Thurellas Stolz wird über die ganze Welt verstreut

Die Quelle ist versiegelt und die Thurella-Belegschaft aus Eglisau abgezogen. Nun werden die Innereien der grossen Fabrikhallen abgebaut und verkauft.

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Von Christian Wüthrich

Eglisau – Keine Menschenseele ist zu sehen draussen vor dem Haupteingang der Mineralquelle am Eglisauer Dorfrand. Aber nicht die drückende Hitze dieses Juninachmittags hat das Geschäftsleben von hier vertrieben: Ein Jahr nach der Schliessung der Mineralquelle Eglisau ist die letzte Besitzerin, die Thurgauer Firma Thurella, aus dem Zürcher Unterland abgezogen. In den Hallen, wo seit 1920 das Mineralwasser der Eglisauer Quelle abgefüllt und unter anderem als Eglisana und Vivi-Kola vermarktet wurde, ist gespenstische Ruhe eingekehrt.

Drinnen ist es merklich kühler, und es hallt, wenn die neuen «Hausherren» Sandro De Jacob, Gebäudeverwalter im Auftrag der Zürcher Kantonalbank (ZKB), und Armin Isler von der Staatsbank durch die weitläufigen Räume schreiten. Am 23. Dezember sprudelte hier letztmals Obstsaft aus den Abfüllanlagen. Seit heute liegen die alleinigen Nutzungsrechte bei der Zürcher Kantonalbank. «Jetzt suchen wir einen Käufer», sagt Berater De Jacob. Schon über 400 potenzielle Firmen wurden kontaktiert – bislang ohne Erfolg. Was aus dem 58 000 Quadratmeter grossen Areal wird, lässt sich noch nicht sagen. «Oft stimmen für einen Käufer nur kleine Dinge nicht», sagt Isler. Manche Unternehmen hätten vielleicht erst kürzlich selber neue Kapazitäten aufgebaut, anderen erscheint der Ort, die Region unpassend, und wieder andere seien auf Güter spezialisiert, die nicht ins Hochregallager passen würden. Dieses wurde erst vor zwei Jahren errichtet, ist mit modernster Fördertechnik ausgestattet und steht ebenfalls leer. «Das System hat sich als gut erwiesen, daran ist der Betrieb wohl nicht gescheitert», meint Isler beim Betreten des «Bunkers», wie die Belegschaft den klotzigen Bau nannte. Die Kühlung ist längst abgeschaltet, trotzdem liegt die Temperatur an diesem Hitzetag im fensterlosen Innern so tief, dass sich die Härchen am Unterarm aufstellen. 23 000 Paletten Getränke lagerten hier bis vor kurzem mitten in einem dichten Wald von silbern blitzenden Metallgestängen. Gleichmässig ragen sie im ganzen Raum bis hoch unters Dach. Dass die ZKB Besitzerin des riesigen Geländes ihres eigenen Kunden geworden sei, sei nicht üblich, sagt Isler. «Wir haben das Eglisauer Areal in erster Linie gekauft, um die Firma Thurella zu retten.» 27 Millionen hat diese für ihren alten Zürcher Standort bekommen, wie es im Geschäftsbericht heisst. Ein neuer Käufer müsse bereit sein, nochmals diesen Betrag für die Anpassung an seine Bedürfnisse zu investieren, schätzen die Banker. «Mit Getränken muss das aber nichts mehr zu tun haben», meinen sie. Der Kaufentscheid der ZKB fiel auch im Wissen darum, dass hiermit ein wichtiger Mostobstabnehmer für die Ostschweizer Landwirtschaft auf dem Markt verbleiben konnte. Sonst hätte sich die Thurella überschuldet und wäre womöglich in Konkurs gegangen.

Abfüllanlage geht nach Angola

Nebenan im angebauten Schuppen liegen auf Paletten verteilt Einzelteile einer Abfülllinie. «Das geht nach Angola», sagt der Gebäudeverwalter. Alles muss weg. Was nicht am Stück als Anlage verkauft werden kann, wird verschrottet und auf dem Altmetall- und Recyclingmarkt verkauft. Dieses Geschäft macht nicht die ZKB, sondern die Thurella mit der auf Industrieauktionen spezialisierten holländischen Firma Troostwijk. Jenes Unternehmen also, das derzeit auch einen Abnehmer für die alten Weihnachtsdekoröhren von der Zürcher Bahnhofstrasse sucht. In Eglisau sind drei von vier Linien der Abfülleinrichtungen bereits weg. Nebst Angola lauten die Destinationen Russland und Iran – für Einzelteile auch Deutschland, Spanien und Irland.

Der letzte Thurellianer

Weiter vorne, wo die Flaschen einst durch eine Reinigungsmaschine sausten, hantieren unter den Augen von Urs Binder holländische Handwerker mit Trennscheiben, Zangen und Spezialsägen. Der 59-jährige Schaffhauser arbeitete 21 Jahre in der Mineralquelle Eglisau, erlebte manchen Besitzerwechsel und war bis zuletzt Technischer Leiter der Thurella. Dass es im Bereich mit der höchsten Hygienestufe nach verbranntem Metall stinkt, hätte ihm noch vor wenigen Monaten Sorgen gemacht, nun lässt es ihn kalt. Binders Erfahrung und das Wissen darüber, was auf dem Areal wo und zu welchem Zweck installiert ist, haben ihn zum unentbehrlichen Mann gemacht für die neuen Besitzer.

Berater De Jacob glaubt nicht, dass an diesem Standort wieder ein Logistiker einziehen wird. Sollte es längerfristig nicht gelingen, einen einzelnen Käufer für das Areal zu finden, sei auch an eine Aufteilung zu denken. Ob dereinst eher Wohnungen statt Arbeitsplätze entstehen, lasse sich nicht abschätzen, sagt der neue Verwalter. Aber grundsätzlich gelte: «Alles ist möglich hier.»

Ein Jahr nach der Hiobsbotschaft von der Schliessung der Mineralquelle Eglisau ist die letzte Besitzerin, die Thurgauer Firma Thurella, abgezogen. Die Schliessung des Unterländer Abfüllstandortes sei menschlich nicht einfach gewesen, sagt Rolf Menke, Mediensprecher des Mostereiunternehmens. Dieses sah sich gezwungen, seine rund 100 Arbeitsplätze in Eglisau aufzugeben und das Gelände mit allen Gebäuden und Anlagen zu verkaufen, sonst hätte das Unternehmen, welches hier Rittergold-Most und Obi-Säfte abgefüllt hat, womöglich nicht überlebt. Die Firmenmanager hatten in einer gewagten Vorwärtsstrategie riesige Überkapazitäten aufgebaut, was letztlich zum Bumerang wurde und dem Unternehmen beinahe das Genick brach. Thurella gibt es zwar noch, die Firma stellt heute Saftkonzentrat her, füllt die Getränke aber nicht mehr selber ab. Die Marken Obi und Rittergold allerdings sind bis auf einige letzte Lagervorräte inzwischen aus dem Handel verschwunden. (cw)

Holländische Spezialisten demontieren auch noch die letzten Gerätschaften, die irgendwie zu Geld zu machen sind. Foto: Johanna Bossart

Erstellt: 30.06.2011, 22:50 Uhr

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