Trams sind immer langsamer

Die Zürcher Trams und Busse verlieren an Geschwindigkeit. Um sie wieder zu beschleunigen, stellt ein SP-Gemeinderat eine brisante Forderung auf.

Mehr Passagiere, mehr Verkehr, weniger Platz: Zürcher Trams sind in Bedrängnis, hier die Linie 2 am Lindenplatz.

Mehr Passagiere, mehr Verkehr, weniger Platz: Zürcher Trams sind in Bedrängnis, hier die Linie 2 am Lindenplatz. Bild: Urs Jaudas

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Der öffentliche Verkehr lahmt. In den letzten Jahren haben Stadtzürcher Trams und Busse Geschwindigkeit eingebüsst. Der SP-Gemeinderat Hans Jörg Käppeli fürchtet deswegen um die Attraktivität der öffentlichen Verkehrsmittel: «Je tiefer das Durchschnittstempo liegt, desto weniger Menschen nutzen den ÖV», sagt Käppeli. «Das ist nachgewiesen.»

Weniger genau nachgewiesen ist, um wie viel sich Trams und Busse verlangsamt haben. Die VBZ können das Tempo ihrer Linien dank der neuen Leitstelle erst seit einigen Jahren präzise auswerten. 2014 betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit sämtlicher Trams 15,6 km/h, diejenige der Trolleybusse 18,8. Gegenüber 2013 bedeutete dies eine leichte Beschleunigung. «Das ist eine Ausnahme, wahrscheinlich bedingt durch weniger Baustellen», sagt VBZ-Sprecher Andreas Uhl.

Um die längerfristige Entwicklung festzuhalten, haben die VBZ ihre Fahrpläne von 1989 mit jenen von heute verglichen. Resultat: Während der Stosszeiten brauchen die Trams aller VBZ-Linien zusammen 15 Minuten länger, um ihre Strecke einmal abzufahren, in der Nebenverkehrszeit sind es 21 Minuten mehr. «Pro Linie bedeutet dies eine Verlangsamung um rund eine Minute. Das ist nicht sehr viel», sagt Andreas Uhl. Ausserdem seien die alten Fahrpläne eher zu knapp berechnet gewesen, sodass es öfter zu Verspätungen kam. Mittlerweile habe man die zu ehrgeizigen Zeiten angepasst. Das führte auf dem Papier zu einer Verlangsamung, an der tatsächlichen Geschwindigkeit änderte sich nichts. Trotzdem gehen die VBZ davon aus, dass ihre Gefährte über die Jahre Geschwindigkeit verloren haben. «Wir sind daran, genauere Zahlen zu erheben», sagt Uhl.

Tram 12 fast doppelt so schnell wie Tram 6

Die Gründe sind vielfältig: Die VBZ befördern von Jahr zu Jahr mehr Menschen. 2014 waren es 325,4 Millionen, fast 50 Millionen mehr als vor 20 Jahren. Wenn mehr Menschen ein- und aussteigen, kann das zusätzliche Zeit beanspruchen. Auch der restliche Verkehr in Zürich wächst. Mehr Autos, Roller, Velos und Fussgänger drängen auf die Strasse, was die Wartezeiten verlängert. Entscheidend ist weiter, ob die Trams und Busse auf einem eigenen Trassee fahren können und bei Rotsignalen bevorzugt werden. Auch die Abstände der Haltestellen beeinflussen das Tempo. Es gilt: Je weniger Haltestellen, desto zügiger gehts vorwärts.

So fährt die Glattalbahn mit 25,9 km/h fast doppelt so schnell wie die langsamste Tramlinie 6 mit 13,7 km/h. Die Nachteile des 6er-Trams: Es muss seine Geleise öfter mit anderen Verkehrsteilnehmern teilen, die Haltestellen liegen fast doppelt so nahe zusammen wie bei der Glattalbahn. Ausserdem fährt der 6er steil den Zürichberg hinauf.

Hans Jörg Käppeli hält die Lage für ernst. «Wenn wir die Verlangsamung nicht bald stoppen, schwächen wir den öffentlichen Verkehr.» Im Gemeinderat hat Käppeli deshalb zwei Anfragen zum Thema eingereicht. Unter anderem schlägt er vor, die Abstände zwischen den Haltestellen zu vergrössern. Dazu müssten einzelne, nahe aneinanderliegende Haltestellen aufgehoben werden.

Auch die VBZ-Planer denken über Wege zur Beschleunigung nach. Das Aufheben von Haltestellen gehöre wohl nicht dazu, sagt Sprecher Andreas Uhl. «Für unsere Kunden ginge die Rechnung nicht auf. Obwohl sich die Fahrzeit verringerte, würde sich die Reise für die Passagiere wegen des längeren Fusswegs verlängern.»

Tempo 30 als weiterer Bremsklotz

Umstritten ist, wie stark Tempo 30 Trams und Busse ausbremst. Um Zürich ruhiger zu machen, wollen SP und Grüne auf möglichst vielen Strassen Tempo 30 durchsetzen. Die VBZ befürchten, dadurch viel Zeit zu verlieren. Käppeli sieht dieses Risiko nicht. «Auf fast allen Abschnitten, wo wir Tempo 30 wollen, können die Trams schon heute kaum schneller fahren. Die wenigen Strecken, wo es wirklich zu einer Verlangsamung kommt, sind so kurz, dass sie nicht ins Gewicht fallen.»

Die VBZ sehen das skeptischer. In einem Vortrag beurteilt Hans Konrad Bareiss, Leiter der VBZ-Netzentwicklung, die bisherigen Tempo-30-Massnahmen als «verträglich». Tempo 30 dürfe aber nur auf kurzen Abschnitten gelten. Trams und Busse bräuchten dort zumindest genug Platz, um Velos zu überholen. Zudem sollten die Fahrzeuge ihre Zeiteinbussen durch eine Temposteigerung in anderen Abschnitten wiedergutmachen können.

Erstellt: 17.06.2015, 11:09 Uhr

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