Türke liess Söhne gegen den Willen der Mutter beschneiden

Im Frühling 2009 wurden die heute 11- und fast 13-jährigen Söhne eines Türken und einer Italienerin beschnitten. Gestern wurde der 38-jährige Vater wegen Körperverletzung verurteilt.

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Vater und Sohn testen sich vergnügt im Kopfrechnen. «Was gibt 12 mal 12?», fragt der 13-Jährige und tippt die Rechnung auf dem Handy ein. «142!», schiesst der Vater hervor. «Nein, du musst noch üben», foppt ihn der Junge. Die Szene spielt sich auf dem Gang des Bezirksgerichts Bülach ab und wirkt fast befremdend. Denn die beiden warten auf ein Urteil. Angeklagt ist der 38-jährige Vater, ein gebürtiger Türke mit italienisch-türkischer Doppelbürgerschaft. Sein Vergehen: Körperverletzung – begangen an seinen beiden Söhnen.

Bereits vor Jahren liessen sich der Angeklagte und seine damalige Frau scheiden. Sie erhielt das Sorgerecht für die Buben. Aus dem Wortschwall des Angeklagten vor Gericht ist zu schliessen, dass das Verhältnis der Geschiedenen sehr schlecht ist. «Ich spreche schon seit Jahren nicht mehr mit meiner Ex-Frau», wiederholt er immer wieder wütend.

Eingriff zu Hause gemacht

Letzten Frühling hatte der Angeklagte die Knaben bei sich. Sie hatten Ferien. Zufällig erfuhr er von der Anwesenheit eines Beschneiders in der Gegend. Er bestellte diesen zu sich nach Hause und liess seine Söhne beschneiden. Beim Jüngeren kam es in der Folge zu leichten medizinischen Komplikationen. Das Ganze geschah ohne das Wissen der sorgeberechtigten Mutter. «Ich wusste, dass sie dagegen ist», so der 38-Jährige. Deshalb habe er sie erst am Tag nach dem Eingriff informiert. Die Knaben habe er aber genau über das Prozedere aufgeklärt. Sie seien einverstanden gewesen. «Bei uns ist das eine Tradition und ein Fest. Jeder Knabe hat ein Recht darauf», so der Türke.

Weil er die Beschneidung nicht ohne die Einwilligung der Mutter vornehmen durfte, wurde er wegen Körperverletzung angeklagt. Zwar gab er zu, den Eingriff an seinen Söhnen organisiert zu haben, «aber ich habe doch keine Körperverletzung begangen. Ich würde doch nicht meine eigenen Kinder verletzen.» Er wolle, dass es ihnen gut gehe.

Aus dem Heim zum Vater

Der Angeklagte lebt seit 1994 in der Schweiz. Aufgewachsen ist er in der Türkei. Sein älterer Sohn, der ihn ans Gericht begleitete, lebt seit einem halben Jahr als Wochenaufenthalter bei ihm. Vorher wohnte er ein Jahr lang in einem Heim, weil es Probleme gab zu Hause.

Das Gericht befand gestern, dass der Vater den Söhnen eine Genugtuung von je 500 Franken zahlen muss. Zudem wurde er zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 30 Franken verurteilt. Die Hälfte davon muss er bezahlen, der Rest wurde bedingt ausgesprochen. Damit wurde der 38-Jährige auch dafür bestraft, dass er einen der Söhne nicht zur Mutter zurückbrachte, obwohl diese das gefordert hatte. Auch dieser Vorfall geht auf den Frühling 2009 zurück. Der Angeklagte meinte dazu: «Ich bin doch kein Chauffeur. Sie hätte ihn ja auch holen können.»

Vater kann Strafe nicht zahlen

War der Türke dem Einzelrichter während der Verhandlung wiederholt und zum Teil aggressiv ins Wort gefallen, war er nach der Urteilsverkündung sehr ruhig. «Ich kann das nicht bezahlen», sagte er nur. Denn er ist arbeitslos und erhält nicht einmal 2500 Franken Arbeitslosengeld. Zudem hat er Schulden. Wie hoch diese unterdessen sind, konnte er nicht beantworten. «Ich habe keinen Überblick. Ständig werde ich wegen Alimenten oder sonst etwas gepfändet und betrieben.»

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Erstellt: 28.09.2010, 21:11 Uhr

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