Thalwiler Seidengeschichte kommt ins Archiv

«Lyon am Zürichsee» hiess Thalwil einst wegen seiner Seidenproduktion. Zeugnisseaus der glanzvollen Geschichteder Weberei Schwarzenbach werden jetzt archiviert.

Eine lange Geschichte: Alexis (l.) und sein Vater François Schwarzenbach vor einem Gemälde des Urpatrons Robert Schwarzenbach.

Eine lange Geschichte: Alexis (l.) und sein Vater François Schwarzenbach vor einem Gemälde des Urpatrons Robert Schwarzenbach. Bild: André Springer

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Der erfolgreichste Seidenpatron der Familie, Robert Schwarzenbach (1839–1904), blickt vom Ölgemälde im Chefbüro etwas nachdenklich auf seine Nachfahren herab. Hier empfing am Samstag François Schwarzenbach eine Gruppe Textilinteressierter zu einer Führung, die im Rahmen der Ausstellung «Soie Pirate» des Landesmuseums angeboten wurde.

Vom Aufstieg und Fall der grossen Thalwiler Seidendynastie wusste François Schwarzenbach zusammen mit seinem Sohn Alexis einiges zu erzählen. Sie legten dabei einen Schwerpunkt auf das Seidenarchiv, das nun in die Bestände des Schweizerischen Nationalmuseums (Landesmuseum) übergehen wird. Finanziert wird die Textilarchivierung von der Zürcherischen Seidenindustrie-Gesellschaft mit 500'000 Franken.

Kuratorin ist begeistert

Die schriftlichen Zeugnisse werden in der Zentralbibliothek Zürich archiviert. «Das umfasst neben Jahresberichten, Verträgen und Kassabüchern auch eine sehr umfangreiche Geschäftskorrespondenz, darunter alle Briefe von Robert Schwarzenbach-Zeuner an seine Ehefrau Mina», sagt Alexis Schwarzenbach. Der Historiker hat bereits mehrere Bücher über seine Grosstante, die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, und deren Mutter, Renée Schwarzenbach-Wille, veröffentlicht. Die Schriftstücke, die in den Privathäusern der Familie aufbewahrt wurden, gehen allerdings nicht an die Zentralbibliothek. Eine Schenkung zu einem späteren Zeitpunkt wird aber nicht ausgeschlossen.

Noch sind die Musterbücher der Seidenweberei Schwarzenbach im Dachboden an der Seestrasse 185 gelagert. Die Kuratorin des Landesmuseums, Sigrid Pallmert, zeigt sich begeistert vom Zuwachs: «Das sind wunderbare Musterbücher!» Das Archiv gilt als sogenanntes Produzentenarchiv. Es zeigt Spuren der Benützung. Man sieht, dass es oft gebraucht worden ist. Künftig darf man die Musterbücher nur noch mit Handschuhen anfassen.

Musterbücher sind Kernstück

Die Musterbücher sind Kernstück des Archivs, daneben finden sich Liassen, an einem Karton befestigte Stoffmuster. 12'000 davon zählte man in Thalwil. «Zur Inventarisierung und fotografischen Erfassung kommt der Aspekt der Konservierung dazu», sagt Pallmert. Weil die Bücher 30 Jahre im Estrich lagerten, werde dafür ein grosser Aufwand nötig sein: «Die Materialien Seide und Papier sind nicht kompatibel.» Würde man es konservatorisch ganz richtig machen, dann müsste man die Stoffe aus den Musterbüchern lösen. Das sei aber keine Option, weil der Archivcharakter erhalten bleiben soll. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2011, 22:14 Uhr

Tschadors aus Thalwil

1832 wurde die Seidenweberei Näf & Schwarzenbach in Thalwil gegründet. 1870 woben gut 1200 Handweber am linken Zürichseeufer für das Unternehmen. 1877 hatte man ein eigenes Büro in London, später folgten Niederlassungen in Lyon, Berlin, New York, Como und Mailand. 1928 war Schwarzenbach mit 28'000 Angestellten weltweit der grösste Schweizer Konzern, ein Grossteil des Umsatzes wurde in den USA erzielt. Nach diesem Höhepunkt kam der abrupte Fall, ausgelöst einerseits durch die Weltwirtschaftskrise und anderseits durch einen unternehmerischen Fehlentscheid: Man setzte weiter auf Seidenproduktion und vernachlässigte die Kunstseide. «Das war das Todesurteil», sagt François Schwarzenbach. Der Umsatz ging um 80 Prozent zurück, die Verluste wurden mit riesigen Zuschüssen aus dem Familienvermögen wettgemacht.

Während des Zweiten Weltkriegs produzierte Schwarzenbach Fallschirmseide für viele Krieg führende Nationen. Ein guter Kunde blieb Japan, allerdings nur bis zur Ölkrise 1973. In den letzten Jahren des Bestehens exportierte man vor allem Tschadors. «Für Saudiarabien musste die schwarze Seide einen rötlichen Schimmer haben, für den Iran einen Graustich», erinnert sich François Schwarzenbach. Doch die Konkurrenz in Korea produzierte Tschadors halb so teuer. 1981 war das Ende der Textil-Ära Schwarzenbach in Thalwil besiegelt, der Fabrikbetrieb wurde eingestellt. 1983 wurden die Fabrikgebäude abgebrochen, auf dem Gelände entstand die Siedlung Marbach.

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