Interview

«Wenn heute Wahlen wären, würde Mörgeli mit Superresultat gewählt»

Kommunikationsexperte Sacha Wigdorovits kritisiert die Universität und lobt Christoph Mörgeli.

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Die Entlassung von Christoph Mörgeli hat an der Uni zu einem Flächenbrand geführt. Wieso?
Neben politischen Gründen war vor allem die unglückliche Kommunikation der Uni massgebend. Der grösste Fehler wurde ein Jahr vor den ersten Zeitungsartikeln gemacht. Da hat die Leitung des Medizinhistorischen Instituts externe Gutachter beigezogen und Berichte über den angeblich schlechten Zustand der Sammlung verfasst – ohne Mörgeli miteinzubeziehen. Wenn man jemandem schwere Vorwürfe macht, muss man ihm das rechtliche Gehör gewähren, das gehört zum Rechtsstaat.

Eskaliert ist die Situation aber erst mit den Medienberichten.
Spätestens als die Anfrage des Tagi vorlag, hätten alle Alarmglocken läuten müssen. Jeder an der Uni hat gewusst, dass Mörgeli politisch sehr exponiert und umstritten ist. Und dass diese mediale Breitseite gegen Mörgeli und seine angeblich verstaubten Knochen für grosse Resonanz sorgen wird. Da hätten Rektorat, Institutsleitung und Medienstelle blitzartig reagieren müssen.

Doch Rektor Fischer hat Mörgeli ja kaum gekannt.
Wenn der Name Mörgeli fällt, muss es auch bei einem Unirektor und in seiner Medienstelle Klick machen. Die Sprengkraft eines möglichen Mörgeli-Skandals wurde komplett unterschätzt – vom ersten Bericht an, über seine Qualifikationen bis zur Entlassung.

Warum hat die Uni Mörgeli nicht vorher informiert und einbezogen?
Vielleicht weil alle Angst vor ihm hatten. Doch das war die komplett falsche Taktik. Hätte der Rektor Mörgeli und die Institutsleitung rechtzeitig an einen Tisch gebeten, hätte sich dieser Fall nie in diese Richtung entwickelt. Interimsrektor Otfried Jarren hat ja heute zugegeben, dass der kritische Dialog in der Vergangenheit zu wenig gepflegt wurde.

An der Uni gibts Hunderte von Juristen, Psychologen und Kommunikationsexperten, weshalb kann so ein Desaster an einem derart gut dotierten Institut überhaupt passieren?
Es gibt viel grössere Firmen, die das Krisenpotenzial von kleinen Kampagnen unterschätzen. Zum Beispiel Nestlé beim Kitkat-Greenpeace-Palmöl-Debakel oder die UBS beim Swissair-Grounding.

Ist die Uni ein abgehobener, weltfremder Bildungstempel?
Dieser Eindruck wird zumindest vermittelt. Wenn sich ein Professor empört, dass die Staatsanwaltschaft in einer Strafuntersuchung Zugang zu E-Mails erhält, dann muss ich über so viel Naivität lachen. Auch in der Unileitung spürte man den politischen, medialen und gesellschaftlichen Puls nicht mehr richtig. Das kommt auch in den Teppichetagen von grossen Unternehmen oft vor.

SVP-Nationalrat Fehr warf Fischer vor, er sei nicht «kriegstauglich».
Das klingt zwar etwas martialisch. Aber Rektor Fischer war vor allem zu wenig gut beraten. Kein Unternehmen bewältigt eine solche Krise bloss mit internen Kräften. Beim Absturz von Halifax stellte die Swissair ein Team mit 36 Kommunikationsleuten zusammen, darunter viele externe. Und nach Fukushima liess sich auch die Axpo extern beraten.

Das ist vor allem Eigenwerbung!
Klar, aber nicht nur. Externe Kommunikationsleute bringen mehr Ressourcen und neue Blickwinkel mit sich – und sie getrauen sich, den Unternehmensleitungen unpopuläre Dinge zu sagen.

Ist es nicht zu einfach, offensichtliche Fehler mit Kommunikationspannen zu entschuldigen?
In einer Krise kann man mit Kommunikation nicht aus Schwarz Weiss machen – aber dafür sorgen, dass aus Dunkelgrau nicht alles noch schwärzer wird.

Wie nehmen Sie als ehemaliger Germanistik-Student die Universität Zürich wahr?
Negativ aufgefallen ist mir das Hüst und Hott in der Kommunikation. Zuerst hätte Frau Ritzmann ihren Lohn nachzahlen sollen, dann doch nicht. Oder man hat die Entlassung von Mörgeli angekündet, und dieser wusste noch von gar nichts. Oder die Uni hatte zehn Tage lang mit den Medien nur schriftlich verkehrt, statt mit den wichtigen Medien das Gespräch zu suchen. Auch beim UBS-Sponsoring-Vertrag fehlte der Wille zur Transparenz.

Wie gut hat Mörgeli kommuniziert?
Er hat sich sehr geschickt verhalten. Seine Entlassung hat er wortgewandt als politischen Schachzug dargestellt. Jetzt ist er ruhig. Zu Recht: Wenn man sieht, dass der Gegner mit Tempo 200 gegen eine Betonwand fährt, dann soll man zur Seite treten und ihn fahren lassen.

Und wie hat sich Regine Aeppli als Präsidentin des Unirats verhalten?
Gegen aussen hat sie gewirkt, als ob sie sich möglichst aus dem Schussfeld halten will, weil sie wusste, dass sie in diesem Streit keine Blumen holen kann.

Wenn heute Wahlen wären, würde Mörgeli wieder Nationalrat?
Ja – und zwar mit einem Superresultat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2013, 08:23 Uhr

Der 61-Jährige führt heute eine Kommunikationsagentur und war früher 20 Jahre lang Journalist.

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