Tatort Endlager

Seit Gorleben zum Entsorgungsort für Atommüll bestimmt wurde, reissen die Proteste nicht ab. Was im Wendland los ist, lässt mögliche Szenarien im Weinland erahnen.

Bauern und links-grüne Atomkraftgegner kämpfen in Gorleben seit Jahrzehnten gegen ein Endlager im Salzstock. Foto: Axel Heimken (DPA)

Bauern und links-grüne Atomkraftgegner kämpfen in Gorleben seit Jahrzehnten gegen ein Endlager im Salzstock. Foto: Axel Heimken (DPA)

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Ein Traktor nach dem anderen knatterte an der Mehrzweckhalle Marthalen vorbei. Die Fahrer drückten kräftig auf die Hupe. «Kein Endlager im Weinland» stand auf den Transparenten. Die Traktorenkolonne, die im vergangenen Juli durch Marthalen fuhr, gab einen Vorgeschmack auf das, was die Region erwarten könnte, wenn dort wirklich ein Endlager für Atommüll entstehen soll. Seit dem 30. Januar ist das wahrscheinlicher geworden. Die Nagra gab an jenem Freitag bekannt, dass für sie nur noch zwei Standorte für ein Endlager infrage kommen: das Weinland und der Bözberg.

Was wird aus einer Region, die ein nukleares Abfalllager bekommen soll, das niemand will? Anschauungsunterricht bietet das Wendland im nordöstlichen Zipfel von Niedersachsen. Hier liegt Gorleben, ein Dorf mit 800 Einwohnern, das weit über Deutschland hinaus bekannt geworden ist. 1977 entschied die Landesregierung unter Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU), dass in Gorleben ein «nukleares Entsorgungszentrum» entstehen soll.

400 Traktore in Hannover

Dass die Wahl auf den Gorlebener Salzstock fiel, hatte nach Ansicht vieler Wendländer vor allem mit der Randlage, der dünnen Besiedlung und der konservativen Bevölkerung zu tun. Das Kalkül von Ministerpräsident Albrecht ging zunächst auf: Die niedersächsische Bauernorganisation Landvolk war eng mit den konservativen Christdemokraten verbandelt. «Und ein Landvolk-Vorsitzender sagt nix gegen die CDU», erklärt der Landwirt Carsten Niemann, der seit 1977 gegen das Endlager kämpft.

Die Empörung der Wendländer Bauern war so gross, dass sie im März 1979 mit 400 Traktoren in die niedersächsische Hauptstadt Hannover aufbrachen, um dort zusammen mit 100'000 AKW-Gegnern zu demonstrieren. Dass in den kommenden Jahrzehnten konservative Bauern mit linken Atomgegnern aus den Grossstädten zusammenspannten, war in der Protestgeschichte der Bundesrepublik ein Novum. «Nach anfänglichen Vorbehalten lernten wir schnell, dass nicht jeder, der lange Haare hat, ein Depp ist», so Niemann.

30'000 Demonstranten

Das Beispiel Gorleben zeigt, was passiert, wenn ein Endlagerstandort zum Brennpunkt des atomkritischen Protests wird. Jedes Mal, wenn ein Eisenbahnzug mit Atomabfall – eingebunkert in sogenannte Castor-Behälter – in Richtung Endlager rollt, strömen zwischen 20'000 und 30'000 Protestierende in die Region. Laut Niemann sind für die meisten im Wendland aber nicht die auswärtigen Demonstranten das Problem, sondern die «Invasion der Polizei­armada».

Wie sich im bürgerlich geprägten Weinland die Protestkultur entwickeln wird, ist noch völlig offen. «Für die lokalen Medien war der Protest gegen das Endlager bisher vor allem die Sache von Linken und Grünen», sagt der Marthaler Landwirt Jürg Rasi, der im Juli die Traktordemo organisiert hat. Doch seit dem Nagra-Entscheid vom 30. Januar töne es bei den Bauern anders. Nicht ausgeschlossen, dass auch dem Weinland bevorsteht, was das Wendland erlebt hat: Dort bescherte das Endlager nach Auskunft von Landrat Jürgen Schulz der Region viel Zwietracht: «In den 70er- und 80er-Jahren wurde an jedem Stammtisch und bei jeder Geburtstagsgesellschaft leidenschaftlich diskutiert.» Auch Niemann erinnert sich: «Die Alten waren dafür, weil sie in der CDU waren, die Jungen dagegen. Da sind sogar Hofübergaben dran gescheitert.»

«Wir beneiden die Schweizer»

Exakt nach dem Wendländer Drehbuch wird es im Weinland wohl kaum zugehen. Allein deshalb, weil das Weinland schon seit zwei Jahrzehnten als Lagerstandort zur Diskussion steht. Gorleben bekam das Lager sozusagen aus heiterem Himmel. «Wir beneiden die Schweizer um ihr demokratisches Verfahren», sagt Niemann.

