«Spitze sind höchstens unsere Hooligans»

Laut Elmar Ledergerber braucht Zürich ein grosses Kongresszentrum. Das Stadion sei für das Image der Stadt hingegen irrelevant, findet der Präsident von Zürich Tourismus.

«Die Deutschen gebärden sich relativ irrational», sagt Elmar Ledergerber zum Fluglärmstreit.

«Die Deutschen gebärden sich relativ irrational», sagt Elmar Ledergerber zum Fluglärmstreit. Bild: Doris Fanconi

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Sie haben als Stadtpräsident Zürich als weltoffene Metropole positioniert. Zeigt für Sie das Hickhack um das Stadion Zürich wiederum in Richtung Kleingeist, in Richtung Provinz?
Einen kleinkrämerischen Trend kann man aus dieser Diskussion sicher nicht ableiten, ebenso wenig einen Rückfall in die triste Zwinglistadt. In Zürich haben es grössere Projekte noch nie einfach gehabt, wie vor allem die Ablehnung des Kongresszentrums am See gezeigt hat. Andererseits hat das Volk den Erweiterungsbau des Kunsthauses und des Landesmuseums angenommen. Und zu meiner Zeit haben wir drei deutliche Ja bei Stadionabstimmungen bekommen. Das zeigt, dass das Volks durchaus differenziert urteilt. Die fünfeckige Fussballarena, die uns keinen Franken gekostet hätte, wurde zwar durch die Rekurse der Anwohner verzögert, gescheitert ist das Projekt letztlich am Widerstand der Clubpräsidenten. Diese hofften, bei einem von der Stadt finanzierten Projekt mehr Geld für ihre Clubs rauszuholen.

Doch vom neuen Projekt, das im September zur Abstimmung kommt, sind Sie alles andere als begeistert, wie Sie kürzlich bei einem TV-Auftritt sagten.
Mittlerweile kommen ja plötzlich von vielen Seiten ablehnende Stimmen. Ich selber will mich aber nicht mehr zum Stadionprojekt äussern und hier keinen Abstimmungskampf führen. Das wissen Sie. Beim angesprochenen TV-Auftritt liess ich mich provozieren, und dann platzte halt der Kragen. Die Kritik war so nicht geplant. Auch wenn ich zu meiner Haltung stehe. Das Projekt wird es nicht einfach haben, denn es bietet viele Angriffsflächen. Aber es gehört sich nicht, dass man den ehemaligen Kollegen und Nachfolgern am Zeug flickt.

Sie präsidieren seit Ihrem Rückzug aus der Politik vor vier Jahren Zürich Tourismus. Würde sich das negativ auf das Image Zürichs auswirken, sollte die Stadt in naher Zukunft nicht über ein reines Fussballstadion verfügen?
Für unser Image ist das irrelevant. Wir haben ja ein wunderschönes Kombistadion im Letzigrund. Das geplante Stadion hat ja auch kein europäisches Format, genauso wenig wie der Zürcher Fussball. «Spitze» sind höchstens unsere Hooligans ...

Ungleich wichtiger als das Stadion ist für Zürich Tourismus ein grosses Kongresszentrum.
Ja, das fehlt schmerzlich. Ein tolles Kongresszentrum ist ein absolutes Must für eine Tourismusstadt wie Zürich. Die Stadt hat jetzt darauf verzichtet. Das heisst aber nicht, dass ein solches Projekt für immer vom Tisch ist. Gefragt sind jetzt private Initiativen und Projekte. Findet man eine gute Location, wo man bauen kann, ist eine Finanzierung durch private Investoren wohl möglich. Unsere Hoteliers überlegen schon länger, wie sie eine namhafte Summe zur Mitfinanzierung eines Kongresszentrums bereitstellen können. Sie sind bereit, einen Beitrag zu leisten, weil sie wissen, dass neben der Stadt auch sie von einem Kongresszentrum profitieren würden.

