Sparen auf Kosten der Kranken? Bürgerlicher Sparkurs bringt das Pflegepersonal an den Anschlag

Wegen des bürgerlichen Sparkurses streicht die Stadt Zürich 25 Prozent der Aus- und Weiterbildungkosten. Der Druck auf das Pflegepersonal nimmt zu.Weil sie sparen muss, streicht die Stadt Zürich 25 Prozent der Kosten für die Aus- und Weiterbildung des Pflegepersonals; dazu werden Stellen gestrichen.

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Von Denise Marquard

Zürich – In Zürich kommen wieder mehr Babys zur Welt. Das führt zu einer Mehrbelastung des Pflegepersonals – zumal Ende November die Geburtenabteilung im Spital Sanitas Kilchberg geschlossen wurde. Eigentlich müsste mehr Personal eingestellt werden, doch das Gegenteil ist der Fall: Der Stadtrat hat in seinem Notbudget die sieben Stellen gestrichen, die nach dem Ausbau der Frauenklinik des Triemlispitals geplant waren. Zudem müssen die Stadtspitäler Waid und Triemli sowie die sieben Pflegezentren der Stadt Zürich ihr Budget bei der Aus- und Weiterbildung des Pflegepersonals um 25 Prozent kürzen.

Deutlich mehr Patienten

Im Klartext bedeutet dies: Der Stadtrat gibt den Spardruck, der ihm vom Parlament auferlegt wird, ans Pflegepersonal weiter. Wie gross die Belastung inzwischen ist, zeigen folgende Zahlen: Die beiden Stadtspitäler sind ausgelastet wie noch nie. Das Triemli verzeichnete 2010 im stationären Bereich etwas mehr als 20?000 Patienten gegenüber 19?477 im Jahr 2009. Im Waidspital stieg die Zahl der Patienten von 9288 auf 9526 im Jahr 2009. Das bedeutet für die Pflegenden, dass sie immer mehr und immer kränkere Patienten in immer kürzerer Zeit betreuen müssen. Die Bettenbelegung steigt. Im Triemli sank die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Patienten von 8,2 im Jahr 2009 auf 7,8 Tage im letzten Jahr. «Der Anstieg der Patientenzahlen führt zu einer Mehrbelastung, die uns manchmal zu schaffen macht», sagt Rolf Gilgen, Direktor des Waidspitals.

Am 1. Januar 2012 wird in den Zürcher Spitälern die Fallpauschale eingeführt. Auch das erhöht den Spardruck aufs Personal. Gilgen hat deswegen den Stellenplan über alle Berufsgruppen hinweg um elf Stellen reduziert. «Wir müssen konkurrenzfähig bleiben und können nicht mehr Personal fordern. Entlassungen sind aber nicht vorgesehen.»

Die Kürzung der Aus- und Weiterbildungsbeiträge fürs Pflegepersonal steigert dessen Belastung zusätzlich. «Ein grosser Teil ist in der obligatorischen Fachausbildung gebunden», sagt Susanna Heckendorn, Mediensprecherin des Triemlispitals. Deshalb sieht sich das Triemli gezwungen, den gesamten Betrag für Weiterbildung einzusparen. Auch im Waidspital und in den Pflegezentren steht dieses Jahr weniger Geld für die interne Ausbildung zur Verfügung, beispielsweise für Wiedereinsteigerinnen. Sie werden zwar dringend gebraucht, um den zu erwartenden Pflegenotstand in ein paar Jahren zu mildern. Auch Führungskurse fallen dem Rotstift zum Opfer. «Wir vertrösten das Personal auf das nächste Jahr», sagt Gilgen.

Viele Stellenwechsel

Fehlt das Geld für die Weiterbildung, leidet die Qualität des Pflegepersonals. Auch die Arbeitsplätze werden weniger attraktiv, die Fluktuation nimmt zu. Das wiederum verursacht Aufwand und kostet Geld. Der Personalwechsel im Triemli bewegt sich um 11 Prozent, im Waidspital zwischen 15 und 20 Prozent. Den Anstieg in den letzten Jahren führt Gilgen primär darauf zurück, dass das Waidspital eine grössere Zahl an Fachangestellten ausgebildet und angestellt hat. Viele von ihnen verlassen das Spital nach relativ kurzer Zeit wieder, um in die höhere Fachschule zu wechseln.

VPOD will Sparallianz spalten

Die Sparvorgaben der Stadt stehen im Widerspruch zu den Aufforderungen der kantonalen Gesundheits- und Bildungsdirektionen. Sie verlangen in der Pflege mehr Ausbildungsplätze, denn es ist absehbar, dass in der Schweiz bald ein grosser Mangel an Pflegepersonal herrschen wird. Die Berufsverbände sind ebenfalls unzufrieden. «Das ist kurzfristiges Denken», sagt Regina Soder vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen (SBK). «Wer das Pflegepersonal behalten will, muss in Aus- und Weiterbildung investieren.»

Bei den vom Stadtrat vorgelegten Kürzungen handelt es sich um einen Notsparplan. Er muss noch vom Gemeinderat abgesegnet werden. Deshalb schaltet sich nun die Gewerkschaft ein. Der VPOD will versuchen, den sozialen Flügel der bürgerlichen Parteien umzustimmen, und geht in den nächsten Tagen gezielt CVP- und EVP-Gemeinderäte an. Zudem will die Gewerkschaft mit einer Demonstration am 9. Februar vor der Parlamentssitzung den Druck auf den Gemeinderat erhöhen.

Erstellt: 06.02.2011, 22:20 Uhr

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