Tanzdemo: «Erschreckende Gewaltbereitschaft»

Winterthur Sicherheitsvorsteherin wehrt sich gegen den Vorwurf der Unverhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes. Ein Grossaufgebot stand in der Nacht auf Sonntag rund 400 Tanz-Demonstranten gegenüber.

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Elf verletzte, 93 Verhaftete, mehrere tausend Franken Sachschaden. So lautet die Bilanz der Stadtpolizei Winterthur und der Kantonspolizei Zürich nach der unbewilligten Tanzdemonstration am Samstagabend beim Winterthurer Bahnhof.

Kurz vor 21 Uhr versammelten sich rund 400 Personen auf dem Bahnhofplatz in Winterthur. Zur Kundgebung hatte die Gruppe «Standortfucktor» per Facebook aufgerufen. Ziel der Kundgebung sei es sich für mehr Freiräume einzusetzen, so die Veranstalter, die bisher anonym geblieben sind. Die Stadtpolizei Winterthur sowie die Kantonspolizei Zürich sicherten den Bahnhofplatz ab und stellten nach eigenen Angaben mehrere gewaltbereite Gruppierungen und vermummte Personen fest.

Bahnhof Winterthur: «Ein verwundbarer Punkt»

Nach ersten Angriffen mit Pyros kesselte die Polizei die Demonstranten ein und forderte sie mehrfach auf, den Platz zu verlassen. Wie die Polizei mitteilt, griffen sie die Einsatzkräfte erneut massiv mit Laser, Pyros, Steinen und anderen Wurfgegenständen an, weshalb die Polizei Gummischrot, Wasserwerfer und Pfeffersprays ein.

Vor den Medien sagte Fritz Lehmann, Kommandant der Stadtpolizei Winterthur, gemeinsam mit der Kantonspolizei Zürich habe die Stadtpolizei im Vorfeld die Risiken analysiert. Basierend auf den Kundgebungen in Bern und in Aarau sowie einem Vorfall, bei welchem jüngst ein Betrunkener am Bahnhof durch ein Glasdach brach, sei der Bahnhof als verwundbarer Punkt definiert worden. Rund zwei Wochen nach der Krawallnacht in Bern, die rund 2 Millionen Franken Schaden zur Folge hatte, beteiligten sich rund 800 Personen in Aarau an einer Tanzdemo für ein autonomes Zentrum. Diese Kundgebung war weitgehend friedlich verlaufen.

Der Winterthurer Polizeikommandant gab zudem bekannt, dass die Kundgebung per Kamera festgehalten worden ist. «Das haben wir am Dienstag auf der Homepage der Stadt angekündigt.»

Verletzt: Drei Polizisten, vier Demonstranten, ein Feuerwehrmann

Laut Bruno Keller, Einsatzleiter der Kantonspolizei Zürich, sind 4 der 93 Verhafteten unter 18 Jahre alt. Es handle sich um 82 Männer und 11 Frauen. 82 der Festgenommenen wohnten in der Schweiz, 33 in Winterthur, insgesamt 53 im Kanton Zürich. Insgesamt seien 8 Nationalitäten vertreten. Drei Personen befanden sich am Sonntagmittag noch in Haft und sollen der Staatsanwaltschaft vorgeführt werden.

Noch sind die Ermittlungen der Polizei längst nicht beendet. Im Vordergrund ihrer Untersuchungen stehen Gewalt und Drohung gegen Beamte, Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, Verstoss gegen das Vermummungsverbot und Landfriedensbruch.

Wie Keller vor den Medien ausführte, musste elf Personen im Spital behandelt werden. Darunter waren drei Polizisten, ein Feuerwehrmann und sieben Demonstranten. «Inzwischen konnten alle das Krankenhaus wieder verlassen», sagte Keller.

«Keinen einziger Takt Musik»

Beim Einsatz der Sicherheitskräfte in der Nacht auf Samstag anwesend war auch Sicherheitsvorsteherin Barbara Günthard-Maier (FDP). «Ich konnte mich davon überzeugen, dass meine Anweisungen befolgt wurden und die Polizei selbstbeherrscht und zurückhaltend vorging, falls nötig aber entschieden eingriff», sagte sie am Morgen nach den Ausschreitungen. Sie weist den von Beobachtern erhobenen Vorwurf, die Polizei sei unverhältnismässig vorgegangen und habe dadurch provoziert, klar zurück.

Es habe sich keineswegs um eine Tanzveranstaltung gehandelt. «Lange Zeit hörte ich keinen einzigen Takt Musik, getanzt hat am Bahnhof eine einzige Frau.» Für die Sicherheitsvorsteherin ist deshalb klar: «Das ist ein Verhalten, das wir in Winterthur nicht tolerieren.» Die Gewaltbereitschaft der Demonstranten sei erschreckend gewesen, dies zeigten denn auch die Gegenstände, welche die Polizei sichergestellt hat. «Der im Vergleich zu anderen Orten viel tiefere Sachschaden, den die Tanz-Kundgebung in Winterthur hinterlassen konnte, zeigt, dass wir richtig vorgegangen sind.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.09.2013, 15:23 Uhr

Die Scharmützel in Winterthur

Von der Polizei am Bahnhofplatz eingekesselt, spielen Demonstranten Fussball. (Video: Pia Wertheimer)

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