In einer Hinsicht dürfte das Beispiel Gorleben dagegen nahe beim Szenario Weinland liegen: Die Gemeinde Gartow-Gorleben profitierte finanziell von den Endlagerplänen – und zwar massiv. Für die Baugenehmigung des Zwischenlagers bezahlte die Brennelementelagergesellschaft der Gemeinde 1981 fünf Millionen deutsche Mark. Den gleichen Betrag sicherte sie für die Anlage zu, in der die radioaktiven Abfälle verpackt werden. Hinzu kommen jährlich mehrere Hunderttausend Mark beziehungsweise Euro, die als Entschädigung für die verschiedenen atomtechnischen Einrichtungen in die Gemeindekasse fliessen – aktuell sind es 830' 000 Euro pro Jahr. Die Fülle an Zahlungen machte Gartow-Gorleben zu einer der reichsten Gemeinden Niedersachsens.

Viel Geld für Soziales

Die Zuwendungen der Atomindustrie erlaubten es der Gemeinde, eine grosszügige Sport- und Freizeitanlage, einen Jacht- und Sportboothafen an der Elbe und ein Thermalbad zu bauen. Das 600-Seelen-Dorf betreibt einen kostenlosen Kindergartenbus und unterstützt ältere Bürger gratis beim Einkaufen und im Haushalt. Neben den direkten Zahlungen haben das Zwischenlager, die Verpackungsanlage und die Erforschung des Salzstocks auch Hunderte von Arbeitsplätzen nach Gorleben gebracht.

In welchem Ausmass die Gemeinden im Weinland von einem Endlager profitieren könnten, sei in der Regionalkonferenz Zürich-Nordost bislang nicht erörtert worden, sagt deren Präsident Jürg Grau. Gemäss dem Bundesamt für Energie (BFE) wurden im Stilllegungs- und Entsorgungsfonds der AKW-Betreiber 500 Millionen Franken zurückgestellt, mit denen ein Lager für hochradioaktive Abfälle abgegolten würde. Ein Lager für schwache und mittelaktive Abfälle könne mit 300 Millionen rechnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2015, 22:53 Uhr

38 Jahre Protest gegen das Endlager Gorleben

22. Februar 1977
Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) bestimmt Gorleben zum Standort für ein «nukleares Entsorgungs­zentrum». Zum Atomkomplex sollten auch eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) und mehrere Zwischenlager gehören. 2011 bringt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ans Licht, dass geologische Bedenken gegen den Standort an der Grenze zur DDR bestanden und der Entscheid politisch bedingt war. Der Geologe Gerd Lüttig nennt als Motiv Albrechts für die Standortwahl, «die Ostzonalen richtig zu ärgern».

31. März 1979
100'000 Menschen demonstrieren in der Landeshauptstadt Hannover gegen das Endlager und die WAA. An vorderster Front fahren Hunderte von Bauern aus dem Wendland mit ihren Traktoren. Albrecht rät Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vom Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage ab, das Endlager Gorleben soll aber gebaut werden.

3. Mai 1980
Rund 5000 Menschen besetzen das Gelände der Tiefbohrstelle bei Gorleben und rufen die «Republik Freies Wendland» aus. Auch der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder ist als Jungsozialist mit dabei. Einen Monat später wird das Hüttendorf mit dem bis dahin grössten Polizei- und Bundesgrenzschutz­einsatz in der Geschichte der BRD geräumt.

8. Oktober 1984
Erster Transport von mittel- und leicht radioaktivem Atommüll in das Zwischenlager Gorleben. Auf Schleichwegen und unter dem Schutz von Polizei- und Bundesgrenzschutz gelangen mehr als 200 gelbe Müllfässer nach Gorleben. Der vor den Atomgegnern geheimgehaltene «Tag X» wurde zum Symbol des Widerstands gegen die Castortransporte.

1995 bis 2011
Transport von insgesamt 113 Castorbehältern mit hochradioaktivem Abfall nach Gorleben. Atomgegner versuchen die Transporte jedesmal mit Strassen- und Schienenblockaden aufzuhalten. Bis zu 30'000 Demonstranten steht jeweils ein massives Polizeiaufgebot gegenüber. Beide Seiten beklagen Verletzte.

28. Juni 2013
Das deutsche Parlament beschliesst einen Neuanfang und verabschiedet das Endlagersuchgesetz. Bundesweit sollen mehrere geologisch geeignete Standorte ausgewählt werden. Bis 2031 soll das Endlager für hochradioaktiven Atommüll bestimmt sein.

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