Ueriker Galeristen wollen kein Geld, aber ihr Lieblingsbild

Uerikon liegt auf halbem Weg zwischen Chur und Zürich. Zwei kunstvernarrte Bündner haben an dieser «Schnittstelle» eine spezielle Galerie eröffnet.

Andrin Schütz und Claudia Held in ihrer minimalistisch weiss getünchten Galerie.

Andrin Schütz und Claudia Held in ihrer minimalistisch weiss getünchten Galerie. Bild: Michael Trost

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Wie viele Kinder haben es geschafft, ihren Buben- oder Mädchentraum in die nüchterne Erwachsenenwelt hinüberzuretten? Es sind wenige. Sonst wäre unsere heile Schweizer Welt wohl ausschliesslich von Lokomotivführern, Astronauten, Architekten und ehemaligen Swissair-Piloten bevölkert. Als Andrin Schütz zehnjährig war, kauften seine Eltern ein Bild des mittlerweile recht bekannten Bündner Künstlers Dea Murk. Klein Andrin war mit der Wahl seiner Eltern gar nicht einverstanden. Also entschloss er sich kurzerhand, selber eines seiner Bilder zu erstehen. Später, als 16-Jähriger, durfte er für einen Churer Kunsthändler, Goldschmied und Restaurator selbstständig auf Auktionen Kunst einkaufen. Damit begann sein eigentliches Leben als Kunstsammler, Kunst­experte und Bildernarr schon in jungen Jahren. Heute ist der Aroser 35 Jahre alt und betreibt zusammen mit seiner Lebenspartnerin Claudia Held die Galerie S/Z in Uerikon. In einem gut 100 Quadratmeter grossen, hohen Raum, durchwachsen von vier gusseisernen Säulen, alles Weiss getüncht, scheinen die grossformatigen Bilder der aktuellen Ausstellung förmlich im Raum zu schweben. «Nach dem Vorbild des White Cube», sagt Schütz stolz. «White Cube» ist nicht nur der Name dieses verbreiteten Ausstellungskonzeptes - so heisst auch eine der berühmtesten kommerziellen Londoner Galerien für Gegenwartskunst.

Sammeln statt kaufen

Neben dem Galeriebetrieb, dennoch untrennbar mit diesem verbunden, pflegen die beiden eine Sammlung zeitgenössischen Kunstschaffens und agieren als Kunst- und Kulturvermittler. Dass Schütz nebenbei mit seinem Bruder eine Firma besitzt, die Ski im Hochpreissegment produziert, sei hier nur am Rande erwähnt. Typisch Bündner eben, ist man als Zürcher versucht zu sagen. Der Blondschopf entschuldigt sich für die unaufgeräumte Küche, während er Kaffee zubereitet. Die grosszügige, holzgetäferte Wohnung, die Schütz seit vier Jahren mit Claudia Held teilt, befindet sich im gleichen Haus wie die Galerie; an den Wänden hängen Bilder des österreichischen Malers Anton Christian. «Die gehören nicht mir», sagt Schütz, «oder genauer: nur zwei davon.» Die Tatsache, dass diese Bilder dort hängen, zusammen mit Werken des Bündner Malers Thomas Zindel und einem Dalí, ist Teil des Konzepts. Statt der üblichen 50 bis 60 Prozent des Preises pro verkauftes Bild, sieht die Provision der Ueriker Galeristen anders aus: Ein bis zwei Bilder des ausstellenden Künstlers werden jeweils in die Sammlung S/Z aufgenommen. Das ist ihr Lohn.

Ziel sei es, so Schütz, die Sammlung in einigen Jahren in eine Stiftung zu überführen. Ein Konzept, das seit der Eröffnung der Galerie vergangenen November aufgegangen ist. Allerdings haben bisher hauptsächlich befreundete Maler oder Bildhauer ausgestellt. Doch bei den geplanten sieben Ausstellungen jährlich gehen auch dem beliebtesten Menschen irgendwann die Freunde aus. Oder dem begehrtesten Galeristen die befreundeten Künstler. «Wir sind wie eine grosse Familie», räumt Schütz ein und meint damit gestandene Künstler wie Vincenzo Baviera, Rolf Hauenstein, Thomas Zindel oder den derzeit ausstellenden Exilschweizer Kurt Weber. Claudia Held schüttelt den Kopf. Sie wirkt mit ihrem streng zurückgebundenen Haar abgeklärter als ihr gleichaltriger Partner. Die Pharmazeutin, derzeit gerade dabei, ihr Kunstgeschichte-Studium abzuschliessen, mag den Ausdruck «Familie» in diesem Zusammenhang nicht. «Ist mir zu intim.» Held spricht lieber von einer Plattform, einem Netzwerk und davon, dass man hohe Ansprüche an sich und die ausstellenden Künstler stelle.

Suche nach jungen Talenten

Damit ein Künstler für das S/Z interessant wird, müssen seine Werke bereits von einem Museum oder einer Sammlung gekauft worden sein. Auch die Liste der Ausstellungen sollte eine gewisse Länge aufweisen. Dieser Anspruch ist hoch, doch scheint er nicht allzu elitär, denn die Galerie funktioniert nicht nach kommerziellen Kriterien. «Einen wichtigen Teil unserer Arbeit sehen wir in der Suche nach jungen, talentierten Künstlern», sagt Schütz. Ganz nebenbei erwähnt er die 25-jährige Catrine Bodum: Sie stellt nächstes Jahr hier aus. «Kunst hat einen Anspruch an sich selbst», glaubt Schütz. Es bedürfe eines hohen Masses an gedanklicher und technischer Reife, um sich überhaupt Künstler nennen zu dürfen. «Kunst muss durchkonzipiert sein. Und sie muss sowohl intelligent als auch intuitiv sein.» Es müsse sich eine klare Linie im Werk eines Künstlers abzeichnen. Mit der unübersichtlichen Flut malender Hausfrauen können die beiden Kunstvermittler nichts anfangen.

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Erstellt: 28.07.2010, 20:47 Uhr

Sammlung Galerie S/Z

Stationsstrasse 10-12, Uerikon, 076 338 87 13, www.galerie-sz.com, Do/Fr 15-19h, Sa 11-17h, So 15-17h.

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