Starkstrom macht den Storch zum grausigen Feuervogel

Störche verenden oft kläglich auf Strommasten, die falsch konstruiert sind. Tierschützer rufen die Elektrizitätswerke zum Handeln auf, vor allem in Brutgebieten.

Gefährliche Brutstätte: Kommt ein Vogel Strom führenden Teilen zu nah – stirbt er.

Gefährliche Brutstätte: Kommt ein Vogel Strom führenden Teilen zu nah – stirbt er. Bild: Keystone

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In der Nacht auf den 18. August 2007 schlugen die Störche zurück, und sie waren nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel: Mit Kot verdreckten sie eine Hochspannungsleitung derart, dass es zum Kurzschluss kam und die Zürcher Goldküste für Minuten in Dunkelheit versank. In der Regel endet die Geschichte jedoch umgekehrt: Kommt ein Storch einer Stromleitung zu nahe, ist der Vogel «Poulet», wie es ein Mitarbeiter des Stromversorgers Axpo unverblümt ausdrückt.

Was er damit meint, beschreibt ein Rechtsmediziner, der auf Stromunfälle spezialisiert ist, so: Wenn ein Storch auf einer Hochspannungsleitung einen Kurzschluss auslöst, kann es geschehen, dass er von einem Lichtbogen erfasst wird. Dieser ist so heiss, dass die Federn des Vogels Feuer fangen; hinzu kommen Verbrennungen an der Haut und an den inneren Organen. Fast schon als kleineres Übel erscheint im Vergleich das andere Schicksal, das einem Storch auf einer Leitung blühen kann: der sekundenschnelle Hirn- oder Herztod durch Stromschlag.

Häufigste Todesursache

Für Storch und Uhu ist der Stromtod laut Experten eine der häufigsten Todesursachen. Fast 20 Prozent der beringten Störche, die in der Schweiz tot gefunden wurden, kamen so um. Eine Quote, die sich nach Ansicht von Vogelschützern reduzieren liesse, wenn man nur wollte.

Das Problem sind meist gefährlich konstruierte Masten, auf denen die Tiere sich niederlassen. Vor allem bei Mittelspannungsleitungen ist der Abstand zu den Strom führenden Leitungen oft so gering, dass grosse Vögel ihn beim Start oder der Landung mit den Flügeln touchieren. Vogelschützer versuchen deshalb die Elektrizitätswerke dazu zu bewegen, solche Masten zu sanieren. Laut der eidgenössischen Leitungsverordnung wären die Leitungsinhaber verpflichtet, dies zu tun, «sofern es die örtlichen Gegebenheiten erfordern». In Gebieten, wo viele Störche brüten, sei dies sicher der Fall, heisst es beim Bundesamt für Umwelt. Der Zürichsee mit seiner beachtlichen Storchenpopulation ist ein solches Gebiet. Hier müsse dringend abgeklärt werden, ob es gefährliche Masten gebe, heisst es in einem Bericht, den die Vogelwarte Sempach im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt verfasst hat. Sei dies der Fall, müsse saniert werden.

Handbuch mit praktischen Tipps

Weil sich aus dem geltenden Gesetz aber keine Fristen ableiten lassen, sind die Vogelschützer auf die Eigeninitiative der Stromunternehmen angewiesen. Um diesen etwas Schwung zu verleihen, haben sie mit dem Verband der Schweizer Elektrizitätsunternehmen, verschiedenen Bundesämtern und den SBB vor zwei Jahren ein Handbuch mit praktischen Anleitungen publiziert, wie man gefährliche Masten entschärft. Ob das etwas gebracht hat, ist aber schwer abzuschätzen, weil seither weder der Kanton Zürich noch die Elektrizitätswerke über allfällige Bemühungen informiert haben. Da hilft nur ein Augenschein vor Ort, zum Beispiel in Oetwil am See. Das Dorf trägt den Storch nicht nur im Wappen. Nein, hier und im benachbarten Hombrechtikon lebt auch etwa ein Zehntel der landeszweit etwas über 200 Storchenpaare. Umso erstaunlicher mutete die erste Reaktion des lokalen Elektrizitätswerks auf den Vorstoss der Vogelschützer an. Nein, man habe bisher keine Massnahmen umgesetzt und habe das auch nicht vor, hiess es vor zwei Jahren.

Doch seither scheint der Wind innert kurzer Zeit gedreht zu haben. Vor einem Jahr baute das Elektrizitätswerk alle gefährlichen Masten nach den Vorgaben der Vogelschützer um. Ausschlaggebend war laut Roger Stutz, dem Leiter Bau und Werke, dass der Aufwand relativ gering war. «Es waren nur zwei, drei Masten, die wir auf eigene Kosten für knapp 10'000 Franken saniert haben», sagt er.

Strom in den Boden verbannt

Anders als Oetwil betreiben viele Gemeinden am Zürichsee kein eigenes Werk, sondern sind den kantonalen Elektrizitätswerken angeschlossen, den EKZ. Diese haben laut Nils Beckhaus, dem verantwortlichen Bereichsleiter, in letzter Zeit viel für den Vogelschutz gemacht. «Wir sind da permanent dran», sagt er. «Das ist auch in unserem Sinn, schliesslich vermeiden wir so Störungen.» In Hombrechtikon zum Beispiel hätten sie unlängst erst eine Leitung unter den Boden verlegt – sehr zur Zufriedenheit der örtlichen Storchenschützer. Auf dem gesamten Netz der EKZ gebe es nur noch ein paar vereinzelte Masten, die nicht umgerüstet seien.

Gar keine gefährlichen Masten mehr haben nach eigenen Angaben die Gemeindewerke von Küsnacht, Zollikon und Erlenbach sowie jene von Freienbach, Feusisberg und Wollerau auf der anderen Seeseite. Beide haben sämtliche Starkstromleitungen in den Boden verlegt. Dorthin, wo sie notabene auch vor Vergeltungsschlägen der Störche hundertprozentig sicher sind.

Erstellt: 25.06.2011, 00:08 Uhr

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