Der diskrete Charme der Aristokratie (2)

Seit Jahrhunderten zu «aaständig Lüüt» erzogen

Reinhard und Florian von Meiss sind Cousins neunten Grades. Sie gehören zur ältesten Zürcher Familie, die bis heute überdauert hat.

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Der Stammbaum, den Reinhard von Meiss ausrollt, ist viereinhalb Meter lang. Während er lebhaft über Ahnen aus dem Mittelalter und über den «langen Hans», einen Göttibuben der letzten Fraumünsteräbtissin Katharina von Zimmern, plaudert, serviert sein Cousin Florian von Meiss Schwarztee. Die Umgebung ist überaus stilvoll, die beiden Herren ausnehmend höflich. Aber eines stellen sie von Beginn an klar: «Wir wollen keine Homestory. Es geht um unsere Familiengeschichte.»

Reinhard und Florian von Meiss sind Cousins neunten Grades und Mitglieder der ältesten Zürcher Familie, die bis heute überdauert hat. Mit Reinhard und Florian von Meiss sitzen die Vertreter der beiden Meissen-Zweige an einem Tisch, bei denen es noch Brüder und männliche Nachkommen gibt: Florian von Meiss Linie geht auf die Gerichtsherrschaft von Teufen bei Rorbas-Freienstein zurück. Nach dem Untergang des Alten Zürich (1798) trat sein Urgrossvater 1848 in die Dienste der österreichischen Armee ein und musste, um Offizier zu werden, zum Katholizismus konvertieren. Sein Vater kehrte 1927 nach Zürich zurück, doch blieb die Familie katholisch. «Zum Entsetzen vieler alter Zürcher», sagt Florian von Meiss.

Reinhard von Meiss repräsentiert den Familienzweig, der einst die Wülflinger Gerichtsherrschaft innehatte. Beim Wetziker Zweig gibt es keine männlichen Nachfolger mehr. Und nur diese zählen nach alter Väter Sitte. Die Meiss haben seit Mitte des 14. Jahrhunderts den Junker-Titel getragen und erhielten 1675 von Bürgermeister und Rat die lateinisch verfasste Bestätigung, dass sie seit Jahrhunderten «als von wahrem Adel» angesehen werden. Im 19. Jahrhundert haben sie den anachronistischen Junker-Titel gegen das «von» eingetauscht.

«Kein grosses Maul haben»

Was heisst es für sie, ein von Meiss zu sein? Florian von Meiss sagt: «Es ist kein Verdienst, diesen Namen zu tragen, doch ist es allenfalls eine Aufgabe, manchmal auch ein bisschen eine Last, diesem Namen Inhalt zu geben.» Welchen Inhalt? Sie seien dazu erzogen worden, «aaständig Lüüt» zu sein. «Dass man es recht und ein bisschen ehrenvoll macht und kein grosses Maul hat – früher auch noch, dass man Militär macht, wie es sich eben gehört.»

Die beiden von Meiss sind zwar im Pensionsalter, aber immer noch als Juristen tätig. Reinhard von Meiss war früher Firmenjurist eines grossen Unternehmens und leitet heute ein Rechts- und Wirtschaftsberatungsbüro. Florian von Meiss ist Senior und Konsulent in einer mittelgrossen Anwaltskanzlei, die sich unter anderem auf amerikanisches Recht spezialisiert hat. Beide sind kulturell interessiert, Reinhard von Meiss hat ursprünglich Germanistik und Kunstgeschichte studiert, Florian von Meiss setzt sich unter anderem aktiv für den Zürcher Hafenkran ein.

Sie sind wohlhabend, aber nicht steinreich. Sie wohnen stilvoll, aber nicht protzig. Die Häuser in der Altstadt, die den Meissen einst gehörten, wurden bereits von ihren Vorfahren veräussert, die Schlösser in Teufen und Wülflingen wurden Mitte des 19. Jahrhunderts verkauft. Florian von Meiss sagt: «Wir haben für unser Geld selbst gearbeitet, und unsere Kinder tun das auch.»

Florian von Meiss öffnet eine grosse hölzerne Truhe. Sie ist randvoll mit Dokumenten und Büchern zur Familiengeschichte. «Die will ich sichten, wenn ich in Pension gehe», sagt der 68-Jährige. Grossartiges erwarte er aber nicht. Zum einen, weil die meisten wichtigen Dokumente im Staatsarchiv liegen, dann aber auch, weil die Meissen nie sehr reich und auch nie sehr bedeutend gewesen seien. «Kein Bundesrat, kein General.» Dafür viel Understatement. Nur wenige andere Geschlechter waren so oft im Stadtregiment vertreten. «Unsere Familie diente immer der Stadt Zürich», sagt Reinhard von Meiss.

