk: «Er lässt aufs Geratewohl töten, weil er keinen Plan hat. Was wir jetzt sehen, ist das Ende. Ghadhafi zuckt wie ein verendender Hammel auf der Schlachtbank.»

Tripolis, eine Stadt in Agonie

Wieder eine Revolution in der arabischen Welt. Wieder wankt einer jener Diktatoren, deren Herrschaft Jahrzehnte lang als unwiderruflich galt. Es scheint, als sei der arabische Revolutionsautomat auf permanente Wiederholung eingestellt: Tunesien, Ägypten, das kleine Golf-Königreich Bahrain. Und jetzt eben Libyen. Seit einer Woche. Die Cyrenaika, der Osten des riesigen Landes mit den Grossstädten Tobruk und Benghazi, ist in der Hand der Opposition. Die Grenze nach Ägypten ist offen, Flüchtlingsströme verlassen das Land, beladen mit ein bisschen Habe, traumatisiert von dem Gemetzel in den Städten.

Im Westen kann sich der Diktator vorerst halten. In der Hauptstadt Tripolis wüten seine Milizen, töten willkürlich Menschen. Journalisten sind dort keine. Nur die verwackelten Handyvideos, die nach draussen dringen, liefern den Eindruck einer Stadt in Agonie. Selbst Kampfjets und Helikopter soll Ghadhafi gegen sein rebellisches Volk einsetzen: In Tripolis haben sie angeblich Demonstrationszüge bombardiert, mit den Bordkanonen beschossen; in Benghazi sollen Polizisten die Leichen getöteter Demonstranten vor ihrer Wache zu einer Mauer aufgeschichtet haben. Zum Bombardement von Benghazi kam es nicht: Vor der Stadt sprangen zwei Piloten mit dem Fallschirm ab, bevor sie ihren Suchoi-Jet über der Wüste abstürzen liessen: Die Offiziere wollten keine Bomben auf das befreite Benghazi werfen.

Der Diktator aber soll derzeit frische Milizen und schwarzafrikanische Söldnertruppen rund um die Hauptstadt zusammenziehen, um erst einmal die Rebellion in Tripolis zusammenzuschlagen oder «bis zur letzten Kugel» zu kämpfen. Mit dem ihm eigenen Pathos hat Ghadhafi angekündigt: «Ich bin bereit, als Märtyrer zu sterben.» Auch Tobruk liegt in Reichweite seiner Luftwaffe, aber der Diktator konzentriert sich auf näher liegende Ziele im Westen: Tripolitanien, seine Machtbasis, ist reicher als die ärmliche Cyrenaika. Die Stadt selbst ist bekannt als Ort erbitterter Schlachten im Zweiten Weltkrieg, als der deutsche General Erwin Rommel mit seinem Afrikakorps gegen Briten und Australier anrannte und unterlag.

Seit dem Ende des Afrikakriegs vor mehr als 60 Jahren ist Tobruk wieder eine normale Stadt an der libyschen Mittelmeerküste: wichtig allein wegen seines Hafens und seiner Ölraffinerie, interessant allenfalls für Weltkriegs-Enthusiasten, die in den versandenden Stellungen und Befehlsbunkern des «Wüstenfuchses» Rommel ihren Neigungen nachgehen.

Jetzt ist Tobruk eine der «befreiten Städte des neuen Libyen», eine Hochburg der Gegner des Revolutionsführers. Die ausgebrannte Polizeistation auf dem Jamahirija-Platz erzählt einen Teil der für Aussenstehende schwer verstehbaren Geschichte des Landes. Gebaut unter König Idris, diente sie Ghadhafi Jahrzehnte lang als lokale Hochburg seiner gefürchteten Polizei, hier verschwanden Menschen. Büros und Zellen sind jetzt russgeschwärzt. «50 Polizisten hatten sich im Hof verschanzt», sagt Matooq Saleh. «Wir warfen Steine vom Dach, sie schossen mit scharfer Munition hinauf. Fünf von uns starben.»

Der 22-jährige Saleh ist in Grossbritannien gross geworden, ist erst seit wenigen Jahren wieder im Heimatland. Er gehört zu den Jugendlichen, die die Revolte gegen Ghadhafi mit angezettelt haben, wieder einmal auch mit Facebook und Twitter. Aber der libysche Aufstand ist weit weniger Internetrevolte als Volksrevolte, unterscheidet sich von den Umstürzen in Ägypten oder Tunesien. Ghadhafi regiert mit eiserner Hand, kauft sich mit Ölgeld, Wohnungsbauprojekten und freier Krankenversicherung die Sympathie seiner Bürger. Jede Opposition hat es schwer.

