Jekami statt Jelinek in St. Gallen Die Massaker des Christoph Schlingensief

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Kurz & kritisch

Theater

St. Gallen, Theater St. Gallen – Der Abend dauerte etwas mehr als drei Stunden, aber was man auf der grossen Bühne des Theater St. Gallen zu sehen bekam, war nicht abendfüllend. Angesetzt waren «Die Kontrakte des Kaufmanns», eine grossartige Wirtschaftskomödie von Elfriede Jelinek. Darin lässt die bedeutendste Theatertexterin der Gegenwart einen Klagechor der Kleinanleger auftreten – «Kopflose, Namenlose, Ortlose, Trostlose» –, die an das Profitversprechen von «15 Prozent per anormalum» glaubten und ihr Erspartes unwissentlich in die Finanzkonstruktion einer Offshore-Bank investierten (Anlass für Jelineks Text ist der Skandal um die Meinl-Bank). Es kommt, wie es kam: Die Kleinanleger verlieren ihr Geld an die Raffer, die sich im zweiten Teil von Jelineks Text als «Chor der Greise» an die Geprellten wenden: «Sie müssen nicht warten, Ihr Geld kommt nie wieder zu Ihnen zurück, stellen Sie sich darauf ein! Wir stellen es lieber bei uns ein, es gefällt ihm bei uns viel besser (. . .). Was soll denn Ihr Geld bei Ihnen zu Hause machen? Den ganzen Tag fernsehn?»

In St. Gallen wurden nun Auszüge dieses umfangreichen Textes auf die Bühne gebracht – unter Anleitung von Thorleifur Örn Arnarsson, der jüngst zum Chefregisseur am Konstanzer Stadttheater berufen wurde. Die erste Idee, die der Jungregisseur für seine Jelinek-Inszenierung hatte, kennt man aus den Arbeiten von Volker Lösch: Wie dieser lässt Arnarsson einen Laienchor auftreten. Bei Arnarsson setzt sich der Chor aus 30 mit St. Gallen verbundenen Menschen zusammen, die ein paar Zeilen Jelinek vortragen und ihren Beruf, ihr Jahreseinkommen und ihr Motto preisgeben. Sie sollen die kopflosen, trostlosen, namenlosen Kleinanleger sein. Aber eben: 30 sympathische Menschen einzeln ans Mikrofon treten zu lassen, sie ein paar Sätze Jelinek sprechen und mit warmem Publikumsapplaus wieder verabschieden zu lassen, dauert Ewigkeiten – und ist letztlich nichts anderes als der fragwürdige Versuch, Jelineks mit Wirklichkeit vollgepumpten Text mit Wirklichkeit vollzupumpen.

Arnarssons zweite Inszenierungsidee bezeugt seine Ideenlosigkeit: Wie man in einer Zwischenmoderation erfährt, durfte sich jedes der acht Ensemblemitglieder einen jeweils eigenen Zugang zu einem Textstück suchen oder sich irgendetwas ausdenken, das irgendetwas mit dem Text zu tun haben könnte. So sahen wir eine Musicalnummer, eine Steve-Ballmer-Parodie, eine Sammelaktion für einen Ethikkurs an der HSG (der Inhaber der Meinl-Bank ist HSG-Absolvent), einen inszenierten Theaterunfall und ein physikalisches Experiment, mit dem man die Blasenbildung in der Finanzwelt erklären wollte.

Das Ensemble schlug sich wacker – angesichts der dürftigen Regie, der Nullnummer des Abends. Als aber gegen Ende der Bauch eines Schauspielers über seinem hautfarbenen Slip zum Hüpfen gebracht, als ein roter Läufer mit einer Plastikplane abgedeckt wurde, um darauf eine harmlose Kunstblutorgie zu veranstalten, und als zugleich auch noch ein paar Blumenkohlköpfe als Hirnersatz mit einer Axt geschlachtet wurden, schrie man innerlich nach Erlösung.Andreas Tobler

Bis 11. Februar. Die Aufführung gastiert zudem im Theater Winterthur am 19. 1./20. 1.

DVD

«Bildstörungen» wolle er schaffen, erklärte Christoph Schlingensief vor zehn Jahren. Damals lud er in Wien ein paar Menschen in einen Container und verkündete fröhlich, man könne diese Ausländer reihum per Telefonabstimmung ausschaffen. Je mehr man bei der Aktion zuschaute, desto klarer wurde aber, dass die Wirklichkeit im Grunde schon gestört genug war.

Mit den Mitteln des Trash-Films jedoch perfektionierte der unlängst verstorbene Theater- und Filmregisseur die drastische Verzerrung der Welt, um sie damit kenntlich zu machen. Frei von gutem Geschmack zerstückelte er postwendend das kohldumpfe Deutschland zur Zeit der Wiedervereinigung.

In «Terror 2000» (1992) explodieren Heuchelei und Rassismus im Gesicht der liberalen Gesellschaft: Mit kreischendem Zorn verarbeitet Schlingensief zu Urin und Gedärmen, was damals schon Schwachsinn war und später verantwortungslos zur «deutschen Leitkultur» hochgeschwatzt werden sollte. Hakenkreuze brennen, Neonazis torkeln wie bei der Fasnacht, Udo Kier will ficken, und Politiker schmeissen Kränze in leere Gräber.

Bei Schlingensief, dem Filmregisseur, ist Deutschland ein Genre: Splatter. Die Devise: Lacht kaputt, was euch kaputt macht. Konsequent ist die Regie fast so mies wie beim «Tatort». In 16 Stunden hat er «100 Jahre Adolf Hitler» (1989) abgedreht. Der Führer wankt darin als Lüstling durch den Bunker – beinahe ein Lehrmittel und ein nützliches Korrektiv zu Bruno Ganz’ Menschen-Hitler in «Der Untergang».

Schlingensiefs «Deutschlandtrilogie»-Box ist wirklich prophetisch. Neben dem «Deutschen Kettensägenmassaker», in dem die Wessis aus Ossis Wurst machen, steckt auch eine DVD mit alten Kurzfilmen des Künstlers sowie ein Gespräch mit ihm drin.

Pascal Blum

Deutschlandtrilogie (D 1989–1992). Regie: Christoph Schlingensief. Filmgalerie 451, etwa 53 Fr.

Diana Dengler (links) und Hanna Binder in «Die Kontrakte des Kaufmanns».Foto:PD

Erstellt: 09.01.2011, 17:45 Uhr

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