Turbulenter Einakter mit Slapstick-MomentenZinman brillierte mit Verdis Requiem Amüsante Spötteleien von Christof Wackernagel

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Kurz & kritisch

Theater

Winterthur, Theater Kanton Zürich – Diesmal treibt Darry Berrill es zu weit: Als der Bauer seiner Frau Lizzie zum x-ten Mal vorhält, wie viel einfacher die Hausarbeit als die Arbeit draussen auf dem Feld sei, wirft sie ihm die Kittelschürze hin. Sie geht die Wiese mähen; er soll derweil die Wäsche waschen, das Geschirr spülen, die Hühner und das Schwein füttern sowie nach der Kuh schauen, die am Abhang weidet. Das alles sei ein Klacks, behauptet Darry forsch, worauf Lizzie im Weggehen meint: «So Gott will, stehen, wenn ich wieder komme, zumindest noch die Wände.»

Prophetische Worte, denn natürlich geht in «Das Ende vom Anfang» alles schief. Der Einakter stammt aus dem Jahr 1937 und gehört zu den populärsten Werken des irischen Dramatikers Sean O’Casey (1880–1964). Er ist eine Art «Dick und Doof in Irland», denn bald tritt Darrys Nachbar Barry Derrill auf, tapsig gespielt von Stefan Lahr. Barry ist kurzsichtig, sonst aber körperlich und geistig fitter als der ebenso faule wie dicke Darry (Andreas Storm). Das hindert Darry freilich nicht, den armen Barry herumzukommandieren und ihm die Schuld für all die Fehler zuzuschieben, die eigentlich er, Darry, gemacht hat. «Für mich ist O’Casey eine Art volkstümlicher Beckett», sagt der Regisseur der Aufführung, Felix Prader. Wohl deshalb hat er Werner Hutterli ein abstraktes Bühnenbild bauen lassen. Dieses besteht lediglich aus drei mit Papier bespannten Wänden, in die drei Klappen eingelassen sind. O’Casey reiht aber viele Slapstick-Momente aneinander: Da müssen Geschirr und ein Fenster zu Bruch gehen, und vor allem muss man durch einen Kamin ein Seil ziehen können. Sonst funktioniert das Stück nicht.

Damit das Geschirr kaputtgehen kann, muss Prader es deshalb auf den Boden stellen lassen und gelegentlich auch dem Text Gewalt antun: «War da nicht mal ein Kamin?», sagt Barry, bevor er ein Loch in die Papierwand macht. So kollidiert Praders Wille zur Abstraktion mit den naturalistischen Erfordernissen des Stücks. Doch dieses ist so gut gebaut, dass das Lachen des Premierenpublikums am Donnerstag das Gebrüll auf der Bühne immer wieder übertönte.

Thomas Bodmer

Bis 9. 2., danach auf Tournee.

Konzert

Zürich, Tonhalle – Erst kommt der Rausch und dann der Kater. Solche Gesetzmässigkeiten vermag zwar auch die Zürcher Tonhalle nicht auf den Kopf zu stellen, doch verfügt sie über Gegengifte der patenten Sorte: Nach der Präsentation der miserablen Geschäftszahlen in der Saison 2010/11 brauchte es einen neuerlichen Rausch zur Besänftigung des hämmernden Katers. Und was wäre da geeigneter als Giuseppe Verdis «Missa da Requiem»? Mit Dirigent David Zinman und einem prestigiösen Solistenquartett (Luba Orgonasova, Elena Maximova, Francesco Meli, Günther Groissböck) gelang das rauschende Kunststück, Verdis Requiem weder in plump-bombastische Theatralik noch in die Sümpfe süsslicher Verklärung zu steuern, sondern exakt auf dem Grat zu halten, auf dem menschliche Ängste und Sehnsüchte in blanker Authentizität zu Klang werden. Von der Hoffnung auf das Glück ewiger Ruhe über die taumelnden Ängste vor unaufhörlichen Höllenqualen bis zum flehenden Entschweben – Zinman hielt die Fäden des riesenhaften Werks souverän in der Hand, ohne dazu auf gekünstelte Nüchternheit zurückgreifen zu müssen.

Besonders bemerkenswert war die Zürcher Sing-Akademie, die (verstärkt mit Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste und weiteren Zuzügern) einen ersten Gipfel ihrer jungen Karriere erklomm: So drastisch erschallte das «Dies Irae», dass die Posaunen kaum mehr zu hören waren. Restlos plastisch die Chorfuge des «Sanctus», beschwörend schwebend der «Introitus» – die stimmlichen Möglichkeiten des von Tim Brown geleiteten Chors schienen fast unbeschränkt. Das Fazit? Künstlerisch hält sich die Tonhalle hartnäckig auf höchstem Niveau. Und die Zahlen? Die werden jetzt besser, schliesslich hat man den Grund der sinkenden Besucherzahlen identifiziert («innovativere Programme, denen das Publikum nicht das gleiche Interesse entgegenbringt») und behoben («innovativere» Programme sind im aktuellen Programm kaum mehr zu finden).

Tobias Rothfahl

Krimi

Der Autor und Schauspieler Christof Wackernagel war einmal Mitglied der Rote-Armee-Fraktion. Nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer am 5. Oktober 1977 wurde er steckbrieflich gesucht und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis begann er dann mit dem Schreiben und veröffentlichte einen Roman und einen Gedichtband. Seiner Wiederaufnahme in die deutsche Gesellschaft hat Wackernagel immer auch ein wenig misstraut. Mittlerweile lebt Wackernagel in Bamako, der Hauptstadt von Mali, wo auch weite Teile seines Krimis «Der Fluch der Dogon» spielen und wo er versucht, eine Bäckerei zu betreiben. Von der Bäckerepisode erzählt der Dokumentarfilm «Der Weisse mit dem Schwarzbrot», und wer den gesehen hat, dem wird manches in diesem Roman bekannt vorkommen – auch wenn der vor deutscher Strafverfolgung geflohene Protagonist Stefan sich als Schreiner in Bamako niedergelassen hat.

Anlässlich eines dubiosen Kunstausfuhrversuches rechnet Christof Wackernagel hier mit Rhetorik und Praxis der Völkerverständigung ab. «Der Fluch der Dogon» ist weniger ein packender Krimi als eine Folge amüsanter Skizzen und Spötteleien rund um das Nord-Süd-Verhältnis, das koloniale Erbe und grenzüberschreitendes Schlaumeiertum.

Thomas Klingenmaier

Christof Wackernagel: Der Fluch der Dogon. Edition Nautilus, Hamburg. 158 Seiten, ca. 20 Fr.

Das Stück «Das Ende vom Anfang» ist eine Art «Dick und Doof in Irland». Foto: T + T Fotografie

Erstellt: 31.01.2012, 06:33 Uhr

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