Kleist als Geschlechterkampf zum Lachen und ZweifelnMatthias Zieglers Neulektüre von Renaissance-MusikAutorin und TV-Journalistin Verena Hoehne ist gestorben

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Kurz & kritisch

Theater

Winterthur, Theater Winterthur – Ach, was wurde über das kleistsche «Ach», das letzte Wort in «Amphitryon», schon gestritten. Seufzt Prinzessin Alkmene aus Verzweiflung, weil sie erkennt, dass ihr Gatte nicht der ist, den sie geliebt hatte? Hat sie fürs männlich-göttliche Ränkespiel, für die gekränkten Eitelkeiten nur Spott übrig? Oder negiert sie seufzend gar – so die postmodern-feministische Lesart – die Ordnung der Zeichen und das Konzept von Identität? Drei Buchstaben, zahllose Auslegungen – aber in Kristo Šagors Inszenierung für das Staatstheater Stuttgart, die nun in Winterthur gastiert, stösst Sarah Sophia Meyers Alkmene ein Quäken hervor, das nach beleidigter Leberwurst klingt.

Der 1976 geborene, vielfach ausgezeichnete deutsche Autor, Regisseur und Theaterleiter hat Kleists «Lustspiel nach Molière» in eine heutige Geschlechterkampf-Comedy gewendet. Das funktioniert erst wunderbar; doch wo Kleist dunklere Töne anschlägt, erinnert es bisweilen an Fingernägel auf einer Wandtafel. Götter und Menschen, Männlein und Weiblein streiten sich da zwischen Clubsesseln und Stehlampen in unterkühlter Atmosphäre, bis die Zunge brennt. Wenn Martin Leutgebs Diener sich mit Markus Lerchs Merkur herumschlägt – der eine dick, der andere dürr, der eine mickrig, der andere mafiosomässig, aber beide sehr witzig –, dann ist das ein flotter Mix aus Klamotte, Gesellschaftskritik und philosophischem Spiel. Wenn aber das hohe Paar – Benjamin Grüter im weissen Anzug und Meyer im kurzen Grünen – sich, quasi auf Augenhöhe zweier Kleinkinder, gegenseitig anmotzt, statt ernsthaft zu zweifeln, dann zweifeln wir: an der Weisheit unserer Entscheidung für diesen Theaterabend.

Alexandra Kedves

Bis 27.1. Konzert

Zürich, Moods – Der Spanier Diego Ortiz war einst der Erste, der eine Verzierungslehre für Streichinstrumente in Druck gab. 1553 war das, und heute ist das «Trattado de Glosas» Pflichtlektüre für Gambisten und andere Stilexperten. Oder auch: Unterhaltungsliteratur für jene, die es nicht ganz so eng sehen mit der historischen Aufführungspraxis und trotzdem gern mit alter Musik spielen.

In diese Kategorie gehört der hoch kompetente Lautenist Rolf Lislevand, der keine Berührungsängste hat gegenüber elektronischer Verstärkung; oder der Kontrabassist Björn Kyellemyr, der im «Trattado» das findet, was der Jazzer als Patterns bezeichnen würde; und schliesslich der Flötist Matthias Ziegler, der sich stilistisch und dank seiner Bass- und Kontrabassflöten auch klanglich jeder Schubladisierung entzieht (TA vom 11. 1.). Was die drei bei Zieglers letztem Konzert als Artist-in-Residence im Moods boten, wurde als «Neulektüre» des «Trattado» angekündigt – und klang gleichzeitig vertraut und fremd, schräg und schön und immer wieder ganz anders.

Manches spielten die drei so original, wie es möglich ist mit einer Besetzung, die nur aus Bass- beziehungsweise Begleitinstrumenten besteht. Dann wieder liessen sie die alten Muster Richtung Gegenwart ausfransen oder kreuzten Ortiz’ Harmonien mit heutigen Rhythmen. Die Melodien präsentierten sich durchlöchert oder schockgefroren, dann wieder weich, geschmeidig und berückend diskret dank dem hauchigen, obertonreichen Klang von Zieglers Riesenflöten. Und wenn die drei in einer Improvisation mal eher gegen- als miteinander antraten, dann passte das in dieses Spiel zwischen Stilen und Zeiten, in dem es keine Gewissheiten gibt. Aber viel ansteckende, anregende Abenteuerlust.

Susanne Kübler

Nachruf

Verena Hoehne liebte das Lesen, das Schreiben, das Theaterspielen, doch vor allem andern liebte sie das Reden. In ihren letzten Jahren kannte man sie in Zürich als beredten und engagierten Gast bei vielen Kulturpodien. Daneben verwirklichte sie sich ihren Traum: Sie spielte Theater. Im Teatro Palino in Baden stand sie voller Begeisterung mit ihrem eigenen Projekt «Zufriedenheit – Nein danke!», einem Abend über Nutzen und Schaden einer therapeutischen Sitzung, auf der Bühne. Sie, die jahrzehntelang als Kulturjournalistin fürs Schweizer Fernsehen und Radio Kulturschaffende interviewt – darunter Dürrenmatt, Frisch, Canetti – und grosse Kulturveranstaltungen kommentiert hatte. Ihre tiefe, sonore Stimme hat sich dabei unverkennbar ins Gehör der Nation geprägt, auch ihre oft sehr poetischen Formulierungen. Eine kleine Ballerina bezeichnete sie während einer Live-Übertragung vom Prix de Lausanne als «rebellischen Engel». Auch den Umgang mit ihrer eigenen Depression wusste sie so in Worte zu fassen, dass andere davon zehren konnten: «Mittendrin und nicht dabei» (1999) und «Das Lachen am Ende des Gangs» (2002) hiessen ihre beiden sehr persönlichen Bücher über die Krankheit, die das Ich verdüstert.

Die in Lausanne geborene Verena Hoehne hatte in Wien Theaterwissenschaften studiert und zum Thema «Das Zürcher Schauspielhaus 1945–1965» promoviert. Am 25. Januar ist sie 67-jährig in Zürich ihrem Krebsleiden erlegen.

Simone Meier

Das hohe Paar zankt sich in kühler Atmosphäre: «Amphitryon». Foto: Matthias Dreher

Erstellt: 31.01.2012, 06:29 Uhr

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