Schweizer Tomaten können die Gesundheit gefährden

Das Kantonale Labor ist auf ein neues Phänomen gestossen: Zu viel Reifehormone auf einheimischen Tomaten.

Weisen häufig ein Übermass an Reifehormonen auf: Schweizer Rispentomaten aus konventionellem Anbau. Foto: Getty Images

Weisen häufig ein Übermass an Reifehormonen auf: Schweizer Rispentomaten aus konventionellem Anbau. Foto: Getty Images

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Ethephon? Noch nie gehört. «Das ist mir gleich gegangen», gibt der Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter ­unumwunden zu. Doch habe das Kan­tonale Labor letztes Jahr einen «Wink» bekommen, dass dieses Reifehormon bei Tomaten übermässig zum Einsatz komme. Die weitere Geschichte steht im gestern veröffentlichten Jahresbericht des Kantonalen Labors: Von 141 Tomatenproben wiesen 64 Ethephon-Rückstände auf. Betroffen sind vor allem ­Rispentomaten aus konventionellem Anbau und fast nur Schweizer Tomaten. 62 der 86 Schweizer Tomaten wiesen ­Ethephon-Rückstände auf, dazu kommen eine italienische und eine hollän­dische Sorte – Letztere entpuppte sich als falsch deklarierte Schweizerin.

Ethephon ist ein zugelassener Reifebeschleuniger, doch dürfen die Rückstände nicht mehr als 1 mg/kg betragen. Bei einem Viertel der Schweizer Tomaten wurde dieser Wert überschritten – bis zum Zwölffachen. «In der Schweiz war der Wirkstoff bis anhin kaum bekannt», sagt Etter. «Er wird mit den ­routinemässigen Untersuchungen nicht erfasst.» In Deutschland dagegen kam es vor drei Jahren zum Rückruf von Peperoni, weil sie zu viel Ethephon auf­wiesen. Die Chemische Untersuchungs­anstalt Stuttgart war es denn auch, welche die Zürcher Kollegen instruierte, wie man Ethephon nachweist.

Durchfall nach Tomatensauce

Wer zu viel Ethephon erwischt, kann Durchfall bekommen oder verspürt einen verstärkten Harndrang. In einem Bericht des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung wird ausgeführt, dass die «akute Gesundheitsgefährdung» durch Ethephon-Rückstände für Kinder bei 1,65 Milligramm pro Kilo Körper­gewicht, bei Erwachsenen ab 4 mg/kg Körpergewicht beginnt. Allerdings werden die Beeinträchtigungen als «leicht bis geringfügig» eingestuft. «Also kein Grund zur Panik», sagt Etter. Aber es handle sich um einen klaren Verstoss gegen das Lebensmittelgesetz. «Solche Tomaten sind für den Verzehr nicht ­geeignet.»

Aufgrund des Befunds wurden mehrere Ladungen aus dem Verkehr gezogen und vernichtet, Produzenten gesperrt und sensibilisiert und die Lebensmittelkontrollen anderer Kantone informiert. Im Gespräch mit den fehlbaren Produzenten hat sich allerdings ergeben, dass die Anwendung dieses Reifehormons offenbar schwer zu kontrollieren ist. «Der Abbau scheint schwer einzuschätzen», sagt Etter. Es ist geplant, bei der nächsten Ernte anstelle von Ethephon das besser erprobte Reifegas Ethylen einzusetzen. Dieses ist laut Etter auch ein gutes Hausmittelchen, um Tomaten oder Kiwis schnell nachreifen zu lassen: «Man legt sie mit zwei Äpfeln in eine Schale, denn diese verströmen Ethylen.»

Während die Tomaten stärker auf den Radar der Lebensmittelkontrolle geraten sind, gibt es gute Nachrichten vom Wintersalat. Jahrelang galt er wegen Pestizidrückständen als Problemprodukt. Letztes Jahr wurden von den 119 Proben nur noch drei beanstandet. «Das zeigt, dass die hartnäckigen Kontrollen und die konsequent umgesetzten Verbesserungsmassnahmen etwas bewirken», ist Etter überzeugt. Ebenfalls ein gutes Zeugnis erhalten Biofrüchte und ­Biogemüse.

