Pioniere beim Verbrennen von Leichen

Vor 120 Jahren baute ein Verein das Krematorium Sihlfeld. Es war das dritte in Europa und das erste der Schweiz. Die Kirche reagierte damals entsetzt.

Nur für Fortschrittliche: Das erste Krematorium Sihlfeld war bis 1915 in Betrieb. Heute dient es als Abdankungshalle.

SOPHIE STIEGER

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Die Prediger in Zürichs Landgemeinden waren erzürnt. Erzürnt über die gottlosen Städter, die es sich erlaubten, Leichen zu verbrennen. Und sich so den Regeln der Kirche und der Bibel widersetzten.

Das war vor 131 Jahren, als die Zürcher 1877 dem Bau eines Krematoriums zustimmten. Als Standort war der im gleichen Jahr eröffnete Friedhof Sihlfeld vorgesehen. Bis der «Leichenverbrennungsverein für Zürich und Umgebung» genügend Geld gesammelt hatte, verstrichen allerdings zehn Jahre. 1889 wurde das Krematorium eingeweiht. Damit war Zürich nach Mailand und Dresden die dritte europäische Stadt mit einer solchen Anlage. Eine Pionierleistung.

Stadtbaumeister Arnold Geiser hatte einen hohen Bau entworfen, der sich an griechischen Tempeln orientierte und auf jegliche christliche Symbolik verzichtete. Die Verbrennungsanlage hatte ein Pariser Ingenieur ausgetüftelt. Der Ofen arbeitete diskret. Niemand bekam zu sehen oder zu riechen, was sich im Inneren abspielte.

Schwächung der Religion

Das Wettern der Landpfarrer beeindruckte die Städter wenig. Sie waren beseelt vom Fortschrittsglauben. Sogar der Pfarrer der Peterskirche sagte, dass nichts in der Bibel gegen die Leichenverbrennung spreche. Mit dieser Meinung stand er jedoch ziemlich allein. Das Christentum bekundete lange Mühe mit der Feuerbestattung. Karl der Grosse hatte sie 785 verboten und als heidnisch verurteilt. Nach den Hexenverbrennungen im späten Mittelalter galt sie als die antichristliche Todesart schlechthin. Erst aufgeklärte Naturwissenschaftler begannen im 19. Jahrhundert, sich wieder mit der Einäscherung auseinanderzusetzen. Weil die Bevölkerung während der Industrialisierung rasant wuchs, herrschte auf den mittelalterlichen Friedhöfen, die noch mitten in den Städten lagen, Platznot. Ein effizienter Verbrennungsapparat sollte das Problem auf hygienische Weise lösen. Dies ärgerte viele Kirchenvertreter. Sie befürchteten, die Verbrennung könne christliche Rituale gefährden. Und werde nur eingeführt, um die Religion zu schwächen.

In Zürich liessen sich zu Beginn tatsächlich vor allem «Fortschrittliche» einäschern. Zu ihnen gehörte auch der Schriftsteller Gottfried Keller, dessen Leiche 1890 verbrannt wurde. Im ersten Jahrzehnt ab 1889 entschieden sich pro Jahr durchschnittlich 60 Menschen für die Einäscherung. Bald wurde der Andrang auf den kleinen Ofen aber so gross, dass die Stadt 1915 – ebenfalls auf dem Friedhof Sihlfeld – ein grösseres, prunkvolles Krematorium hinstellte. 1916 liessen sich bereits rund 600 Menschen kremieren. Die Aschenbestattung war mehrheitsfähig geworden. «Der Anstieg hing aber auch mit der schnell wachsenden Stadtbevölkerung zusammen», sagt der städtische Grabmalsachverständige Meinrad Huber.

Unter den Boden

In den Krematorien Sihlfeld pflegte man einen direkten Umgang mit dem Tod. Der Sarg rollte vor den Augen der Angehörigen in den Verbrennungsofen. «Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen derart genug vom Tod, dass ihnen diese Nähe zu viel wurde», sagt Huber. Ausserdem seien Krematorien wegen ihrer Anwendung in Konzentrationslagern in Verruf geraten. 1962 verlegte man die Verbrennungsanlage des Krematoriums Sihlfeld deshalb in den Keller. Beim Krematorium, das die Stadt 1967 im Friedhof Nordheim baute, trennte man Abdankung und Verbrennung von Anfang an. «Der Tod gilt in unserer Gesellschaft als Bedrohung», sagt Huber. «Deshalb verstecken wir die Verbrennung lieber unter dem Boden.» Früher, als die Sterblichkeitsrate bedeutend höher lag, habe das Sterben zum Alltag gehört. Daher sei man lockerer mit ihm umgegangen.

In Zürich hat sich die Aschenbeisetzung mittlerweile fast flächendeckend durchgesetzt. 86 Prozent aller Menschen entscheiden sich dafür. Das Krematorium Nordheim, in dem seit 1992 alle städtischen Einäscherungen stattfinden, bewältigt rund 6000 Leichen pro Jahr. Es gehört damit zu den grössten Europas. Das setzt eine straffe Organisation voraus. Ein Ingenieur, der im Nordheim arbeitet, beschreibt dies so: «Was mich hier umgibt, ist zu 90 Prozent Technik und höchstens 10 Prozent Bestattungskultur.»

In der Gesamtschweiz liegt der Anteil der Einäscherungen bei ungefähr 67 Prozent. Am tiefsten ist er in ländlichen, katholischen Gebieten. Zwar hat der Papst 1964 das Verbot der Kremation aufgehoben. Rom empfiehlt die Erdbestattung aber immer noch als beste Lösung. Das Judentum und der Islam lehnen die Kremation weiter ab.

In Zürich spielen religiöse Gründe gemäss Huber meist nur noch eine untergeordnete Rolle bei der Wahl der Bestattungsart. Entscheidend sind persönliche Überlegungen: «Die Menschen fragen sich, ob sie lieber von Würmern gefressen oder in Flammen aufgehen wollen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2008, 21:32 Uhr

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