Was müsste die Stadt Zürich zu einem solchen Modell beitragen?
Stadt und Kanton sind für ein Projekt dieser Grösse ganz wichtige Partner. Sie profitieren ja auch am meisten. Ein Kongresszentrum würde bis zu 500'000 zusätzliche Übernachtungen, eine halbe Milliarde Umsatz und rund 2000 Arbeitsplätze generieren. Allein der Kanton erhielte dadurch rund 20 Millionen Franken mehr Steuern. Ein Kongresszentrum ist beste Wirtschaftsförderung, die vor allem den kleinen und mittleren Unternehmen im Gastro- und im Kultursektor und den Läden zugutekäme. Stadt und Kanton müssten nicht unbedingt in das Projekt investieren, aber es braucht ihre Unterstützung bei der Suche nach dem Standort, bei den Bewilligungen usw. Denkbar wäre auch, dass Stadt und Kanton eine Defizitgarantie übernähmen. Tourismus lohnt sich für Zürich. Die Stadt ist die grösste Destination in der Schweiz, und Zürich Tourismus ist sehr gut unterwegs.

Dank Ihnen?
Der Erfolg hat viele Mütter und Väter. Aber Zürich ist auch eine Wunderstadt, und der Städtetourismus läuft heute gut. Fakt ist: Während landesweit die Übernachtungen fast um 2 Prozent zurückgegangen sind, haben wir im letzten Jahr einen Zuwachs der Übernachtungen von 4,4 Prozent erreicht, ein Schweizer Rekord. Darauf darf man stolz sein.

Was führte zu diesem Rekord?
Wir haben relativ früh gemerkt, dass der Markt in den traditionellen Euroländern wegen des schwachen Euros markant zurückgehen wird. Wir richteten uns darum früh auf neue Märkte aus: China, Russland, Brasilien, Indien. Damit haben wir die Verluste in Europa mehr als kompensiert.

Nehmen wir an, Sie müssten jetzt im Sommer einen Trupp Chinesen in Zürich herumführen. Wohin ginge die kleine Reise?
Ich würde ihnen zum einen Zürich Les Bains zeigen: den See, die Fluss- und Freibäder, herrlich! Pedalo fahren auf dem See, ein Segelboot mieten. Zum andern ist unsere Stadt auch eine Wanderregion, rundherum Parklandschaften, Wälder. Natürlich würden wir auch in einer Ausflugsbeiz einkehren. Und am Schluss im Chinagarten ausruhen.

Wären Sie selber als Tourist in der Stadt unterwegs, welche Orte würden Sie nicht aufsuchen?
Ich persönlich? Das Züri-Fäscht oder auch die Street Parade muss ich heute nicht mehr haben. So grosse Menschenmassen ertrage ich heute nicht mehr gut. Aber beide Feste sind wunderbare Events. Allein die Street Parade verdient einen Orden. Keine Veranstaltung hat das Image von Zürich weltweit so stark korrigieren können – von der tristen Zwinglistadt zu einer Stadt der Lebensfreude.

Während der Street Parade sind meistens alle Hotels ausgebucht. Ist Zürich auch weiterhin in der Lage, punkto Übernachtungen all die verschiedensten Wünsche der Touristen zu erfüllen?
Wir sind mit 4- und 5-Stern-Hotels bestens ausgestattet, mit Häusern an Toplagen und mit sehr hoher Qualität – vom Storchen über den Widder, das Baur au Lac bis hinauf zum Dolder. Und stets mit interessanter Kundschaft. Aber auch die 2- und 3-Stern-Hotels sind mit ihrem Qualitätsangebot wichtige Pfeiler.

