Was ist vom Zorn geblieben?

Heute jährt sich der Todestag von Fritz Zorn. «Mars», seine Brandschrift gegen das Goldküsten-Bürgertum, ist einzigartig geblieben. Kann an der Goldküste von heute noch gesellschaftskritische Literatur entstehen?

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Adolf Muschg hat nach Männedorf in seinen kleinen Bibliothekspavillon geladen – es reihen sich die Werkausgaben von Homer bis Frisch –, und er erzählt vom Meilemer Literaten Fritz Zorn.

Ein bunter Hund sei Zorn gewesen, berühmt für seine Festivitäten und für seine Konversationslust, erinnert sich der Schriftsteller. Auch habe er sich sehr extravagant gekleidet, auffällig sei insbesondere sein Mantel gewesen – lang, schwarz, mit dunkelroter Fütterung. Muschg deutet Zorns Mode symbolisch: «Man sollte ihm den Schmerz nicht ansehen. Er hat seine Depression mit dem Habitus eines Lebemanns ummantelt.»

Fritz Zorn (1944–1976), der mit bürgerlichem Namen Federico Angst hiess, war ein Kind der Goldküste; er wuchs in Meilen auf und besuchte das Küsnachter Gymnasium. Zeit seines Lebens litt er an der Lieblosigkeit seines grossbürgerlichen Elternhauses und am Anpassungsdruck des gehobenen Goldküsten-Milieus. Wie gross seine seelische Verkümmerung tatsächlich war, realisierte der promovierte Romanist allerdings erst viel später. Eine Krebserkrankung zwang Fritz Zorn mit 30 Jahren zu einer schonungslosen Bilanz, die er mit seinem einzigen Buch – «Mars» – literarisch verarbeitete.

Hasstirade gegen Gesellschaft

«Ich bin jung und reich und gebildet, und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt.» So beginnt «Mars», und in der Folge steigert sich Fritz Zorn in eine fanatische Hasstirade gegen Eltern, Mitschüler, Lehrer und die Schweizer Gesellschaft, wie sie ohnegleichen ist in der helvetischen Literaturgeschichte.

Der Meilemer interpretierte den Krebs eigenwillig als bloss äusserliche Ausprägung eines Leidens, das seelischen Ursprungs ist. Den Krankheitsausbruch nimmt er zum Anlass, mit seinen Lebenslügen radikal aufzuräumen. Krebs bekommen zu haben, sei «bei weitestem das Gescheiteste gewesen», was er je in seinem Leben «getan» habe, schreibt Zorn. Er kommt zum brutalen Fazit, ein falsches und komplett missglücktes Leben gelebt zu haben, wofür es weder eine Relativierung noch eine Entschuldigung geben könne.

Die «Entfesselung», wie es Adolf Muschg nennt, die konsequente Loslösung vom Goldküsten-Bürgertum, gelang Fritz Zorn erst wenige Monate vor seinem Tod, als er «Mars» niederschrieb. Sein Buch wurde post mortem 1977 gedruckt und avancierte zu einer literarischen Sensation.

Entscheidenden Anteil am Erfolg von «Mars» hatte Adolf Muschg. Ein befreundeter Buchhändler übergab dem Schriftsteller das «Mars»-Manuskript kurz vor Zorns Krebstod, und Muschg bemühte sich sogleich um einen Verleger. Es sei ein «notwendiges Manuskript» gewesen, schreibt Muschg im Vorwort des Buches. Er, der in Zollikon aufgewachsen ist und heute in Männedorf lebt, kennt das von Zorn kritisierte Milieu aus eigener Anschauung. «Das Buch wurde so auch zu einer Prüfung für mich selbst», erzählt der ehemalige ETH-Professor.

Strahlkraft eingebüsst

Muschg glaubt, dass Zorns Tirade ihre gesellschaftskritische Strahlkraft mittlerweile eingebüsst hat. «Als ich vor 30Jahren in Frankfurt eine Vorlesung hielt, lag ‹Mars› auf allen Pulten», erinnert er sich. Heute sei die Aussicht auf einen «mit der Leistungsgesellschaft kompatiblen Lebenslauf» ein blosser Sachzwang und keine existenzielle Schande mehr.

Muschgs Befund wird bestätigt von Pippin Wigglesworth. «Von ‹Mars› ist mir nur ein vages Gefühl der Bewunderung geblieben», sagt der 27-jährige Zürcher, der vor zwei Jahren Aufsehen erregte, als er seine Erlebnisse als hedonistischer Spross der Goldküste im Roman «Viertel nach Handgelenk» zelebrierte.

Nicht an Zorns konkrete Milieu-Kritik erinnert sich der Jungautor, sondern an «seine verzaubernde Art des Schreibens». Ein «Erbauer von Luftschlössern» sei Zorn gewesen, schwärmt Wigglesworth und fügt bissig an: «Die heutigen Schweizer Schriftsteller schreiben ja lieber ein bisschen Krimi, ein bisschen Kindergarten, ein bisschen schön, leicht, lieb, schwach. Damit ja nichts zerbricht.» Die Schweiz sei längst taub geworden für die Sprache literarischer Fundamentalkritiker vom Schlage eines Fritz Zorn, sagt Wigglesworth, der heute (wie früher Muschg) in Berlin lebt. «Der Wohlstands-Protektionismus verklebt alle Gefühle, auch den Schmerz.»

Psychologisch relevant

Im Gegensatz zu Pippin Wigglesworth gibt sich der 76-jährige Muschg zurückhaltend; er plädiert dafür, «Mars» anders, nämlich psychologisch zu lesen: «Mich interessiert an Zorn vor allem die Frage, wie ein Mensch sein Leid vor anderen verbirgt.» In diesem Punkt sei Zorns «Mars» unvermindert, ja existenziell relevant. Als unnütz erachtet Muschg dagegen den Versuch, zeitgenössische Schriftsteller an einem radikalen Solitär wie Fritz Zorn zu messen: «Sich eine Figur wie Zorn zu wünschen, ist sinnlos. Sie erscheint, wenn die Not dazu gross genug ist.»

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Erstellt: 02.11.2010, 09:59 Uhr

Fritz Zorn: Mit bürgerlichem Namen hiess er Federico Angst.

Hatte entscheidenden Anteil am Erfolg von «Mars»: Adolf Muschg.

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