Eine Eidechse als Antipasto

Als «inakzeptabel» wird hingegen der Zustand bei Produkten aus Asien bezeichnet. So musste letztes Jahr mehr als ein Drittel der Proben exotischen Gemüses beanstandet werden. Meist werden zu hohe Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gemessen. Etter rät deshalb: «Wer nicht absolut zuverlässige Lieferanten hat, sollte auf Importe von asiatischen Lebensmitteln verzichten.»

Das Kantonale Labor Zürich hat 2013 rund 13'400 amtlich gezogene Proben von Lebensmitteln chemisch, mikro­biologisch oder physikalisch untersucht. Zwölf Prozent der Proben wichen von den gesetzlichen Vorgaben ab. Eine Probe brachte allerdings auch gestandene Lebensmittelkontrolleure in die Sätze: In einem Glas mit eingelegten Artischockenherzen befand sich eine tote Eidechse. Das Tierchen lag von der Etikette leicht verdeckt, doch unübersehbar im Öl. Die Aufklärung des Falles führte über die Prozessanalyse beim Hersteller in Italien zu Laboruntersuchungen bezüglich Mikrobiologie bis hin zur Abklärung beim Zürcher Zoo hinsichtlich Giftigkeit der Eidechse.

Nur zwölf richtige Grüsel

Der Befund: Es handelt sich um einen Einzelfall, und es wurden keine Gifte oder mikrobiologischen Verunreinigungen im betroffenen Glas festgestellt. Es wurde entsorgt, der Fall abgeschlossen. Die Eidechse als Antipasto war nur grauslich, aber nicht gesundheitsgefährlich.

Bei den Kontrollen von Restaurants und anderen Lebensmittelbetrieben im Kanton Zürich wurden achtzig Prozent als einwandfrei beurteilt. Kleinere Mängel mussten bei siebzehn Prozent beanstandet werden – das entspricht ungefähr dem Resultat der letzten Jahre. Nur in zwölf Betrieben war die Lebensmittelsicherheit nicht garantiert. In ihnen wurden Sofortmassnahmen verlangt, die bis hin zur Schliessung gehen können.

Erstellt: 21.05.2014, 02:05 Uhr

Gammelkunde
«Abgelaufen» gibt es nicht

Viele Lebensmittel werden weggeworfen, weil das Ablaufdatum überschritten ist. «Abgelaufene Nahrungsmittel gibt es nicht», sagt der Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter. Deshalb ist er nicht sehr glücklich über jene beiden Begriffe, die bei vielen Lebensmitteln als sogenanntes Ablaufdatum angebracht werden: «Mindestens haltbar bis» und «Verbrauchen bis». Im Englischen wird das «mindestens haltbar bis» mit «best before» angegeben. Das drücke viel besser aus, worum es gehe, findet Etter. Diese Lebensmittel sind nämlich nach Ablauf dieses Datums nicht verdorben und schon gar nicht gesundheitsgefährlich. Sie weisen höchstens kleinere oder grössere Beeinträchtigungen von Geruch, Geschmack oder auch nur Aussehen auf. Oder die Inhaltsstoffe, etwa die Vitamine, sind vermindert. «Solche Lebensmittel können problemlos noch genossen werden, wenn sie nicht offensichtlich verdorben sind», sagt der Kantonschemiker. Anders ist das beim Verbrauchsdatum («verbrauchen bis»). Dieses wird üblicherweise nur bei Lebensmitteln angegeben, die heikel sind, also mikrobiologisch leicht verderben. Sie sollten nach Ablauf der angegebenen Frist auch dann nicht mehr gegessen werden, wenn sie noch einwandfrei erscheinen. (net)

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