Derzeit investieren Scheiche aus dem Nahen Osten landesweit in Luxushotels, in Zürich etwa ins Atlantis. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Ich denke, niemand wünscht sich, dass bei uns künftig der ganze Hotelbereich vom Persischen Golf aus gesteuert wird. Solange wir aber einen Urs Schwarzenbach haben, der das Dolder Grand als persönliches Hobby betreibt, und auch viele andere Leute, die Investments tätigen und mit dem nötigen Geld und viel Herzblut eine tolle Arbeit leisten, besteht diese Gefahr nicht. Dass aber jetzt das Atlantis zu neuem Leben erweckt wird, auch mit arabischem Geld, ist für Zürich ein Gewinn.

Wenn die Zahl der Touristen aus fernen Ländern steigt, erhöht sich die Bedeutung des Flughafens. Wie stehen Sie zu einem Pistenausbau?
Zürich liegt im Zentrum Europas. Der Flughafen ist für uns – national und international – die wichtigste Infrastruktur. Weltweit angebunden zu sein, ist entscheidend für die Standortgunst von Zürich. Dass wir etwa 120 Direktverbindungen haben, das ist der grösste Trumpf für die Region, und zwar nicht nur für die Wirtschaft und den Tourismus. Die Schweizer sind Weltmeister im Reisen. Ich war schon als Stadtpräsident für den Ausbau der Piste 10/28 – aus Sicherheitsgründen. Es wäre ja eine traurige Geschichte, sollte dereinst bei Rümlang ein Flieger in einen Bach stürzen.

Als Stadtpräsident hatten Sie aber gegen die Südanflüge demonstriert. Jetzt ist der Lärm neu verteilt. Und Deutschland weigert sich, den Staatsvertrag zu unterzeichnen.
Ich kann das nicht verstehen. Die Deutschen, sowohl in Berlin wie im südlichen Schwarzwald, gebärden sich relativ irrational.

Irrational? Was meinen Sie damit?
Über ein Drittel der Arbeitsplätze der Südschwarzwälder sind in der Schweiz. Ihre wirtschaftliche Basis ist auf der linken Seite des Rheins. Ihre Kinder werden in der Schweiz ausgebildet. Ihre Touristen kommen aus der Schweiz usw. Statt gemeinsam gute Lösungen für die gemeinsame Zukunft zu finden, spucken sie in den Teller, aus dem sie essen. Das kann ich nicht verstehen. Dazu kommt, dass rund drei Viertel aller Flüge nach und von Zürich von deutschen Maschinen – Swiss, Lufthansa, Germanwings, Air Berlin etc. – ausgeführt werden. Zürich-Kloten ist ein deutscher Flughafen auf Schweizer Gebiet. Irgendwann einmal muss eine neue Lösung kommen. Im Moment aber sieht es nicht gut aus.

Manchmal hat man das Gefühl, es brodle in Ihnen, aber Sie müssten sich zurückhalten, aus Rücksicht auf die Ex-Kolleginnen und -Kollegen. Hat sich der Vollblutpolitiker Ledergerber zu früh aus der Stadtregierung zurückgezogen?
Nein, keine Sekunde. Stadtrat und vor allem Stadtpräsident, das ist ein wunderbarer Job. Aber es ist auch ein Verschleissjob, zuweilen auch ein Selbstzerstörungsjob. Man wird immer allen zum Frass vorgeworfen. Jedes Wort, das du sagst, kann gegen dich verwendet werden. Auch das, was du nicht sagst. Dies ist jetzt nicht mehr so, und das bekommt mir gut.

Erstellt: 24.07.2013, 07:03 Uhr

Elmar Ledergerber

Der heute 69-jährige Sozialdemokrat wurde 1998 in den Zürcher Stadtrat gewählt und leitete zunächst das Hochbaudepartement. Von 2002 bis 2009 war er Stadtpräsident von Zürich. Seinen Rücktritt begründete er mit familiären Pflichten, die nicht länger mit der starken Belastung durch das politische Amt vereinbar seien. Seit 2009 rührt Ledergerber als Präsident von Zürich Tourismus die Werbetrommel für die Stadt – «höchstens noch ein, zwei Jahre», wie er sagt.

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