«Provokation war nie die Absicht»

Thomas Bechtler holte Sol LeWitts «Cube» nach Uster. Er glaubt, dass er auch in 100 Jahren noch dort steht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie wollten das Kunstwerk «Cube» der Stadt Zürich schenken und in Absprache mit dem Künstler am Zürichhorn aufstellen. Doch die Stadt wollte nicht. Jetzt ist der Würfel nach so langer Zeit in Uster doch noch realisiert worden. Was empfinden Sie?
Es ist überwältigend, das Kunstwerk an einem so schönen Ort zu sehen. Eine lange Geschichte ist zu einem guten Abschluss gekommen. Allerdings haben wir nicht 25 Jahre ununterbrochen einen Standort gesucht. Zuerst wurden während sieben oder acht Jahren in Zürich verschiedene Varianten geprüft. Dann kam St. Gallen ins Spiel, wo meine Familie das Bürgerrecht besitzt. Der Ort auf dem Hochschul-Campus wäre sehr schön gewesen, doch Nachbarn beschwerten sich, sie sähen dann den Säntis nicht mehr. Auch in Zug ist das Projekt gescheitert. In diesen Jahren bis heute war das Werk nur als Konzept auf Papier vorhanden.

Warum hat es nie geklappt?
Die Essenz dieses Kunstwerks ist die Radikalität. Alles, was zu einer Skulptur gehört, ist da: Flächen, Kanten, Volumen. Aber mehr ist nicht da, und das irritiert. Sol LeWitt wollte den Geniegestus des Künstlers minimieren zugunsten der Sichtbarkeit des Schaffensprinzips. Die Entstehung eines Kunstwerks sollte für den Betrachter nachvollziehbar sein. Mit dieser Radikalität sind jedoch viele Leute nicht klargekommen.

Warum hat es jetzt doch noch geklappt? Ist Uster fortschrittlicher als Zürich, kunstverständiger?
Es sind immerhin 25 Jahre vergangen; das Publikum hat sich gewöhnt an unerwartete Kunst im öffentlichen Raum. Man hat inzwischen auch ganz anderes gesehen, sodass der «Cube» heute niemanden mehr aufregt. Auch ist der Würfel jetzt eingebettet in ein Areal, das wir als Ganzes sorgfältig planen und gezielt mit hervorragender Architektur und Kunst entwickeln. Das hat der Stadtrat von Uster geschätzt und seine Zustimmung rasch erteilt.

Wenn der «Cube» heute nicht mehr provoziert – ist es dann immer noch dasselbe Kunstwerk wie vor 25 Jahren?
Provokation als solche war nie Sol LeWitts Absicht. Der Würfel ist ein Werk der Ernsthaftigkeit und Konsequenz. Wegen seiner Radikalität wurde es zwar von vielen als Provokation empfunden, doch das geschah zu Unrecht. Das Kunstwerk ist immer noch dasselbe, aber die Zeit ist anders. Sol LeWitt gilt heute als einer der grössten Künstler des 20. Jahrhunderts, der in jedem grossen Museum vertreten ist. Auch das beeinflusst die Wahrnehmung. Doch vor 25 Jahren haben sich sogar Heroen der Zürcher Konkreten und ihre Begleiter gegen den «Cube» ausgesprochen. Sie hatten nicht die Offenheit, einem solch radikalen Werk unvoreingenommen zu begegnen. Das hat sich später geändert.

Aber der «Cube», der ans Zürichhorn sollte, war weiss angestrichen. Jetzt ist er unverputzt grau. Das schwächt doch den angestrebten Kontrast von Natur und Kunstwerk.
Der Kontrast Natur-Kunst ist für den «Cube» nicht zwingend. Es gäbe noch andere Möglichkeiten, den Würfel aufzustellen. Entscheidend ist, dass er sich gegenüber seiner Umgebung klar abgrenzt. Das könnte auch mitten in der Stadt sein oder auf einem Betonplatz.

Und warum ist er nicht mehr weiss?
Sol LeWitt empfand den weissen Anstrich mit der Zeit als Dekorationsschicht. Er wollte noch radikaler sein im Zeigen des Konstruktionsprinzips. Das geht besser, wenn Stein und Fugen direkt sichtbar sind.

Was will uns dieses Kunstwerk eigentlich sagen?
Zuerst einmal ist es eine Skulptur in der einfachst möglichen Formensprache: Fläche, Kante, Oberfläche, Volumen. Weil die Skulptur so einfach ist, lässt sie uns darüber nachdenken, was überhaupt eine Skulptur ausmacht. Am «Cube» sehen wir nichts mystisch Überhöhtes, sondern das sehr schnell nachvollziehbare Gestaltungsprinzip. Wir erleben das Prinzip der Transparenz! Transparenz ist für unsere Kultur entscheidend. Sie ist beispielsweise zwingend für das Funktionieren der Demokratie, oder sie beherrscht zurzeit auch die Wirtschaft, wo die Managerlöhne umstrittenes Thema sind, oder den Bereich der Menschenrechte. Der «Cube» steht so gesehen in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang.

