Kino zum Blättern? Jein!

Zwei Bücher zeigen die Filmemacher Peter Liechti und Fredi Murer von einer neuen Seite. Peter Liechti wird am Samstag mit dem Zürcher Kunstpreis geehrt.

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Von Florian Keller

Wer braucht eigentlich Bonusmaterial? Das Wort klingt nach Mehrwert, es verspricht unverhoffte Blicke hinter die Kulissen, aber hinter den Kulissen sieht jedes Filmset gleich aus, und die Interviews mit den Stars klingen vorformatiert. Die Reste, die auf jeder DVD als Bonus verkauft werden, sind meist der Rede nicht wert.

Mehr als solche Restenverwertung haben nun zwei eigenwillige Köpfe des Schweizer Films zu bieten, von denen jeder für sich sein sehr persönliches Bonusmaterial zwischen zwei Buchdeckel gepackt hat: Der Klangforscher und Bildersammler Peter Liechti («Signers Koffer»), der am Samstag mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich geehrt wird, gibt uns seine Logbücher und Marschnotizen zu lesen; und der bodenständige Fantast Fredi Murer («Vitus») besinnt sich zurück auf seinen einstigen Traumberuf und bringt einen dicken Band mit Hunderten von Zeichnungen heraus. Diese Bücher gehen nicht hausieren mit Geplauder aus einer Branche, der sich Liechti und Murer sowieso nicht zugehörig fühlen. Das Kino als «Branche», darauf würden beide allergisch reagieren.

Gerade Liechti, das merkt man beim Lesen sofort, reagiert noch auf vieles allergisch – vor allem aber auf den zwanghaften Alpenfrohsinn der Eidgenossen und die chronische Ungastlichkeit des Schweizer Gastgewerbes. Den Auftakt seines Buchs macht der Monolog aus seinem frühen Kurzfilm «Ausflug ins Gebirg» (1986). Liechtis Litanei aus mehr oder weniger ordinären Flurnamen mündet hier unweigerlich in eine Beschimpfung der Alpen: «Der Berg zerstört meine Gedanken. Der Berg macht blöd.» So schreibt ein weltläufiger Geist, der in der Schweizer Provinz gerade nicht seine Heimat findet – aber eben doch, und das ist nicht wenig, den Boden für seine Kunst.

Berggänger, die vor lauter Aussicht nichts mehr sehen, sind Liechti erst recht suspekt: Nie werde er verstehen, schreibt er, «warum die Leute, kaum sind sie oben angelangt, ihre Nasen so gierig ins Tal hinabstrecken, als hätten sie unten nichts gesehen».

Im winzigen Appenzell dagegen findet er durchaus Gefallen am nostalgischen Theater, das die Einheimischen dort Alltag nennen: «Wie schaffen sie es nur, so zu tun, als wär es immer noch früher, und alle spielen mit?»

Wie stark sich Liechtis filmisches Werk auch aus Texten speist, das wurde zuletzt wieder deutlich in «The Sound of Insects», seinem Protokoll eines freiwilligen Hungertods. Vom Kino liest man denn auch wenig in diesem Buch. Da ist zwar von der künstlerischen Frühvergreisung im Schweizer Film die Rede oder vom Mitgefühl auf Knopfdruck, das Peter Liechti in den meisten Filmen als «obligatorisches Wellnessprogramm» erlebt. Seine künstlerischen Schutzheiligen findet er indes ausserhalb des Kinos, bei der «heimtückischen Harmlosigkeit» eines Robert Walser oder, immer wieder, bei Dieter Roth.

Der geistige Zechpreller

Liechti ist ein Kaffeehausschreiber, der sich dabei selbstironisch als geistiger Zechpreller unterverkauft: «Ich lebe nicht nur über meine Verhältnisse», schreibt er einmal, «ich denke auch über meine Verhältnisse.» Das ist vielleicht kokett, aber jedenfalls tiefgestapelt für ein Buch, das einen Bogen spannt von Dübendorf bis zu den Dinkas in Namibia, vom Marschtagebuch zum Film «Hans im Glück» (2003), für den Liechti zu Fuss auszog, um das Rauchen loszuwerden, bis hin zu seinen Reisenotizen zum Film «Namibia Crossings» (2004).

Sein Nichtraucherfilm ruft dann die Lungenliga auf den Plan, die den Regisseur für seinen Selbstversuch als Gastreferenten einladen will. So, wie Liechti jedoch über diese «aggressive Partei von Saubermenschen» räsoniert, wird er die Einladung ausgeschlagen haben: «Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Raucher gänzlich vertrieben und vernichtet sind, dann muss sich der Herr von der Lungenliga einen neuen Feind suchen, vielleicht an der Front der Hirnliga, und er müsste sich entscheiden, ob er als Soldat bei der Hirnliga nun für oder gegen das Denken kämpft, wenn er die Sache des gesunden Hirns vertritt.»

Gelegentlich geraten Liechtis Notizen zu einer Nabelschau, die sich in Nichtigkeiten verläuft. Immer wieder wartet er dafür mit überraschenden Beobachtungen auf, die selbst dann nichts Verbissenes haben, wenn ihm die ewige Bergfröhlichkeit oder die Selbstbedienung im nächsten Landgasthof wieder einmal die Laune verdirbt. Sogar eine kleine, fast kafkaeske Verwechslungskomödie um zwei Vorgesetzte namens Maurer und Giger oder Geiger und Murer hat sich in diesem Lesebuch versteckt.

Beim richtigen Murer auf dem Buchumschlag schlägt dann einer so die Hände vor dem Gesicht zusammen, dass er wirkt wie ein geflügeltes Fabelwesen. Wenn Fredi Murer in schlichten Strichen die fest gefügte Ordnung zwischen Mensch und Ding auflöst, gelingen ihm surreale, gerne auch frivole Blätter. Die ruppige Karikatur – ein Schafbock mit Blocher-Fratze, der ein schwarzes Schaf stranguliert – ist weniger seine Sache.

Und nach rund 700 Seiten, auf dem letzten Blatt, schreibt eine Hand: «Zu zeichnen ist ein Akt barer Verzweiflung . . .» Indes: Zum Verzweifeln ist allenfalls, dass hier beim Papier gespart wurde. Die Seiten sind so dünn, dass hinter jeder Zeichnung schon die nächste durchschimmert. Der Filmregisseur Murer könnte darin eine Überblendung in Buchform sehen. Für den Zeichner Murer muss es ein Ärgernis sein.

Fredi M. Murer

Fredi M. Murer als Zeichner. Hg. von Stephan Witschi u.a. Edition Stephan Witschi, Zürich 2010. 703 S., ca. 70 Fr.

Peter Liechti

Lauftext – ab 1985.Vexer-Verlag,St. Gallen 2010.268 S., ca. 38 Fr.

Erstellt: 01.12.2010, 18:10 Uhr

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