Gibt es auch schwarze Schafe bei den Meissen? «Richtig schlimme Gesellen nicht», sagt Reinhard von Meiss. Am ehesten sei der Sohn des Bürgermeisters Heinrich von Meiss, Junker Rudolf, der 1435 selbst kurz Bürgermeister war, ein schwarzes Schaf gewesen. Er verschleuderte den Besitz, machte Schulden, seine Frau lief ihm davon, und mit der Fraumünsteräbtissin zeugte er ein Kind. In die Kategorie Abenteurer gehört der Onkel von Florian von Meiss, der in Seglerkreisen legendäre Hans von Meiss, genannt Hans von Teuffen (gestorben 1984). Er hat 1949 einen Weltrekord in der Einhandüberseglung des Atlantik aufgestellt, war Sprengmeister in einer Kupfermine und Betreiber eines Busch-Hotels im Kongo, Frauenheld, Schauspieler – und mutmasslich Doppelagent für die Briten und die Deutschen. Sein Neffe sagt: «Für eine fundierte Arbeit über sein Leben würde ich eine Prämie aussetzen.»

«Kaum Chancen in der Politik»

Die von Meiss verkehrten immer in einflussreichen Kreisen. Sie sind Mitglied der Constaffel, und in der exklusiven Gesellschaft der Schildner zur Schneggen steht ihnen von jeher der erste Schild zu. Nur in der Politik trifft man sie, seit die Franzosen Zürich umgekrempelt haben, nicht mehr an. Damals habe man nichts mehr von den alten Familien wissen wollen, sagt Reinhard von Meiss. Und er ist überzeugt: «Noch heute hätte man mit unserem Namen kaum Chancen, politische Karriere zu machen.» Sein Cousin pflichtet ihm bei. Beide erzählen, wie sie in der Schule vonseiten der Lehrerschaft Vorurteilen begegnet seien. Man habe förmlich darauf gewartet, sie der Hochnäsigkeit zu überführen. «Da verhalten wir uns besser etwas still.»

Überhaupt ist ihnen Diskretion das oberste Gebot. Bei dem, was die Familie betrifft, genauso wie bei ehrenamtlichen Tätigkeiten. Etwa dem Engagement für den Bau einer Sportanlage in einem Bündner Dorf oder für den Segelverein. Oder für Beat Richners Kinderspital in Kambodscha. Dort sitzt Florian von Meiss seit Jahren im Stiftungsrat. «Solche Dinge hängt man nicht an die grosse Glocke», sagt er. Sie würden auch nie von sich aus ihre Familiengeschichte thematisieren. «Darüber rede ich nur mit Leuten, die das hören wollen.» So wie er sich mit jemandem, der sich für Schrebergärten interessiert, auch gern über seinen Pflanzplätz unterhalte. «Ich habe im Keller kiloweise eigene Kartoffeln und Zwiebeln eingelagert.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2013, 08:32 Uhr

Der Stammbaum der Familie von Meiss reicht bis 1225 zurück. Foto: Sophie Stieger

Treue Diener der Stadt Zürich

Die überlieferte Geschichte der Familie von Meiss beginnt 1225 mit einem Waltherus Meisa und setzt sich lückenlos bis heute fort. Heute lebt in Zürich noch etwa ein knappes Dutzend männliche Mitglieder der Familie. Die Junker Meiss waren hauptsächlich als Magistraten, Offiziere und Gerichtsherren im Dienste der Stadt Zürich tätig. Ökonomische Basis waren ab dem Ende des 16. Jahrhunderts Vogteien und Gerichtsherrschaften. Um 1600 ging die Gerichtsherrschaft Teufen an die Meiss, 1606 kam die Gerichtsherrschaft Wetzikon, 1634 jene von Wülflingen dazu. In der Stadt Zürich besassen sie verschiedene Häuser vorab in der rechtsufrigen Altstadt.

Nur am Rande mit den Meissen zu tun hat das Zunfthaus zur Meisen am Münsterhof. Dieses hat seinen Namen vom ehemaligen Zunfthaus der Weinleutenzunft an der Marktgasse, das vormals der Familie Meiss gehörte und daher Meissenhaus genannt wurde. Dieser Name wurde auf das neue Zunfthaus übertragen und gab der Zunft den Namen. Die von Meiss aber waren seit jeher Mitglieder der Constaffel.

Bedeutendstes Familienmitglied war Heinrich Meiss, der von 1393 bis 1427 Bürgermeister war. Sein Sohn Rudolf und sein Enkel Hans unterstützten im Alten Zürichkrieg die Eidgenossen und stellten sich gegen Bürgermeister Rudolf Stüssi. Rudolf wurde deshalb entmachtet, Hans gar enthauptet. Jakob Meiss starb als Bannerträger in der Schlacht von Marignano (1515), sein Sohn Hans auf dem Schlachtfeld von Kappel (1531), wo er für Zwingli und Zürich kämpfte, obwohl er noch dem alten Glauben anhing.

Nach dem Ende des alten Zürich 1798 wurde es still um die von Meiss. Vielfach familiär verbunden sind sie unter anderem mit den Escher von Luchs und mit den Familien Grebel und Hirzel. (net)



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