Innen ist er hohl. Wäre seine Wirkung nicht stärker, wenn wir wüssten, dass der Würfel kompakt ist?
Vielleicht. Doch das war dem Künstler nicht wichtig. Was er wollte, war ein Deckel. Er besteht aus einer Schicht Backsteine auf einer Betonplatte.

Der Würfel ist eine Dauerleihgabe der Walter-A.-Bechtler-Stiftung, die Ihr Vater 1955 gegründet hat. Die Stiftung brachte auch Tinguelys «Heureka» nach Zürich oder Robert Müllers «Fanfare». Wieso ist die Familie Bechtler eigentlich so erpicht darauf, den öffentlichen Raum mit Kunst zu bestücken?
Mein Vater bedauerte damals sehr, dass in Zürich nur lokale Künstler berücksichtigt wurden. Er wollte, dass Kunst im öffentlichen Raum denselben Qualitätsansprüchen genügt wie im Museum. Zudem hatte er – wie ich – eine Affinität für Skulpturen und für sperrige Werke, die noch nicht akzeptiert sind. Dahinter stand wohl auch ein pädagogischer Hang: Verständnis zu wecken für Werke, die zuerst Widerstand erzeugen, sich auf Dauer aber als wertvoll erweisen.

Heute ist der öffentliche Raum überstellt mit technischen Anlagen, Reklamen, Bänken, gestylten Abfallkübeln, Zeitungsboxen – und Kunst. Braucht es da noch mehr Kunst?
Kunstwerke sind nicht sakrosankt, man muss sie auch entfernen können, wie wir das ja mit der «Fanfare» getan haben. Die Situation heute ist auch kaum mehr vergleichbar mit den 50er-Jahren. Die städtischen Stellen gehen viel professioneller mit der Kunst im öffentlichen Raum um. Das ist eine Folge der «Cube»-Debatte. Wir haben deshalb den Stiftungszweck erweitert, um Installationen auch in einem Museum oder anderen Räumen zeigen zu können. Für Walter De Marias «The 2000 Sculpture» suchen wir einen Raum im Engadin oder für Thomas Hirschhorns «Swiss Army Knife» ein Museum in der Schweiz.

Wollen Sie der Stadt Zürich nichts mehr schenken?
Momentan haben wir für Zürich kein Projekt, sondern konzentrieren uns auf den Zellweger-Park. Dort steht schon die Holzbrücke von Tadashi Kawamata, die «Helvetia» von Richard Kissling oder der «Moosfelsen» von Fischli/Weiss.

Haben sie einen Zusammenhang?
Ja, es sind Objekte, die erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen geben, dass sie auch Kunstwerke sind. Kawamatas Brücke sieht aus wie angeschwemmtes Holz. Der «Moosfelsen» sieht aus, als ob er dort schon immer steht, dabei haben ihn Fischli/Weiss» erst kürzlich aus bayrischem Tuffstein aufgeschichtet und bewässert. Auch der «Cube» ist nicht auf Anhieb als Kunst erkennbar. Alle drei Werke leben von derselben Geisteshaltung.

Wie wird der «Cube» in zehn Jahren aussehen? Wie ein Mooswürfel?
Nein. Er muss im Sinne des Künstlers sauber gehalten werden. Sprayereien werden entfernt.

Und wie lange wird er dort stehen?
Das ist offen. Wir sind mit der Stadt Uster vorerst eine Verpflichtung auf zehn Jahre eingegangen, aber ich nehme an, er steht dort auch noch in 100 Jahren.

Erstellt: 10.06.2011, 21:35 Uhr

Thomas W. Bechtler

Bechtler, geboren 1949 in Zürich, ist Delegierter des Verwaltungsrats der Hesta AG, Zug, einer Immobilien- und Investment-Gesellschaft. Die Zellweger Luwa hatte ihren Hauptsitz in Uster und war der Hesta AG vor ihrer Veräusserung. Das Firmenareal ist weiterhin im Eigentum Brüder Ruedi C. und Thomas W. Bechtler über deren Firma Zellweger Park AG. Zusammen mit seinem Bruder führt er auch Walter-A.-Bechtler-Stiftung, die Skulpturen im öffentlichen Raum platziert. (jr)

Artikel zum Thema

Der Würfel ist gefallen

In Zürich verschmäht, in Uster willkommen: 25 Jahre nach dem grossen Aufruhr ist Sol Le Witts Kunstwerk «Cube» demnächst vollendet. Mehr...

Der «Stein des Anstosses» kommt nach Uster

Seit 1986 ist der von Zürich einst verschmähte «Cube» nie mehr ausgestellt worden. Im Frühling wird er in Uster aufgestellt. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...