Nicht nur ein Pirat will an die Macht

Bei den Stadtratswahlen in Winterthur versuchen SVP und GLP erneut einen Sitz zu erobern. Damit dies gelingt, müssten die Stimmberechtigten aber ein amtierendes Stadtratsmitglied abwählen.

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Die amtierenden sieben Stadträte von Winterthur wollen alle weitermachen und treten am 9. Februar in corpore noch einmal an. Kampflos werden ihnen die Sitze aber nicht überlassen. Drei Herausforderer gibt es – drei Männer, die für Parteien in den Wahlkampf steigen, die heute nicht in der Exekutive vertreten sind. Josef Lisibach will der SVP wieder zu einem Regierungssitz verhelfen. Nachdem der Werkvorsteher Leo Iten 2002 nicht mehr antrat, versuchte die SVP in jedem Wahljahr vergeblich, einen Sitz zu erobern. Mit Lisibach (46) tritt diesmal ein erfahrener Gemeinderat an, als Ersatzmann rutschte er 2003 ins Parlament nach. Der Kantonspolizist will gemeinsam mit der CVP und der FDP die links-grüne Mehrheit im Stadtrat stürzen.

Den dritten Anlauf im Kampf um einen Stadtratssitz nehmen die Grünliberalen. Während sie mit Michael Zeugin zweimal scheiterten, setzen sie bei diesen Gesamterneuerungswahlen auf den Präsidenten der Ortspartei, Agrarökonom Beat Meier (49). Auch er sitzt im Parlament und setzte in der jüngsten Budgetdebatte rigoros den Rotstift an. Der dritte Herausforderer ist ein Fraktionskollege von Meier, Marc Wäckerlin (42) von der Piratenpartei. Er ist Mitbegründer der Landespartei und sitzt als einziger Pirat im Winterthurer Parlament. Er gilt dort als umtriebiger Politiker. Bei seinen Vorstössen zeigt sich sein Steckenpferd: die liberale Gesellschaft. So setzt er sich für mehr Freiheit und weniger Verbote ein und kämpft für volksnahe Belange wie das Fortbestehen des unter dem Namen Holidi bekannten Holzmanns in der Altstadt.

Wackelkandidatin Pedergnana

Alle bisherigen Stadträte wollen es aber nochmals wissen. Matthias Gfeller, heutiger Vorsteher der Technischen Betriebe, erreichte einst, was die Herausforderer anstreben: Der Grüne verschaffte seiner Partei im Jahr 2006 den ersten Regierungssitz. Jetzt will er ihn zum zweiten Mal verteidigen.

Mehr als doppelt so lange wie der 57-jährige Gfeller sitzt Sozialdemokratin Pearl Pedergnana in der Exekutive. Eine einzige Stimme Vorsprung hatte sie 2001 bei den Ersatzwahlen auf ihren Kontrahenten, den SVP-Nationalrat Jürg Stahl. Blickt man auf die Resultate der vergangenen Erneuerungswahlen, dürften die Herausforderer bei ihr die grössten Chancen haben: Von den gewählten Stadträten erzielte sie 2002 und 2006 das zweitschlechteste Resultat, 2010 sogar das Schlechteste. Die 54-Jährige führte neun Jahre lang das Schul- und Sportdepartement und wechselte 2010 ins Baudepartement.

Unbestrittener Präsident

Der amtierende Stadtpräsident, Michael Künzle (CVP), ist nach Pedergnana das dienstälteste Exekutivmitglied. Er löste 2005 seinen Parteikollegen Hans Hollenstein ab, der damals in den Regierungsrat gewechselt war. Bis 2012 stand Künzle dem Departement Sicherheit und Umwelt vor, heute ist er als Stadtpräsident für die Kultur zuständig.

Sein Präsidentenamt macht ihm in diesem Wahlgang niemand streitig. Noch vor zwei Jahren musste sich Künzle bei den Präsidiums-Ersatzwahlen gegen Yvonne Beutler (SP) durchsetzen. Die Newcomerin hat kein einfaches Jahr hinter sich: Sie übernahm Winterthurs Finanzdepartement und damit einen Schuldenberg. Die eloquente SP-Frau überzeugte bei ihren Sparübungen das bürgerliche Lager und dürfte im Februar von diesen Lorbeeren profitieren. Ebenfalls fordernd waren die letzten Monate für Sicherheitsvorsteherin Barbara Günthard-Maier (FDP). Sie stand nach der ausgearteten Tanzdemo im September in der Kritik. Mit ihrem konsequenten Vorgehen bei den Ausschreitungen erntete sie aber auch Lob. Günthard-Maier (41) sass sechs Jahre im Gemeinderat, bevor sie 2012 die abtretende FDP-Stadträtin Verena Gick beerbte.

Eine Amtsdauer hinter sich hat der zweite FDP-Vertreter Stefan Fritschi. Der Schul- und Sportvorsteher entpuppte sich als pragmatischer Sparer, der mit von einheimischen Architekten entworfenen Schulpavillons punktete, mit dem Cabriodach im Freibad Geiselweid aber scheiterte.

Ebenso lange wie Fritschi sitzt Nicolas Galladé (SP) im Stadtrat. Der Bruder von SP-Nationalrätin Chantal Galladé ist mit 38 Jahren der Jüngste des Gremiums. Trotzdem gilt er dank langjährigen Erfahrungen im Gemeinde- und Kantonsrat als Routinier, der sich zum eingeschlagenen Sparkurs bekennt, ihn aber nicht auf dem Rücken jener umsetzen will, die keine Lobby haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2014, 10:14 Uhr

Alle 10 Kandidaten auf einen Blick. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Alle auf einem Podium

Von fad bis provokativ
An einem Podium des «Landboten» trafen die Herausforderer gestern auf die Bisherigen. Der SVP-Mann Josef Lisibach fiel durch seine für die Partei ungewöhnliche Beisshemmung auf. Er liess sich nicht einmal durch Angriffe von Nicolas Galladé (SP) provozieren, der smart argumentierte und keine Konfrontation scheute. Profil zeigte der GLP-Kandidat Beat Meier, als er seinen Sparkurs gleich gegen zwei bisherige Stadträte standhaft verteidigte.

Auf Stimmenfang im gegnerischen Lager ging Yvonne Beutler (SP): Sie behauptete, von Eltern mit ähnlichen Werten wie der SVP-Mann zu stammen. Distanziert wirkte Stefan Fritschi (FDP), der nur in Fahrt kam, wenn es um den Bau von Schulpavillons ging. Über welche Kanäle der Pirat Marc Wäckerlin politisiert, war augenfällig: Er sass mit dem iPad auf dem Podium. Siegessicher gab sich der Patriarch der Runde, Stadtpräsident Michael Künzle (CVP). Im Vergleich erschienen die Bisherigen Pearl Pedergnana (SP) und Matthias Gfeller (Grüne) fad und konturenlos.

Anders Barbara Günthard-Maier (FDP): Unbeirrbar verteidigte sie das Verhalten der Polizei bei den Tanzdemo-Ausschreitungen und bot dadurch Angriffsfläche. (pia)

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