Mahler zieht ihr Ding durch

Die junge Regisseurin Anna-Sophie Mahler hat bei Marthaler und Schlingensief gelernt. Mit ihrer Truppe Capriconnection bringt sie Unerwartetes auf die Bühne – bis hin zum Urknall.

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Von Andreas Tobler

Urknall, Tod, die Denkwelten von Schizophrenen und die käufliche Liebe: Monströses und Abgründiges kommt in den Theaterarbeiten von Anna-Sophie Mahler zur Sprache. Seit sechs Jahren entwickelt die 32-jährige Regisseurin zusammen mit ihrer Gruppe Capriconnection Formen des dokumentarischen Diskurstheaters, die dem Publikum einen neuen Blick auf ein Thema bieten. Bemerkenswert sind diese Arbeiten nicht zuletzt, weil sie im Schatten zweier Regiegrössen entstehen konnten, die in Mahlers Biografie eine wichtige Rolle spielen: Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief.

Mit Schlingensief war Anna-Sophie Mahler 2007 im brasilianischen Manaus, wo dieser Wagners «Fliegenden Holländer» inszenierte. Als Schlingensief an Krebs erkrankte, brachte sie 2008 nach seinen Aufzeichnungen Walter Braunfels’ «Jeanne d’Arc» an der Deutschen Oper Berlin zur Uraufführung. Und von Christoph Marthaler übernahm sie dessen Bayreuther Inszenierung von «Tristan und Isolde», an der sie ursprünglich als Assistentin beteiligt war. In diesem Sommer wird die Regisseurin zum achten und letzten Mal nach Bayreuth zurückkehren, um zusammen mit der Bühnenbildnerin Anna Viebrock und dem Dramaturgen Malte Ubenauf – in Abwesenheit von Marthaler – die Inszenierung für die Wiederaufnahme einzurichten.

Singen und turnen mit Marthaler

Klar, die Zusammenarbeit mit Schlingensief war für Anna-Sophie Mahler ein «grossartiges Erlebnis». Dennoch arbeitet sie als Regisseurin ganz anders als Schlingensief, der das selbst provozierte Chaos für seine Inszenierungen produktiv machen konnte. Und selbstverständlich habe sie die Begegnung mit Marthaler geprägt, aber – so fügt sie hinzu – «auch verunsichert». Denn als sie Marthaler kennen lernte, schloss sie gerade ihr Opernregie-Studium an der «Hanns Eisler» ab, einer in der DDR gegründeten Musikhochschule, an der noch heute ein stark analytischer und gesellschaftskritischer Regieansatz gelehrt wird.

Direkt nach einer Hospitanz bei Opernregisseur Peter Konwitschny kam Anna-Sophie Mahler als Regieassistentin zu Marthaler, der im Winter 2001/02 im Schiffbau «Die schöne Müllerin» probte: «Da habe ich die Welt nicht mehr verstanden», erinnert sie sich. Denn bei Marthaler wurde vor allem ausgiebig gefrühstückt, viel gesungen und geturnt. Die einzige Regieidee, von der sie hörte, verwarf Marthaler gleich wieder, «denn sich etwas ausdenken, das kann ja jeder». Obwohl sie inzwischen eine intime Kennerin von Marthalers Arbeiten ist, bleibt es für sie ein Geheimnis, wie «Die schöne Müllerin» damals zu dem wurde, was sie war: ein Theaterereignis.

Weg von den Vorlagen

Seither lebt Anna-Sophie Mahler in der Schweiz. Und seither hat sie zahlreiche eigene Inszenierungen realisiert, unter anderem Shakespeares «Was ihr wollt» am Nationaltheater Weimar, Vincenzo Bellinis «Sonnambula» am Theater Biel-Solothurn und zuletzt Brechts «Dreigroschenoper» am Schauspielhaus Graz. Obwohl sie es reizvoll findet, literarische Vorlagen zu inszenieren oder im Korsett einer Opernpartitur eine Regieidee zu entwickeln, ist ihr bis heute ein Rat wichtig geblieben. Den gab Matthias Lilienthal, Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, nachdem er ihre ersten Inszenierungen gesehen hatte: «Jetzt mach mal deine eigenen Sachen!»

Die macht sie seit 2006 mit Capriconnection, ihrer eigenen Gruppe, zu der neben ihr die Schauspielerin Susanne Abelein und der Dramaturg Boris Brüderlin gehören. Beheimatet ist die Gruppe in Basel, wo sie von Carena Schlewitt, der Leiterin der Kaserne Basel, stark unterstützt werden.

Am Anfang einer neuen Produktion steht bei Capriconnection immer ein Material, das die Gruppe findet oder selbst recherchiert: In «Liebes Ferkel» (2007) waren es die Briefe von Freiern an eine Prostituierte; für «Tote Fliegen verderben gute Salben» (2007) führte Mahler Interviews mit Schizophrenen; in «Der Herr Verteidiger» (2008) wertete die Gruppe die Akten eines bizarren Gerichtsfalls aus, und für die jüngste Arbeit «Der Urknall oder die Suche nach dem Gottesteilchen» führte Mahler Gespräche mit Atomphysikern am Cern.Das Besondere an den Arbeiten von Capriconnection ist, dass Mahler das dokumentarische Material in ihren Inszenierungen «komponiert». Zum Beispiel in «Ars Moriendi» (2010), einer Produktion, die zum «Impulse»-Festival, der deutschen Bestenschau der freien Szene, eingeladen wurde: Als Material dient hier das Protokoll einer Theoriediskussion, die 1983 in Auseinandersetzung mit Jean Baudrillards «Der symbolische Tausch und der Tod» ausgetragen wurde.

Szenische Form für Atomphysik

Dieses Material wird mit der «Funeral Music» von Henry Purcell in einem museumsähnlichen Raum szenisch «ausgestellt». In Mahlers Arrangement der Materialien – Purcells Musik aus dem Barock, die Theoriedebatte aus den 1980er-Jahren und Interviews, die Mahler mit den Diskussionsteilnehmern von damals führte – wird die Einheit der Zeit aufgesprengt: Der Tod ist eine unverrückbare Tatsache, aber unser Umgang mit ihm ist zeitbedingt. Einer Gruppe, die uns eine solche Perspektive eröffnet, ist es zuzutrauen, dass sie auch für die unsichtbare Welt der Atomphysik eine szenische Form finden wird.

«Urknall» ab Donnerstag, 9. Februar, in der Kaserne Basel. Ab 29. Februar in Zürich im Fabriktheater. «Ars Moriendi» am 4. und 5. Mai in Zürich im Theaterhaus Gessnerallee.

Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur)

Geht es in einem Stück um die Entstehung der Welt, führt Anna-Sophie Mahler Interviews mit Atomphysikern. Foto: Reto Oeschger

Erstellt: 07.02.2012, 06:36 Uhr

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