Stolperfallen im Stadtpark

Trendsportler messen sich im Überqueren immer längerer Slacklines. Für Passanten kann das gefährlich werden.

«Es gibt keine Normen, bloss Empfehlungen»: Slackliner müssen um einen guten Ruf besorgt sein.

«Es gibt keine Normen, bloss Empfehlungen»: Slackliner müssen um einen guten Ruf besorgt sein. Bild: Allessandro della Bella/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Höchst Seltsames hat neulich ein Kreis-5-Bewohner auf seinem Heimweg beobachtet. Mitten auf der Josefwiese schwebte eine Gestalt über dem Boden. Ein Geist in der Dämmerung? Als sich der Spaziergänger dem unheimlichen Treiben näherte, sah er das Band. Gespannt zwischen zwei Bäumen, mindestens 100 Meter lang. Darauf balancierte ein Jugendlicher. Slacklining nennt sich die Sportart. Diese ist nicht neu. Doch stellen Beobachter fest: Die Bänder sind länger geworden. Viel länger. Über die Josefwiese heisst es im Netz: «In diesem Park lassen sich sehr gut Longlines spannen. Distanzen von 0 bis 150 Metern sind lückenlos möglich.»

Vor ein paar Jahren hat es angefangen. Heute umfasst die Szene landesweit etwa 10'000 Aktive, rund 60 haben unlängst in Zürich einen Verein gegründet. Wie populär die Sportart ist, zeigt ein Blick an die Hochschule. Dort bietet der Akademische Sportverband Zürich mittlerweile 6 Slackline-Trainings pro Woche an mit bis zu 30 Teilnehmern. Im Unterschied zum Seiltanz, der auf einem unbeweglichen Stahlseil stattfindet, ist die Slackline aus Kunstfasern und deshalb dynamisch. Sie schwingt horizontal und federt vertikal.

Als Slackliner die Zürcher Parks zu erobern begannen, sorgte sich die Stadt primär um die Bäume. Die Befestigungsschlingen setzten der Rinde zu. Heute hat man dieses Problem dank Baumschutzen, die man unter die Schlinge schiebt, ziemlich gut im Griff. Dafür sorgt man sich nun vermehrt um die Gesundheit Unbeteiligter – eben wegen der langen Bänder, Longlines genannt.

Kräfte von bis zu zwei Tonnen

Lukas Handschin von Grün Stadt Zürich sagt: «Das ist tatsächlich problematisch. Man sieht die Bänder schlicht nicht.» Im Internet sind diverse Unfälle protokolliert. So fuhr etwa auf der Theresienwiese in München eine Velofahrerin in eine Slackline und zog sich beim Sturz eine Platzwunde am Kopf zu. Hinzu kommt: Reisst so eine Longline, auf der Kräfte bis zu zwei Tonnen gemessen werden, könnten die Folgen fatal sein. Lukas Handschin: «Damit kann man jemanden enthaupten.» Man könne deshalb nur an die Vernunft der Slackliner appellieren. «In einem abgelegenen Tal tragen sie das Risiko allein. In einer öffentlichen Parkanlage bekommt es eine andere Dimension.» Ein Verbot bringe indes nichts. Deshalb stehe man mit den Slacklinern und dem Sportamt im Gespräch, um die Sportler für die Risiken und Gefahren zu sensibilisieren.

Tobias Rodenkirch, der im Internet die Community Slacktivity betreut, begrüsst die Initiative: «Die Sportart ist jung. Es gibt keine Normen, bloss Empfehlungen.» Umso wichtiger sei es, dass die Slackliner beim Ausüben ihres Hobbys die korrekten Sicherheitsvorkehrungen treffen würden. Diese umfassen einerseits das Verwenden von Ausrüstung, die den Belastungen standhält, aber auch das Markieren der Bänder mit Tüchern, Taschen oder Lampen.

Zum Thema Longlines in Stadtparks hat Rodenkirch eine klare Haltung: «Im Hochsommer, wenn die Wiese übervoll ist, kannst du das vergessen.» Die Freiheit der Slackliner höre da auf, wo andere in ihrer Freiheit eingeschränkt würden. «Der öffentliche Raum gehört uns nicht allein. Es geht nicht, dass man jemanden wegschickt, nur um eine Slackline zu spannen.» Wenn man aber anständig frage, werde einem meist bereitwillig Platz gemacht.

Wer hat die Längste?

Gemäss einer Mutter, die mit ihrem Sohn oft die Josefwiese besucht, verlaufen diese Begegnungen nicht immer so harmonisch: «Die Slackliner kommen bei jedem Wetter und zu jeder Uhrzeit. Ihre Seile sind regelrechte Stolperfallen für herumrennende Kinder.»

In welche Richtung sich der Sport entwickelt, zeigen Filme auf Youtube. Balanciert wird da über die Limmat, über die Aare, zwischen Berggipfeln auf sogenannten Highlines. Und eben: über immer weitere Distanzen. Unter den Slacklinern gibt es einen Wettbewerb, wer die längste Slackline schafft. Momentan hält mit 166 Metern ein in Bern wohnhafter Innerschweizer den Rekord. «In Zürich und Bern versucht man bereits, diese Bestmarke zu toppen», sagt Tobias Rodenkirch. Auch um negativen Auswirkungen dieser Rivalität vorzubeugen, hat der Schweizer Slackline-Verband im Mai ein Merkblatt mit Empfehlungen herausgegeben. Darauf steht unter anderem: «Volle Wiesen gilt es zu meiden.» Und: «Vor der Dämmerung sollen Longlines demontiert werden.»


www.swiss-slackline.ch/longlinen/language/de.html

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2013, 07:02 Uhr

Artikel zum Thema

Mit falschen Verboten gegen Trottinett-Kids

Kurz vor der Einweihung des Freestyle-Parks sind die zahlreichen Scooter-Fahrer von der Anlage vertrieben worden – mit einer ungewöhnlichen Methode. Mehr...

In Seilparks ist eine solche Bahn verboten

Ob das Mädchen beim tödlichen Seilbahn-Unfall einen Helm trug, ist offen. Fest steht: In permanenten Seilparks sind solche Bahnen nicht erlaubt. Mehr...

Stadt fällt zwei alte «Liebesbäume»

Den romantischen Ort im Rieterpark kennen viele verschmuste Paare. Einige haben Liebesbotschaften in die Buchen bei der Aussichtskanzel geritzt. Zwei der Bäume müssen nun wegen Pilzbefalls gefällt werden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Treffen Sie die Tech-Unternehmerin Roya Mahboob

Die afghanische Unternehmerin zählt zu den einflussreichsten Menschen und hilft Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fakelträger: Junge Ungaren ziehen in Erinnerung an die Studentenproteste von 1956 durch die Strassen von Budapest. (22. Oktober 2018)
(Bild: Szilard Koszticsak) Mehr...