Hintergrund

Steuerzahler muss für Binz-Abfall aufkommen

Während dreier Wochen wird eine Firma die Hinterlassenschaft der Binz-Besetzer entsorgen. Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) dementiert, dass er im Hintergrund zum freiwilligen Abzug der Besetzer beigetragen hat.

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So sehr die Besetzer für den Auszug Zeit und Energie verwendet haben, so wenig haben sie in die Abfallentsorgung investiert. Im Gegenteil, ein Rundgang durch die verschiedenen Fabrikhallen weckt den Eindruck, dass die 30 bis 50 Bewohner auf ihren Auszug hin geradezu Abfall angehäuft haben. Überall liegen Bretter, Holzkonstruktionen, Eisenteile, alte Möbel, kaputte Velos und anderes Gerümpel herum. In der sogenannten Volxküche liegen in einer Schüssel noch Polenta, in anderen Tellern Kartoffeln und Salat herum.

Auf einem Infoblatt an der Wand wird der Umgang mit den Medien beschrieben: keine mündlichen Infos und kein Gespräch mit den «Journis». Journalisten, die einfach so hereinspazieren würden, sollen aus der Binz «gestellt» werden. Ist jemandem ein Journalist oder eine Anfrage sympathisch, soll man eine Visitenkarte annehmen und die Anfrage der Mediengruppe mitteilen.

Aufwendiges Sortieren

Mit der Entsorgung der Abfallberge werden sechs Mitarbeiter einer privaten Entsorgungsfirma während dreier Wochen beschäftigt sein, sagt Thomas Maag, Sprecher der kantonalen Baudirektion. Vor allem die Abfallbeseitigung innerhalb des Gebäudes sei sehr zeitintensiv, da die meisten Teile von Hand aufgelesen, sortiert und entfernt werden müssten. Zudem müssten die Entsorger bei den von den Besetzern konstruierten Skulpturen und «Holzhöhenwegen» besonders auf die Sicherheit achten. In der Haupthalle haben die Besetzer ein eigentliches Wegnetz in schwindelerregender Höhe aus Holzlatten, Brettern, Eisenteilen und Drähten errichtet.

Für die Kosten der Abfallentsorgung in der Höhe von mehreren Zehntausend Franken werden die Steuerzahler aufkommen müssen. Zwar haben die BinzBesetzer dem Kanton ein Depot von 20 000 Franken für die Entsorgungskosten bereits bezahlt. Dies wird aber bei Weitem nicht reichen, denn die Kosten werden ein Mehrfaches betragen. «Der Kanton prüft deshalb rechtliche Schritte gegen die Besetzer», sagt Maag. Er schränkt aber ein, dass man ihre Namen nicht kenne. Denn der Kanton hatte mit der «Familie Schoch», wie sich die Besetzer nannten, während Jahren nur per Mail Kontakt gehabt. Das Binzgelände war 2006 besetzt worden.

Wolff beansprucht Schonfrist

Der neue Polizeivorsteher und AL-Stadtrat Richard Wolff, der nach seiner Wahl am Schweizer Fernsehen die Binz-Besetzung als eine «spannende Entwicklung» beschrieben hat, «wo aus einer subkulturellen Bewegung etwas Neues entsteht», will sich zum hinterlassenen Abfall und zu den Räumungskosten für die Steuerzahler nicht äussern. Wie sein Departementssprecher Reto Casanova sagt, beansprucht Wolff die traditionellen hundert Tage Schonfrist und Einarbeitungszeit. Casanova betont aber, dass weder Wolff noch seine Partei, die Alternative Liste, im Hintergrund dazu beigetragen hätten, dass die Besetzer das Areal termingerecht verliessen. In der Haupthalle drinnen wird auf den neuen Stadtrat in Form von Graffitis mit den Worten «WoWoWolff ?» hingewiesen.

Die aufwendigen Entsorgungsarbeiten verzögern die notwendige Asbestsanierung um Wochen, wie Baudirektionssprecher Maag sagt. Diese Sanierung wird rund einen Monat dauern, erst danach kann mit dem Abbruch der Liegenschaften und mit dem Aushub des Erdreichs begonnen werden. Inzwischen wird das Gelände von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht und in der Nacht beleuchtet. Es würden immer wieder Besetzer vorbeikommen, die liegen gelassene Gegenstände abholen wollen, sagt ein Sicherheitsmann. Diese würden aber nicht reingelassen, sie hätten genügend Zeit zum Räumen gehabt. Auch Schaulustige, welche in die Hallen gucken wollen, werden weggewiesen.

Probleme beim Koch-Areal

Die «Binzler» haben sich inzwischen im Koch-Areal der UBS an der Rautistrasse in Albisrieden, direkt an der Grenze zu Altstetten, niedergelassen. Das Gebiet mit einer Grösse von zwei Fussballfeldern ist schon seit Anfang März von Aktivisten in Beschlag genommen worden. Laut TeleZüri haben sich die Diebstähle in der benachbarten Tankstelle gehäuft. Eine Räumung des Koch-Areals ist momentan kein Thema, wie ein Sprecher der Stadt Zürich sagt, da die Bank noch keine Baubewilligung für die geplante Überbauung mit Wohn- und Dienstleistungsräumen hat. Die Stadt und die UBS seien im Gespräch. Diskutiert wird gemäss TeleZüri, ob das Gelände bis zum Baubeginn halbiert werden soll: ein Teil als Zwischennutzung für das Quartier, der andere Teil für die Besetzer.

Die «Binzler» hatten ihren Auszug aus dem besetzten Areal an der Uetlibergstrasse in Zürich-Wiedikon gut vorbereitet. Sämtliche Ein- und Ausgänge versperrten sie mit alten Autos, Schrott, Gerümpel und Bretterwänden, sie entfernten Treppenstufen im Innern des Gebäudes und hielten mit selbst gebastelten Bombenattrappen den Wissenschaftlichen Dienst der Stadtpolizei Zürich auf Trab. «Wir verschwinden nicht von der Binzfläche» steht auf einem rund sieben Meter hohen, fünfzackigen schwarzen Stern mitten in der Haupthalle des Binzgebäudes. Davor befindet sich ein Korb mit riesigen Papiermaché-Früchten und eine über zwei Meter hohe SektflaschenAttrappe mit der Aufschrift: «Auf einen prickelnden Abriss auf Vorrat.»

Erstellt: 06.06.2013, 07:15 Uhr

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