Was Kunst ist, sagen die Dorfpolitiker

In Herrliberg weiht der Verschönerungsverein heute eine neue Skulptur auf öffentlichem Grund ein. Wie es in solchen Fällen üblich ist, ohne die Meinung der Dorfbewohner einzuholen.

«Das Auge» des Herrliberger Bildhauers Hans Baumann.

«Das Auge» des Herrliberger Bildhauers Hans Baumann.

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Etwas Bleibendes wollte der Verschönerungsverein Herrliberg (VVH) zu seinem 100-jährigen Bestehen schaffen, eine Erinnerung mit Bestand. Einen Brunnen lehnte die Gemeinde wegen des Wasserverbrauchs ab. Für einen Baum wurde kein geeigneter Standort gefunden. Deshalb entschied man sich schliesslich für eine Skulptur des ortsansässigen Bildhauers Hans Baumann. «Das Auge», ein massives Kunstwerk aus grünlichem Puschlaver Serpentin, steht nun beim Fronacher, auf dem Erlenbacher Wasserreservoir, wo es heute Samstag um 11 Uhr eingeweiht wird.

Gestiftet wurde die Skulptur von der Gemeinde Herrliberg, bei welcher der Verschönerungsverein einen entsprechenden Antrag gestellt hat. Sie hat rund 30'000 Franken gekostet. Über den Kauf und den Standort hat der Gemeinderat entschieden – wie es bei öffentlicher Kunst üblich ist. Zuerst habe sich ein Ausschuss das Projekt angeschaut, erklärt der Herrliberger Gemeindepräsident Walter Wittmer (Gemeindeverein). «Anschliessend haben wir im Gemeinderat intensiv darüber diskutiert.»

Keine Expertengremien

Genauso verfuhr auch die Gemeinde Meilen, als sie vor zwei Jahren ein Marmor-Ei der Steinbildhauerin Sibylle Pasche für die Seeanlage kaufte. Es sei die spontane Idee eines Gemeinderates gewesen, der die Ausstellung der Künstlerin besucht hatte, erinnert sich der damalige Gemeindepräsident Hans Isler (ehemals SVP). Der Gemeinderat habe in der Folge einen fünfköpfigen Ausschuss gebildet, der ein Objekt auswählte. «Letztlich war es ein Bauchentscheid», sagt Isler heute.

Richtlinien oder gar ein Konzept dafür, welche Art Kunst im öffentlichen Raum aufgestellt wird, haben die Gemeinden nicht – im Gegensatz etwa zur Stadt Zürich, die dafür eine Arbeitsgruppe mit Sachverständigen unterhält und einen Leitfaden entwickelt hat. In den Gemeinden sind es meist keine Kunstkenner, die den Ausschlag geben.

Der «Volksgeschmack» zählt

In Meilen etwa hatte laut Isler seinerzeit nur der damalige Hochbauvorstand Jürg Herter (FDP) als Architekt einen Blick fürs Gestalterische. In Herrliberg wiederum ist es Walter Wittmer selbst, der einen Bezug zur Kunst hat. Einerseits sei die Kultur sein Ressort, andererseits führten die Schwester und der Schwager Galerien. Kunstsachverständige sind auf Gemeindeebene für Kunst-Entscheide aber nicht zwingend notwendig – zumindest nach Hans Islers Dafürhalten nicht: «Wir müssen ja den Volksgeschmack treffen», sagt er. Ob dies der Fall ist, lässt sich allerdings jeweils erst im Nachhinein sagen. So oder so können die Dorfbewohner in der Regel kaum etwas an den Entscheiden ihres Gemeinderats ändern. Wittmer sagt dazu lakonisch: «De gustibus non est disputandum» – über Geschmack soll man nicht streiten. Der Gemeindepräsident geht davon aus, dass die neue Skulptur in Herrliberg nicht allen gefallen wird, auch wenn es bislang keinen Widerstand gegeben habe. Doch das ist seiner Ansicht nach kein Problem, im Gegenteil: «Mir gefällt es, wenn über Kunst diskutiert wird.»

Dafür haben die Herrliberger nun alle Zeit. Denn ganz dem Wunsch des Verschönerungsvereins entsprechend, eine dauerhafte Erinnerung an sein Jubiläum zu schaffen, wird die Skulptur – zumindest laut Plan – für immer im Herrliberger Fronacher stehen bleiben.

Ein Symbol für Weitblick

Das steinerne Auge soll Fernsicht und Weitblick symbolisieren, wie der Bildhauer Hans Baumann erklärt. Inspiriert hatte ihn der Ausblick in die Alpen, den er während seiner Jugend an der Aussichtsstrasse in Herrliberg genossen hatte. Ursprünglich sollte die Skulptur deshalb auch dort zu stehen kommen, wo sich früher das Restaurant «Zur frohen Aussicht» befand . Da an jener Stelle jeweils am 1. August das Höhenfeuer entzündet wird, erachtete die Gemeinde den Platz dort aber als zu beschränkt. So kam die Skulptur schliesslich auf den Fronacher.

Paul Hegelbach, der seitens des Verschönerungsvereins alles rund um das Kunstwerk organisiert und sogar beim Ausheben des Fundaments mitgeholfen hat, freut sich über den Standort. «Der Platz ist ruhig und sehr schön. Auf dem Panoramaweg spazieren viele Leute vorbei.» Diese könnten sich vor das Auge, das in Richtung Zürich blickt, setzen und die Aussicht geniessen.

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Erstellt: 18.09.2010, 16:37 Uhr

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