«Meine Eltern haben mich farbenblind erzogen»

Marc Sway tourt zurzeit mit seiner Band durch die Schweiz. Morgen spielt er erstmals im Stäfner Rössli.

Der 31-jährige Musiker Marc Sway lebt mit Frau und Tochter im zürcherischen Pfaffhausen.

Der 31-jährige Musiker Marc Sway lebt mit Frau und Tochter im zürcherischen Pfaffhausen.

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Marc Sway, leben Sie als Mischling in beiden Welten, der europäischen und der afroamerikanischen?
Jeder einzelne Mensch dreht sich doch in seinem ganz eigenen Kosmos. Den Leuten fällt es in der Regel schwer, mich einzuordnen, was mir ganz recht ist, denn als Musiker fühle ich mich als Weltbürger. Ich habe das Privileg, zu beiden Welten zu gehören. Das merke ich aber erst, seit ich eine Afrofrisur trage, denn ich bin relativ hellhäutig. Als ich in London war und mich die Schwarzen regelmässig so grüssten, wie ich von ihnen als Weisser nie gegrüsst worden wäre, fiel mir das zum ersten Mal auf. Nur in Südafrika ist es, vielleicht als Überbleibsel der damaligen Apartheid-Politik, eher unvorteilhaft, ein Mischling zu sein. Dort ist es besser, wenn du entweder schwarz oder weiss bist. Meine Schwester machte entsprechend schlechte Erfahrungen. Bei uns zu Hause hingegen war die Hautfarbe nie wirklich ein Thema. Wir sind sozusagen farbenblind erzogen worden.

Es ist augenfällig, dass Sie Rassenkonflikte bisher nie zum Thema eines Ihrer Lieder gemacht haben.
Zumindest habe ich ein solches Lied nie veröffentlicht. Einmal schrieb ich einen Text zu diesem Thema. Der Song hiess bezeichnenderweise «Mulatta». Nur hat er es nie auf ein Album geschafft.

Im Forum Ihrer Homepage werden Sie von vielen Leuten als «Stefan» angeschrieben.
Marc Sway ist mein Künstlername. Das müssen Kollegen von früher gewesen sein. Die kennen mich heute noch als Stefan Bachofen. Marc ist mein zweiter Vorname. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, welchen Namen ich für mich wählen sollte. Bei den Aufnahmen zu meinem ersten Album 2003 war ich so hin- und hergerissen, dass mir einer zurief: «Hey Marc, stop to sway!» So kam ich gleichzeitig zu meinem neuen Nachnamen. Heute hab ich mich damit gut angefreundet.

Sie sind in Männedorf aufgewachsen.
Bis ich 20 war, lebte ich dort. Danach zog es mich nach Zürich in die Stadt. Meine Eltern und mein Grossvater leben immer noch in Männedorf. Es ist für mich stets ein schönes Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich bin viel und weit gereist als Musiker – trotzdem zieht es mich immer wieder an den Zürichsee. Hier fühle ich mich heimisch und geborgen. Hier ist mir alles vertraut. Von hier kommt ein Teil meiner Familie.

Schon länger?
Mein Grossvater hat unseren Stammbaum bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt. Faszinierend ist für mich dabei, dass ich jetzt – heute lebe ich mit Frau und Tochter in Pfaffhausen – nur 20 Kilometer entfernt von dort wohne, wo der Name unseres Geschlechts vor 700 Jahren das erste Mal in Chroniken aufgetaucht ist: im Zürcher Oberland, in der Nähe von Uster.

Das ist nicht gerade alltäglich.
Gar nicht. Es zeigt mir einfach, wie stark verbunden ich mit dieser Region bin. Die Bachofens blieben – bewusst oder unbewusst – über Jahrhunderte hinweg dieser Gegend treu. Obwohl ich als Mischlingskind verschiedene Kulturen in mir trage, zieht es auch mich immer wieder hierhin. Wir Bachofens sind wie die Frösche, die jahrein, jahraus zu ihrem Teich zurückkehren, wo sie ausgeschlüpft sind, um erneut ihren Laich zu legen. Das muss uns irgendwie in den Genen liegen.

Trotzdem geben Sie eher selten ein Konzert hier an der Goldküste.
Wo sollte ich denn spielen? Ausser dem Rössli gibt es hier ja kein Lokal, keinen einzigen Club, der mich und meine Band buchen könnte. Sind wir doch einfach froh, dass es das Rössli noch gibt.

