Kinderspital gehen die Betten aus

Die Intensivstation des Kinderspitals ist stark überbelegt. Allein dieses Jahr mussten bereits 46 Kinder in andere Spitäler verlegt werden.

Zwischen den Intensivstationen aller Kinderspitäler ist die Zusammenarbeit intensiv.

Zwischen den Intensivstationen aller Kinderspitäler ist die Zusammenarbeit intensiv. Bild: Reto Oeschger

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So hatten sich die Kellers (Name geändert) ihre Ferien nicht vorgestellt. Statt im gemieteten Haus in den Bergen verbrachte die Familie vom Zürichsee ihre Ferien auf der Kinderabteilung des Kantonsspitals Winterthur (KSW). Julia, zweieinhalb, hustete seit Wochen. Seit zwei Tagen hatte sie kaum mehr gegessen, nicht mehr getrunken und wurde zunehmend schwächer. Die Eltern fuhren mit ihrer Tochter zur Abklärung in die Notaufnahme des Zürcher Kinderspitals.

Bei Julia wurde eine Infektion mit dem besonders aggressiven RS-Virus und als Folge davon eine schwere Lungenentzündung diagnostiziert. Deshalb wurde eine stationäre Behandlung in Quarantäne angeordnet. Nur: Das Kinderspital hatte für Kinder wie Julia kein freies Bett mehr. Triemli und Universitätsspital waren ebenfalls voll. Einzig das KSW hatte noch freie Kapazitäten. Julia wurde verlegt. Der Vater sagt: «Wir waren froh, dass unsere Tochter gut aufgehoben war, aber doch erstaunt, dass sie sie bis nach Winterthur brachten.»

Kumulation von Grippe und RS-Virus

Das Kinderspital Zürich läuft zurzeit am Limit. Urs Rüegg, Assistent der Spitaldirektion, sagt: «Wir mussten uns in den letzten Wochen tatsächlich zur Decke strecken.» Durch die Kumulation von Grippewelle und vielen Fällen mit RSV-infizierten Kleinkindern ist auf der stationären Abteilung seit letztem November jedes der 171 Betten belegt. Entsprechend beansprucht ist auch das Personal.

Besonders prekär ist die Situation auf den Intensivstationen, wo Kinder beispielsweise nach Operationen oder bei schweren Lungenentzündungen überwacht werden. Konkrete Zahlen zu Verlegungen weist das Kinderspital auch nur für diese Abteilung aus. Aus Platzmangel wurden seit Anfang Jahr bereits 46 Kinder in die Intensivstationen anderer Spitäler transferiert. Im Januar und Februar 2014 waren es lediglich deren 18, im ganzen letzten Jahr 86. In den Sommermonaten sind die Zahlen symptomatisch jeweils tiefer.

Operationen abgesagt

Dass die Zahl der Krankheitsfälle in den Wintermonaten steigt, ist kein neues Phänomen, und dessen sind sich auch alle Spitäler bewusst. Trotzdem kommt es im Kinderspital immer wieder zu Kapazitätsengpässen, weil beispielsweise RSV-Infizierte in Quarantäne untergebracht werden müssen. «Genaue Berechnungen sind enorm schwierig», sagt Urs Rüegg.

Weil der Platz fehlt, muss das Kinderspital manchmal geplante, aber nicht dringende Operationen spätestens am Abend vorher absagen. Das ist laut Rüegg die einzige Möglichkeit, die dem Spital bleibt. «Selbstverständlich ist uns das aber in jedem Fall unangenehm. Wir machen das nicht gerne.» Neben der organisatorischen Vorbereitung der Eltern, die für den Tag allenfalls freigenommen haben, komme die emotionale dazu. Bleiben eingeplante Infektionsfälle aus, bietet das Spital Eltern, die damit einverstanden sind, im Gegenzug kurzfristig für eine Operation auf.

Die Bettendisposition im Kinderspital ist vor allem wegen des veralteten Baus mit Viererzimmern schwierig. Stimmen Alter und Geschlecht der Patienten nicht überein, können die Zimmer nicht ganz gefüllt werden. Als Massnahme hat das Kinderspital bereits im letzten Winter auf der Notfallstation einen Raum mit sechs Betten geschaffen, eine sogenannte Short Stay Unit. Das Spital prüft zudem weitere Ausbaumöglichkeiten für stationäre Betten. Besserung verspricht jedenfalls der Neubau von Herzog und De Meuron auf der Lengg. Ab 2020 werden da die Kinder in Einer- und Zweierzimmern untergebracht.

Verlegung bis ins Tessin

Die meisten Kinderspital-Kinder aus der Intensivstation werden ins Universitätsspital Zürich, ins Triemli oder ins Kinderspital St. Gallen verlegt. Einige auch nach Luzern, Chur, Bern, Basel oder ins Tessin. Je nach Gesundheits- und Witterungsverhältnissen kommen Ambulanz oder Helikopter zum Einsatz.

Die Verlegungen führen aber auch bei anderen Spitälern zu Überkapazitäten. Das Triemli verzeichnete im Januar 50 Prozent mehr stationäre Eintritte und 30 Prozent mehr Notfälle als im selben Monat des Vorjahres. Die Kinder- und Jugendabteilung des Kantonsspitals Winterthur hat in den letzten Wochen besonders viele Patienten aufgenommen. Familie Keller fühlte sich im KSW zwar gut aufgehoben, fand die Situation im Zimmer aber beengend. Das Kind war mit zwei anderen Kindern in einem Zweierzimmer untergebracht, alle Träger des RS-Virus. Dazu kam je ein Elternteil. Und weil das Virus hoch ansteckend ist, durften sie das Zimmer nicht verlassen.

Erstellt: 27.02.2015, 15:53 Uhr

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