See Siang Wong spielt neue Schweizer und alte Wiener Diplomat Valentin Inzko widerspricht Peter Handke

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kurz & kritisch

CD

Wer im Zusammenhang mit China und Klavier nur an Lang Lang denkt, der sollte sich die CD «Swiss Piano» anhören, die See Siang Wong, der niederländische Pianist mit chinesischen Wurzeln und Zürcher Wohnsitz, eingespielt hat. Darauf findet sich unter anderem ein Stück von Mathias Steinauer, das mit seinem Titel «kurzkurz@Live at Carnegie» gleich mehrfach auf den Starpianisten verweist – und in seinen tröpfelnden und klöpfelnden Tönen doch weit mehr bietet als eine Parodie.

Gut sieben Minuten dauert das Stück, damit ist es eines der längsten auf der CD, mit der See Siang Wong einen ganz und gar nicht enzyklopädischen Querschnitt durch das neue Schweizer Klavierschaffen präsentiert. Klangexperimente und traditionelle Bedienung von Tastatur und Pedal, höchste Virtuosität und theatralische Gesten sind zu erleben in den Werken, die Daniel Fueter, Gérard Zinsstag, Alfred Zimmerlin, Jürg Wyttenbach und andere für Wong geschrieben haben. Nicht vertreten ist Rudolf Kelterborn, der den Pianisten einst auf die Idee eines solchen Schweizer Panoramas gebracht hatte: Seine «Klavierstücke 1–6» hat Wong schon auf einer anderen CD (bei Guild) herausgebracht.

Das ist kein Zufall, denn der 31-Jährige bringt auffallend viele Platten heraus, mit auffallend breitem Repertoire: So sehr er sich für Zeitgenössisches engagiert, so wenig mag er auf die grossen Klassiker verzichten. Beethoven-Hits von der «Pathétique» bis zu «Für Elise» hat er eingespielt, auch mit Schumann, Debussy oder Chopin zielte er ins Zentrum des Repertoires. Und nun, gleichzeitig mit «Swiss Piano», ist unter dem Titel «1782» eine CD erschienen, die Werke von Haydn und Mozart aus jenem Jahr enthält – ein bunt gemischtes Konzertprogramm im Stil der Zeit.

Flink spielt See Siang Wong, spielerisch geht er mit Verzierungen um, und der straffe, kammermusikalische Ton des Musikkollegiums Winterthur passt dazu. Im Booklet liest man dann noch, dass Wong im «Rondo all’Ungarese» in Haydns Klavierkonzert Nr. 11 mit Pergamentpapier auf den Saiten experimentiert habe – um auf dem Steinway den Janitscharen-Zug des damaligen Fortepianos zu imitieren. Er hat dann doch auf den Effekt verzichtet, weil das Stück auch ohne genügend «knallt». Aber man liegt wohl nicht falsch, wenn man denkt, dass ein Interpret ohne Erfahrung mit zeitgenössischer Musik kaum auf eine solche Idee gekommen wäre. Und ganz bestimmt liegt man richtig, wenn man in Wongs Interpretation auch bei den Klassikern jene Spielfreude heraushört, die seine pianistische Expedition in die heutige Schweiz geprägt hat.

Susanne Kübler

See Siang Wong: «Swiss Piano» (ZHdK-Records); CD-Taufe am Montag, 6. 12., um 19.30 Uhr in der Musikhochschule Zürich, Florhofgasse 6.

See Siang Wong, Musikkollegium Winterthur: «1782 – Werke von Haydn und Mozart» (Decca).

Literatur

Zagreb – Wenn Valentin Inzko über Peter Handke spricht, gerät er schnell ins Schwärmen. In seinen Äusserungen schwingt Stolz mit, dass «einer von uns» zu den wichtigsten Autoren deutscher Zunge zählt. Wie Handke ist auch Valentin Inzko ein Kärntner Slowene. Heute ist der Karrierediplomat Hoher Repräsentant der internationalen Gemeinschaft und EU-Sonderbeauftragter in Bosnien-Herzegowina. Mit anderen Worten: Inzko ist der Friedenswächter in einem immer noch vom Krieg gezeichneten Land. In diesen Tagen wird Valentin Inzko unerwartet von der Vergangenheit eingeholt.

In Erklärungsnot hat ihn sein Landsmann Peter Handke gebracht. Zuerst hat der Schriftsteller bestätigt, dass er im Dezember 1996 in einer «windschiefen Baracke» in den Bergen von Pale, unweit von Sarajevo, den «Serbenhäuptling» Radovan Karadzic getroffen hat. Danach erklärte Handke in einem Interview (TA vom Mittwoch), das Treffen mit Karadzic sei vom damaligen österreichischen Botschafter in Sarajevo, Valentin Inzko, vermittelt worden. Als Handke nach Pale reiste, lag das Massaker von Srebrenica anderthalb Jahre zurück. Karadzic war kurz nach dem Vernichtungsfeldzug in Srebrenica vom Haager UNO-Tribunal wegen Kriegsverbrechen und Völkermord angeklagt worden.

Dass Handke einen angeklagten Massenmörder durch seinen Besuch beehrt und mit ihm auch über die serbische Lyrik plaudert, darf als weitere Entgleisung angesehen werden. Die Episode wird aber zum Skandal, wenn ein Diplomat ein Treffen mit einem von der internationalen Justiz gesuchten mutmasslichen Völkermörder organisiert. Inzko bestreitet die Darstellung von Handke. Über seine Sprecherin lässt er mitteilen, dass er Karadzic nie begegnet sei und für niemanden Treffen mit ihm arrangiert habe. Auch für Handke nicht. Inzko sagt, er könne sich auch nicht erinnern, dass der Autor bei ihm übernachtet habe während des Bosnien-Besuchs. Man habe auch keine logistische Unterstützung für Handke geleistet. Weder Inzko noch der zuständige Fahrer hätten Handke in Pale abgeholt nach der Unterredung mit Karadzic.

Während Handke sich ziemlich genau entsinnen kann, wo er in Bosnien war und mit wem er gesprochen hat, macht Inzko vor allem Erinnerungslücken geltend. Die Wahrheit bleibt wieder einmal auf der Strecke.

Enver Robelli

See Siang Wong auf pianistischer Expedition in die heutige Schweiz.Foto: James Page

Erstellt: 03.12.2010, 19:35 Uhr

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...