Das Rössli ist vielleicht auch bald ein Relikt vergangener Tage.
Hoffen wirs nicht. Es ist ein Ort, an den ich wunderschöne Erinnerungen habe. Im Rössli sah ich beispielsweise meinen Vater das erste Mal mit seiner damaligen Band auf der Bühne stehen. Das beeindruckte mich sehr und hat mich geprägt. Im Gegensatz zu mir machte er das aber nie berufsmässig. Auch darum freue ich mich ganz fest auf morgen Freitag: Meine ganze Verwandtschaft wird ans Konzert kommen.

Ihre Mutter kommt aus Brasilien. Wie gross war ihr Einfluss auf Ihre Wahl, Musiker zu werden?
Wahrscheinlich sehr gross. Zum einen wuchsen wir zweisprachig auf. Meine Geschwister und ich – wir sprechen alle fliessend Portugiesisch. Andererseits liegen Welten zwischen den beiden Kulturen, mit denen ich aufgewachsen bin. Die Mentalitäten dieser beiden Länder – Schweiz und Brasilien – könnten unterschiedlicher nicht sein. Dieser Zusammenprall der Kulturen hat zu Hause immer wieder zu Spannungen, Reibungen und temperamentvollen Diskussionen und Auseinandersetzungen geführt. Meine Spontaneität und meine Neigung, wichtige Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu fällen, sind daher wohl eher unschweizerisch. Meine Mutter ist Perkussionistin und Tanzlehrerin. Kein Wunder, dass die Musik bei uns in der Familie immer einen sehr hohen Stellenwert hatte.

Wann haben Sie sich entschieden, Berufsmusiker zu werden?
Als ich nach der Lehre offiziell verkündete, dass ich jetzt von der Musik leben wollte, das sei mein lange gehegter Traum, hat das niemanden überrascht. Aber die Lehre musste ich zuerst erfolgreich abschliessen, mein Vater bestand darauf, das war ihm wichtig. Das Einzige, das er akzeptiert hätte: Wenn ich an das Konservatorium gegangen wäre, um das Handwerk eines Musikers von der Pieke auf zu lernen.

Heisst das, dass Sie sich das Gitarrenspiel selber beigebracht haben?
Nein. Ich hatte in Männedorf mit Dennis Roshard einen ausgezeichneten Lehrer. Dieser merkte aber bald, dass ich eigentlich eher ein Sänger als ein virtuoser Gitarrist bin. Schon bei der ersten Schulaufführung sang ich und begleitete mich selbst auf der Gitarre. Um Lieder zu komponieren, ist die Gitarre das beste Begleitinstrument.

Was braucht es heute, um im hart umkämpften Musikgeschäft das Oberwasser zu behalten?
Neben viel Durchhaltewillen und einer Prise Talent vor allem eines: Man muss als Musiker und Künstler sein eigener Unternehmer sein. Die schlechten Erfahrungen, die ich bei meiner ersten Platte machte, haben mir zu dieser Einsicht verholfen. Mir ist es wichtig, zu wissen, was um mich herum abgeht, ich brauche ein gewisses Mass an Kontrolle über mein eigenes Produkt: Fotos, Videos, Musikformate etc. Am Ende des Tages ist es eine einfache Milchbüchleinrechnung. Geld kommt rein, Geld geht raus. Ich engagiere Grafiker und Fotografen, sogar meinen Mitmusikern zahle ich die Gage selber aus.

Was ist Ihre künstlerische Vision?
Die ändert sich ständig. Zuerst wollte ich als Livemusiker mehr Sicherheit gewinnen. Das haben wir mit Hunderten von Konzerten mittlerweile erreicht. Für das aktuelle Album «Tuesday Songs» war die kreative Vision eine andere: Wie kriegen wir die gleiche Intensität auf den Tonträger, die wir live erreichen? Die Lösung hört sich simpel an: Wie die Motown-Bands der Sechzigerjahre spielten wir das Album in einem Raum gemeinsam ein. Dank der hohen Professionalität meiner Mitmusiker schafften wir es, das Album innert sechs Tagen aufzunehmen. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Die Vision hat sich erfüllt.

Mit Marc Sway sprach Marcus May

Erstellt: 19.05.2010, 21:01 Uhr

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