«Wir waren anfangs so naiv»

Angela Magdici wurde heute verurteilt – ins Gefängnis muss sie aber nicht. Ihre Flucht mit Hassan Kiko habe nichts gebracht, sagte sie vor Gericht.

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Es war die Romanze des letzten Jahres: In der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2016 befreite die damalige Gefängnisaufseherin Angela Magdici ihren Liebhaber Hassan Kiko aus dem Gefängnis Limmttal in Dietikon und floh mit ihm nach Italien. Dort wurde das Paar bald darauf, am 25. März, verhaftet.

Am Dienstag fand unter grossem Medieninteresse der Prozess gegen Angela Magdici vor dem Bezirksgericht Dietikon statt. Wenige Minuten vor der Verhandlung erschien die modisch gekleidete 33-jährige Schweizerin in Begleitung ihres Anwalts Urs Huber und bahnte sich einen Weg durch die Reporter. Fragen wollte sie nicht beantworten.

Bei der Befragung zur Sache durch den Gerichtspräsidenten Stephan Aeschbacher machte die Beschuldigte vom Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Auf Nachfrage sagte sie, dass sie das Urteil des Zürcher Obergerichts im Zusammenhang mit ihrem Freund Hassan Kiko wegen Vergewaltigung als ungerecht erachte. Der 28-jährige Syrer war im Dezember 2016 wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. «Ich denke nicht, dass es sich so abgespielt hat. Ich glaube ihm.» Sie habe Hassan Kiko im Gegensatz zur Justiz ausserhalb des Gerichts als Menschen kennen gelernt. Intime Kontakte habe es während Kikos Gefangenschaft im Gefängnis keine gegeben.

«Frau Magdici hat einen Fehler begangen»: In einer Prozesspause äussert sich ihr Anwalt (Video: TA).

Weiter sagte Magdici, dass Kiko und sie nach der Flucht in Italien Fuss fassen wollten: «Wir waren anfangs so naiv, dass wir glaubten, das ohne Papiere zu schaffen.» Zweifel hätten sie erst beschlichen, als das Geld knapp wurde. Die Flucht sei ein Fehler gewesen: «Sie hat nichts gebracht, ausser dass ich heute hier sitze», sagt Magdici. Kurz vor der Verhaftung seien ihr Zweifel gekommen, und sie habe mit der Zürcher Staatsanwaltschaft Kontakt aufnehmen wollen, um den Fall Hassan Kiko neu aufzurollen. Auf den Einwand des Gerichtspräsidenten, dass Kiko zu diesem Zeitpunkt gegen das erstinstanzliche Urteil bereits beim Obergericht Berufung eingelegt habe, konnte sie keine überzeugende Antwort geben.

«Ich möchte arbeiten. Und für Hassan Kiko da sein.»Angela Magdici

Fragen zur Person beantwortete die Beschuldigte. Sie sei seit November 2016 geschieden und arbeite in einer 100-Prozent-Anstellung in einem Unternehmen in der Lebensmittelbranche. Bezüglich Zukunftsplänen sagte die 33-Jährige: «Ich möchte arbeiten, um meinen Verpflichtungen nachzukommen. Und für Hassan Kiko da sein.»

Staatsanwältin Anette Schmidt verlangt wegen Entweichenlassen von Gefangenen, Begünstigung und grober Verletzung der Verkehrsregeln eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 27 Monaten, wovon Magdici sieben Monate in Halbgefangenschaft absitzen soll. Das Geständnis wirke sich nur schwach strafmildernd aus. Es habe sich nicht um eine Kurzschlusshandlung gehandelt, die Flucht sei genau geplant worden.

Der Straftatbestand der Begünstigung bezieht sich auf das persönliche Handy, welches Magdici ihrem Geliebten gab, damit dieser einen Freund anrufen und über die Flucht informieren konnte. Auch die gemeinsame Fluchtfahrt mit Magdicis BMW X1 nach Italien habe Kiko begünstigt.

Magdici entschuldigte sich unter Tränen

Zudem verlangte die Staatsanwältin, dass Magdici 117’000 Franken Schadenersatz für die Ersetzung der Schliessanlage des Gefängnisses zahlen müsse. Diese Zivilforderung verlangt das Gefängnis Limmattal, weil die Angeklagte den Generalschlüssel mitgenommen hatte. Magdici soll auch die Fahndungskosten tragen. Der Vorwurf der groben Verkehrsregelverletzung bezieht sich auf den Beinahe-Unfall, den Magdici beim Wegfahren vom Gefängnis verursacht haben soll. Vermutlich aus Nervosität hatte sie eine Verkehrsinsel auf der Gegenfahrbahn umfahren, wo drei Sekunden später ein Auto durchfuhr.

Urs Huber, der Anwalt von Magdici, fordert eine Verurteilung wegen Entweichenlassens, nicht aber noch zusätzlich wegen Begünstigung. Die Flucht sei ein einziger Sachverhalt gewesen. Er verlangt eine bedingte Strafe von sechs Monaten. Es habe sich um eine Kurzschlussreaktion gehandelt. Der Anwalt kritisierte die Medien, welche eine Hetzjagd veranstaltet hätten. Die Schadenersatzforderung lehnte er ab. Angela Magdici habe den Generalschlüssel des Gefängnisses nicht absichtlich mitgenommen, sondern ihn in der Hitze des Gefechts nicht zurückgelassen.

Am Schluss des Prozesses entschuldigte sich Angela Magdici unter Tränen bei ihrer Familie und ihren ehemaligen Arbeitskollegen. Sie habe nie die Berufsehre in den Dreck ziehen wollen, sondern habe ihren Job gerne ausgeübt.

«Akt von Selbstjustiz»

Das Gericht verurteilte am Dienstagabend Magdici wegen Entweichenlassens und grober Verkehrsregelverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 15 Monaten. Die Schadenersatzforderung im Zusammenhang mit der Ersetzung der Schliessanlage im Gefängnis wird auf den Zivilprozess verwiesen.

Bei der Flucht hat es sich um ein einheitliches Tatgeschehen gehandelt, deshalb ist der Vorwurf der Begünstigung durch den Straftatbestand des Entweichenlassens abgegolten. Die Beschuldigte habe ihre Vertrauensstellung als Aufseherin schändlich missbraucht, sagte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher. Es handle sich um ein erhebliches bis mittelschweres Verschulden. Mit der Freilassung von Hassan Kiko und der gemeinsamen Flucht habe Magdici einen bedenklichen Akt von Selbstjustiz verübt: «Das geht so nicht.» Als strafmindernd betrachtet das Gericht die Berichterstattung «mit Prangerwirkung» in den Medien, deshalb wurde die Strafe um einen Monat reduziert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2017, 19:20 Uhr

Hassan Kiko akzeptiert Urteil

Im Plädoyer an der gestrigen Gerichtsverhandlung erwähnte Magdicis Rechtsanwalt Urs Huber, dass Hassan Kiko das Urteil des Obergerichts Zürich wegen Vergewaltigung zu vier Jahren Gefängnis akzeptieren werde. Noch offen ist zudem, ob Hassan Kiko auch für seine Flucht aus dem Gefängnis Limmattal angeklagt wird. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen vor, seine Geliebte zur Flucht angestiftet zu haben, und verlangt eine unbedingte Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Das Bezirksgericht Dietikon hat das Verfahren gegen Kiko aber eingestellt, weil Anstiftung zur Selbstbegünstigung nicht strafbar sei. Die Staatsanwaltschaft hat gegen die Verfahrenseinstellung Beschwerde beim Obergericht eingelegt. Dessen Entscheid steht noch aus. (hoh)

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