Der Despot, damals noch Hauptmann der königlichen Armee, hatte König Idris I. 1969 gestürzt und die Sanussi-Monarchie durch seine «Grosse libysch-arabische Volks-Jamahirija» ersetzt: Das Wort selbst ist unübersetzbar. Das Ganze läuft auf eine sehr direkte Form der Demokratie hinaus: der Staat als eine einzige, ständig tagende Volksversammlung. Die Grundgedanken hatte der Bauernsohn 1977 in seinem «Grünen Buch» niedergeschrieben: Ghadhafis «Dritte Universaltheorie» verspricht unmittelbare Demokratie, wirtschaftlichen Wohlstand und soziale Gerechtigkeit. Das Werk ist so dünn wie schlicht und schwebt auf dem Niveau einer Scientology-Fibel. Der Putschist, der vor seiner Offizierslaufbahn ein paar Jura- und Geschichtsseminarien besucht hatte, bedient sich bei den Versatzstücken der europäischen Aufklärung und aus dem Koran. Dazu kommen die Menschenrechte und die angeblich naturgegebenen Eigenarten des arabischen Stammeswesens, vermischt mit einer Portion Frauenrechte und der Idee der permanent tagenden Volkskomitees: «Es darf keine repräsentative Demokratie geben – sie ist Betrug am Volk.»

Selbst zum Oberst befördert

Hauptmann Ghadhafi, der sich nach dem Putsch zum Oberst beförderte, hat ein unpraktikables System unmittelbarer Volksherrschaft entwickelt. Das Wohl der Menschen liegt in einer alle glücklich machenden Schnittmenge aus Kapitalismus, Sozialismus und Islam. Am Ende der Lektüre des Grünen Buchs ist nur eines klar: Die erste und einzige Stimme im Staat liegt beim «Bruder Revolutionsführer», der offiziell nicht einmal ein Staatsamt innehat. In den Worten des Autors: «Theoretisch ist das schon die echte Demokratie. Aber in der Realität regiert immer der Stärkste.»

Das Grüne Buch ist bis vor der Revolte so allgegenwärtig gewesen in Libyen wie die überlebensgrossen Ghadhafi-Porträts. In jeder Stadt, in jedem Dorf findet sich ein Volkshaus, vor dem eine Plastik des Ghadhafi-Machwerks steht: die Universaltheorie, in Beton gegossen. In Tobruk haben sie die Plakate abgerissen und das Denkmal in Stücke geschlagen. Es war der erste Akt dieser bisher unvollendeten Revolution.

Dass der Staatschef sich von einer weiblichen Leibgarde, seinen «Grünen Nonnen», schützen lässt, gehört ebenso zu seiner zielgerichteten Polit-Folklore wie das Beduinenzelt, das er bei Staatsbesuchen in New York, Paris oder sonst wo aufschlagen lässt, statt im Fünfsternehotel zu logieren: Der Libyer pflegt seinen Ruf als Frauenbefreier ebenso wie sein Image als Wüstensohn. Politisch ist der «Führer aller afrikanischen Führer» trotz all seines politischen Hokuspokus wendig: Erst hatte er Jahrzehnte lang so offen Terroristen unterstützt, dass US-Präsident Ronald Reagan 1986 seine Residenz bombardieren liess. Der Outlaw überlebte den Angriff samt der folgenden Sanktionen und schaffte 2001 die Wende. Der Libyer gab mehr oder weniger offen zu, für den Bombenanschlag auf einen US-Jumbo über dem schottischen Lockerbie verantwortlich zu sein, zahlte Entschädigungen, wurde Freund der Europäer und Amerikaner. Libyen öffnete seine Öl- und Gasfelder, liefert Rohöl nach Italien und Deutschland, ist ein guter Handelspartner.

Mohammed Bashir studiert Physiotherapie an der Universität. Seine Bilanz nach drei Studienjahren: «Die Lehrkräfte taugen nichts, sie kommen aus Indien oder Ägypten. Es fehlt an Ausrüstung, an Labors. Wir bekommen keine Praxis.» Mohammed hat genug: «Die anderen, die zum System gehören, die studieren in Italien oder England.» Mohammed erzählt über die schlechten Universitäten, so wie jeder andere auf dem König-Idris-Platz seine Geschichte hat über die politischen Gefangenen, die schlechten Aufstiegschancen, die Korruption.

Das Ende der Revolution ist noch offen. Aber die Oper über sein Leben, die Muammar al-Ghadhafi vor einiger Zeit in Grossbritannien in Auftrag gegeben hat, ist ja auch noch nicht fertig. Möglicherweise wird der namentlich bisher unbekannte Komponist dem letzten Akt des Werks über den «Bruder Führer» ein paar laute, dramatisch-tragische Noten hinzufügen müssen.

Die Menschen mussten 40 Jahre lang schweigen. Nun schreien sie.

Das Joch des «Bruders Führer» endlich abgestreift: Oppositioneller mit der alten Nationalflagge in der ostlibyschen Hafenstadt Tobruk.Foto: AFP

Bilder – Unruhen in LibyeniPhone: Tagi-App aufTA+Mobile: SMS mit Text Plus an 4488

Erstellt: 24.02.2011, 22:50 Uhr

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