Österreicherinnen sorgen für Aufruhr

Die einstige Wilemer Seidenfabrik öffnete ihre Tore. Besucher erfuhren dabei, warum ein Radio dem Tösstaler Ort wieder Ruhe brachte.

Wasserkraft trieb anfangs die Webstühle an: Am Schweizer Mühlentag konnten die Besucher die einstige Wilemer Seidenfabrik bestaunen.

Wasserkraft trieb anfangs die Webstühle an: Am Schweizer Mühlentag konnten die Besucher die einstige Wilemer Seidenfabrik bestaunen. Bild: James D. Walder

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Im Innern der alten Fabrik, wo es nach Schmierfett riecht, bewegen sich massive Eisenteile geräuschvoll – angetrieben durch die Wasserkraft. Das Schmuckstück steht mitten im Raum der Mühle: ein Peitschenwebstuhl aus dem Jahre 1910. Ralph Bachmann vom Verein «Weberei» Rosenberg führt am Schweizer Mühlentag durch die einstige Seidenweberei von Wila.

Die Wasserkraftanlage Rosenberg trieb damals die Webstühle an. «In den Anfängen der Fabrik war der Strom noch nicht erfunden, deshalb musste die Energie mechanisch umgelenkt werden», sagt Bachmann. «Die Anlage, die rund fünf Kilowattstunden produziert, dürfen wir nur für Anschauungs- und Schulungszwecke in Betrieb nehmen.» Denn die kleinen Bäche dürften nicht zur Stromherstellung genutzt werden.

Ein Radio bringt Ruhe

Jakob Kunz (84), der in einer Weberei in Wald sein Handwerk gelernt hatte, ist von den Maschinen fasziniert: «An einem solchen Webstuhl stand ich um 1943 als Lehrling.» Bis zu 600 Fäden seien darin gespannt. Der Webstuhl hier sei eine Dauerleihgabe des Winterthurer Museums Technorama, «die Originalwebstühle der Seidenweberei waren nicht mehr vorhanden», weiss Kunz.

In den heutigen Fabriken sei natürlich alles vollautomatisch. «Aber um die Fäden zu spannen, braucht es immer noch Menschenhände. Eine Maschine kann das nicht», sagt Kunz schmunzelnd, der ebenfalls Mitglied im Verein «Weberei» Rosenberg ist. Kunz bückt sich tief über den Webstuhl – ein Faden ist gerissen. Die Detektivarbeit beginnt. Geduldig prüft der 84-Jährige die Fäden des alten Webstuhls. Die 30 Webstühle wurden bis in die 1930er-Jahre mit Wasserkraft angetrieben – danach sorgten schrittweise Elektromotoren für den nötigen Schwung. In den 1950er-Jahren produzierte die Seidenfabrik in Wila vor allem feine Krawattenstoffe. «Damals kamen viel Arbeiterinnen aus Wien nach Wila», sagt Bachmann. Das habe für Aufsehen im kleinen Ort im Tösstal geführt. «Denn die Damen gingen auch mal ins Dorfrestaurant, wo Musik gespielt wurde. Für die jungen Frauen aus Wila wäre das aber undenkbar gewesen.» Nach Absprache mit dem amtierenden Gemeindepräsidenten habe der Fabrikbesitzer dann aber ein Radio gekauft. Nur so blieben die österreichischen Arbeiterinnen am Feierabend in ihren Zimmern oben im Gelände der Seidenfabrik.Im Jahre 1975 musste die Seidenfabrik ihre Tore schliessen – als Folge der globalen Ölkrise.

Erstellt: 05.06.2011, 23:38 Uhr

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