Marc Baumann schafft künstlerische Leitung des Winterthurer Stadttheaters ab

Kaum hat Marc Baumann vom Schauspielhaus Zürich ans Theater Winterthur gewechselt, tritt dort der künstlerische Leiter ab.

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Winterthur - Von Knatsch will niemand reden. Man trenne sich in Minne, sagen der Gesamtleiter des Theaters Winterthur, Marc Baumann, und sein künstlerischer Leiter Gian Gianotti. Er lässt sich im Mai 2010 mit 60 Jahren frühpensionieren.

Doch ganz so spannungslos verlief die Trennung nicht. Gianotti war zehn Jahre lang praktisch unangefochtener Meister im Winterthurer Gastspielhaus, holte hochstehende Produktionen nach Winterthur. Seit letztem Sommer ist das anders. Marc Baumann, der ehemalige kaufmännische Direktor des Schauspielhauses Zürich, kam und schrieb sich den Kampf gegen die stetig sinkenden Zuschauerzahlen auf die Fahne. Diese gehen von Jahr zu Jahr zwischen fünf und zehn Prozent zurück. Letztes Jahr waren es noch 44 000 Besucher. «So konnten wir nicht weiter machen», sagt er.

«Konzept wird verwässert»

Baumann will zwar weiterhin renommierte Ensembles auftreten lassen und hochstehendes Theater zeigen. Verzichten will er hingegen auf teure Nischenprogramme, wie zum Beispiel finnische Produktionen in Originalsprache. Dafür sollen vermehrt Produktionen für Junge und Familien aufgeführt werden. «Die leichtere Muse muss mit gleich viel Liebe programmiert werden, wie die anspruchsvolle», fordert der neue Chef.

Das hingegen ist Gian Gianottis Sache nicht, wie er zugibt: «Diese neue Ausrichtung will ich nicht mittragen.» Er befürchtet, dass die «Ästhetik des Hauses» zerstört wird. Der Wunsch der neuen Leitung «verwässere» sein Konzept. Da konzentriere er sich in Zukunft lieber auf seine Arbeit als Regisseur.

Programmleiter wird gesucht

Marc Baumann scheint den Abgang seines künstlerischen Leiters nicht sonderlich zu bedauern. Seiner Meinung nach braucht ein Gastspielhaus «einen Programmleiter mit umfassenden Theaterkenntnissen, der die Produktionen beurteilen kann und gleichzeitig ein Gespür für das Publikum hat und nicht die eigene künstlerische Identität in den Vordergrund stellt.» Künstlerische Leiter seien bloss nötig, wenn ein Haus auch selber Stücke inszeniere. Gianottis Stelle soll darum in dieser Form nicht mehr ausgeschrieben werden. Baumann sucht nun einen Programmleiter. Dieser soll bei der Stück-Auswahl auch Besucher-Aspekte berücksichtigen. Die Qualität soll dabei aber nicht leiden. «Es heisst ja nicht, dass etwas schlecht ist, bloss weil es beim Publikum gut ankommt.»

Das Winterthurer Stadttheater hat ein Budget von 9,5 Millionen Franken. Davon kommen 3,5 Millionen von der Stadt und 4 Millionen vom Kanton. Marc Baumann hat also bloss einen Viertel des Geldes, das ihm beim Schauspielhaus zur Verfügung stand. Dort hatte er 2007 nach dem Krach mit Chef Matthias Hartmann gekündigt. Sein langfristiges Ziel ist es, das Stadttheater wieder auf 100 000 Zuschauer in allen Produktionen zu bringen - im Zürcher Schauspielhaus sind es 150 000. René Donzé Gian Gianotti. Marc Baumann.

Erstellt: 09.12.2009, 02:02 Uhr

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