Analyse

Uto-Kulm – der verknorzte Gipfel

Die Stadt Zürich ist selber schuld, dass sie auf ihrem Hausberg nichts zu sagen hat. Sie wollte das Restaurant nicht erwerben.

Epischer Rechtsstreit: Das Gartenrestaurant und die verglaste Terrasse im Hintergrund sind illegal. Foto: Sabina Bobst

Epischer Rechtsstreit: Das Gartenrestaurant und die verglaste Terrasse im Hintergrund sind illegal. Foto: Sabina Bobst

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Uto-Kulm, der höchste Punkt des Uetlibergs, ist mit 870 Metern nicht besonders hoch. Sehr hoch sind dagegen die Ansprüche, die dieser Gipfel an Baujuristen, Verwaltungen, Exekutiven und vor allem ans Verständnis der Bevölkerung stellt. Seit über zehn Jahren tobt ein Rechtsstreit um die Ausbauten, die der Besitzer Giusep Fry erstellt hat. Wanderer, die ja nur eine kleine Einkehr möchten, haben in diesem Verfahren so wenig Überblick wie auf einem vernebelten Gipfel. Am Mittwoch mussten sie sogar in der Zeitung lesen, dass das Bundesgericht die Gartenwirtschaft verbietet. Ein Ausflugsziel ohne Beiz ist wie eine Zahnradbahn ohne Zahnrad.

So brav der Uetliberg tönt mit seinem «li»: Auf Uto-Kulm ist er höchst komplex – bergpsychologisch gesprochen eine multiple Persönlichkeit. Was von der Stadt aus wie Zürichs höchster Punkt aussieht, ist Gemeindegebiet von Stallikon, obwohl Stallikon die Aussichtskanzel gar nicht sieht. Überall am Berg folgt die Zürcher Westgrenze der Gratstrasse, nur beim Uto-Kulm gibt es diese unerklärliche Stalliker Ausstülpung.

Zwei Türme – öd und schön

Wären auf Uto-Kulm die städtischen Baubehörden zuständig, bekannt für geschärfte Gesetzeskunde, hätte der Hotelier viel vorsichtiger vorgehen müssen. Dann stünde dort oben auch nicht dieser dreibeinige Grobian von einem Turm, der lieber ein Bohrturm wäre als ein Aussichtsturm. Die damalige Bauherrin – die Schweizerische Bankgesellschaft – liess einem Ingenieur freie Hand, der ohne Designerbeistand ans Werk ging und in seinem Stahlpfostenrausch auch nicht vom Stalliker Bauvorstand gebremst wurde.

Ganz anders der elegante, 180 Meter hohe Sendeturm weiter unten: Er steht auf städtischem Boden, und der 1990 zuständig gewesene Stadtrat Ruedi Aeschbacher verweigerte der damaligen PTT die Baubewilligung so lange, bis sie ein Projekt mit geripptem Betonsockel und harmonischen Proportionen vorlegte.

Uto-Kulm gehört aber nicht nur zu Stallikon, das Grundstück ist zudem in Privatbesitz. Als Ausflugsziel von Hunderttausenden, als touristische Topdestination von Zürich, als Wanderziel für Alt und Jung ist Uto-Kulm ein öffentlicher Ort, wie er öffentlicher kaum sein kann. Doch er wird beherrscht von den Plänen und der Buchhaltung einer einzigen Privatperson. Giusep Fry ist ein emsiger, kühner Hotelier und Gastronom, doch passt seine Seminar- und Eventlocation nicht zum öffentlichen Ausflugsziel.

«Die Ablehnung des Tauschhandels ist ein Paradebeispiel, wie die Linke im Banne ihrer Ideologie steht», sagte FDP-Gemeinderat Thomas Wagner 1976.

Offensichtlich wird das auf den verglasten Terrassen, wo eigentlich von Gesetzes wegen die Gartenwirtschaft sein müsste, wo aber weiss gedeckte Tischreihen für die Abendgesellschaften reserviert sind. Die Glasterrasse verdrängte die Gartenbeiz neben den Turm, wo sie aber nicht hin darf. Mit der Verglasung hat der Wirt seine eigene Gartenbeiz in die Illegalität getrieben. Die verglaste Ganzjahresterrasse rechtfertigt er mit wirtschaftlichen Gründen. Doch dem hielt das Bundesgericht schon vor zwei Jahren entgegen, dass angesichts der Nähe zur Stadt mit ihren Übernachtungsmöglichkeiten keine Notwendigkeit bestehe, ausserhalb der Bauzone ein Hotel, namentlich auch ein Seminarhotel, zu betreiben.

Dass sich auf Zürichs Hausberg überhaupt ein Fryherr so breitmachen kann, daran sind auch die Zürcherinnen und Zürcher schuld. Am 26. September 1976 stimmten sie über einen Landtausch ab: zwei schmale, eingequetschte Häuser im Augustinerquartier gegen das Restaurant Uto-Kulm, das dem Generalunternehmer Karl Steiner gehörte. Die Bürgerlichen waren für den Tausch. Das Komitee «Öise Üetli» argumentierte, ein Ausflugsrestaurant müsse sozialen Anforderungen genügen. Motto: «De Zürcher de Üetli, dänn bliibts immer gmüetli.»

Ohne SP kein Fry

Doch Linke und Heimatschützer fürchteten, dass Steiner, dem die meisten Augustinerhäuser gehörten, das Quartier mit teuren Wohnungen oder gar einem Einkaufszentrum zerstören würde. Gemeinderat Thomas Wagner (FDP) sprach in der Debatte im Rathaus von einem «Paradebeispiel linker Ideologie». SP-Gemeinderat Moritz Leuenberger konterte: «Wahlrede von Franz Josef Strauss.» Mit 75 Prozent Nein wurde die Übernahme von Uto-Kulm abgelehnt; auch in den bürgerlichen Wahlkreisen fürchtete die Mehrheit, ein städtischer Gastrobetrieb auf dem Uetliberg wäre defizitär.

Dieser Entscheid stand insofern in der Tradition, als zuoberst auf dem Uetliberg immer Private am Wirten waren. Von 1875 bis 1927 gleich doppelt, weil auf dem Plateau, wo sich heute der Sendeturm reckt, das Grand-Hotel Uetliberg mit 150 Zimmern und «reellen Weinen» stand. Später nutzte die Stadt das Hotel als Freiluftschule und brach es dann 1943 wegen Baufälligkeit ab.

Von nationaler Bedeutung

Trotz dieser regen touristischen Vergangenheit war Uto-Kulm bis kürzlich der Landwirtschaftszone zugeteilt, wo Hotelbauten nicht zulässig sind. Vor drei Jahren beschloss der Bundesrat mit der Umteilung in die Erholungszone eine Lockerung – vom Verein Pro Uetliberg und vom Heimatschutz «Lex Fry» genannt. Sie pochen darauf, dass der Uetliberg als Landschaft von nationaler Bedeutung gelte, wo grösstmögliche Schonung angesagt sei. Erholungszone und Landschaft von nationaler Bedeutung – auch das macht Uto-Kulm so kompliziert. Für Uhu und Schwarzspecht jedenfalls ist die Situation zu verworren, weshalb sie sich dort oben nicht mehr blicken lassen.

Erstellt: 08.03.2014, 08:44 Uhr

Jürg Rohrer ist Lokalredaktor beim «Tages-Anzeiger».

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