«Praktisch jeder hatte das Video auf seinem Smartphone»

Teenager B.A. wird mit einer Geldstrafe und Sozialarbeit gebüsst, weil er das «Ice-Tea-Video» auf seinem Handy hatte – wie so viele andere Jugendliche auch, die aber nicht bestraft wurden.

Download mit Folgen: Kinder nutzen Smartphone. 
Bild: Keystone

Download mit Folgen: Kinder nutzen Smartphone. Bild: Keystone

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B. A.* ist im Grunde ein normaler, unauffälliger Schüler aus dem Kanton Zürich. Verbrechen und grobe Gesetzeskonflikte kannte er bis anhin nur aus dem Fernsehen. Seit gestern ist er ein Gesetzesbrecher. Er wurde von der Jugendanwaltschaft wegen Besitz von Kinderpornografie belangt.

Die Geschichte sollte Eltern aufhorchen lassen. Was ist passiert? Es geht um das sogenannte «Ice-Tea-Video», das hierzulande für Aufsehen sorgte (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Mitschüler schickten B.A. die Aufnahmen einer 16-Jährigen, die ein Sexspiel mit einer PET-Flasche praktizierte. Zum Zeitpunkt, als B.A. die Aufnahmen per Whatsapp geschickt bekam, war das Video schon Tage prominent in den Schlagzeilen der Pendlerzeitung «20 Minuten». Mehrere Tausend Schüler tauschten sich die Sequenzen auf den Pausenplätzen aus.

Spielerei während Unterrichtspause

Während einer Unterrichtspause spielte B.A. auf Nachfrage von Mitschülern das Video ab. «Ich habe mir nichts Böses dabei gedacht. Praktisch jeder kannte das Video und hatte es auf seinem Smartphone», sagt der Schüler gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet rückblickend. Der «Ice Tea»-Clip hatte unter Jugendlichen längst zweifelhafte Popularität erlangt und wurde in den sozialen Medien rege diskutiert und kommentiert.

Aus Spass wurde schliesslich Ernst. Ein «Gspöndli» erzählte seinen Eltern vom Video, erwähnte beiläufig B.A.s Namen, worauf die besorgte Mutter die Lehrerschaft und Polizei einschaltete. «Unerwartet stand die Polizei vor der Tür», erinnert sich B.A. Die Jugendpolizei befragte den Schüler und beschlagnahmte sein Mobiltelefon. Auch seine Eltern wurden mehrfach zum Vorfall konsultiert. Schliesslich wurde ein Strafverfahren eröffnet.

Besitz von Kinderpornografie

Für die Behörden ist der Fall klar. Im ausgestellten Strafbefehl heisst es: «Strafbestand Pornografie Art. 1 ff Jugendstrafgesetz, Art. 32 Jugendstrafprozessordnung, Art 352 ff Strafprozessordnung. B.A. hat pornografische Schriften- , Ton- oder Bildaufnahmen einer Person unter 16 Jahren angeboten, gezeigt, überlassen.» Im Klartext: B.A. wird wegen Besitz von Kinderpornographie bestraft. 90 Franken Busse muss der Teenager bezahlen und einen Sozialeinsatz leisten. Insgesamt wurden so im Kanton Zürich neun Jugendliche bestraft, weil sie das schweizweit bekannte Sex-Video einer Minderjährigen auf dem Smartphone gespeichert hatten (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Angesichts der Bekanntheit des Videos und der Tatsache, dass dieses auf Tausenden Smartphones in der Schweiz verbreitet wurde, wirkt der Fall B.A. skurril. Auf Anfrage bei der Jugendanwaltschaft Zürich heisst es: Strafbar mache sich, wer das Video auf seinem Handy speichert. «Der Besitz ist entscheidend», sagte der Jugendanwalt. Die meisten an der Schule von B.A. kamen unbehelligt davon, weil sie nicht denunziert wurden.

Ex-Freund bleibt ungestraft

Weil B.A. das Video auf dem Smartphone vor den Augen der Polizisten löschte, darf er dieses heute wieder benutzen. Der Fall sei abgeschlossen, bestätigt die Mutter. Doch die Eltern von B.A. ärgern sich über die Tatsache, dass ihr Sohn strafrechtlich so belangt wurde. Auch ärgert man sich darüber, dass solch ein Vorfall womöglich negative Folgen auf die Reputation haben könnte. Immerhin, sagt die Mutter, sei man froh, dass der Vorfall keinen Eintrag ins Strafregister zur Folge habe. Die Tatsache, dass der Ex-Freund, der das besagte Video in Umlauf setzte, ungestraft bleibt, stösst auf Unverständnis. Immerhin habe er das Video in Umlauf gesetzt. Die Jugendanwaltschaften der Kantone Zürich und Aargau hatten darauf keine Antwort. Dafür seien sie nicht zuständig, hiess es auf Anfrage. Unklar bleibt auch, welche Behörden den Fall hätten verfolgen müssen.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 05.04.2013, 15:21 Uhr

Was sagt der Experte?

Elf Jugendliche wurden bestraft, weil sie das sogenannte «Ice-Tea-Video» auf ihrem Mobiltelefon abspeicherten, das intime Bilder einer Minderjährigen zeigt. Auch die junge Frau, Urheberin des Videos, gehört zu den Teenagern, gegen die im Kanton ein Verfahren eröffnet wurde. Ihr wird Herstellung von Kinderpornografie vorgeworfen. Das Verfahren ist noch hängig. Ob und wie sie bestraft wird, steht damit noch nicht fest.

Stephan Oetiker, Direktor der Jugendorganisation Pro Juventute, sieht die Anklage gegen das Mädchen bei einer «rein technischen Betrachtung des Falls» als korrekt an. «Ich hoffe allerdings auf Sensibilität der Staatanwaltschaft in diesem Fall, denn das Mädchen wird hier vom Opfer zum Täter gemacht», so Oetiker. Es brauche hier vor allem Unterstützung für das Opfer.

Gegen den Ex-Freund des Mädchens, der das Video hochgeladen haben soll, wird kein Strafverfahren eröffnet, da ihm nichts nachgewiesen werden kann. «Es ist ihm wohl gelungen, seine Spuren zu verwischen», kommentiert Stephan Oetiker. (Text: Jikhareva Anna)

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