Wo ein Wille ist, fährt auch ein Bus Wo ein Wille ist, fährt auch ein Bus

Vor neun Jahren begann Christa Jordi für einen Bus ins Dietiker Weinbergquartier zu weibeln. Keine Chance, hiess es damals. Ab kommendem Dezember fährt er.Vor neun Jahren begann Christa Jordi für einen Bus ins Weinbergquartier von Dietikon zu weibeln. Keine Chance, hiess es. Ab Dezember fährt er regulär.

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Von Helene Arnet

Dietikon – Wenn Christa Jordi vor ihrem Haus in den provisorischen 325er-Bus steigt, wird sie rundum herzlich gegrüsst. Denn ohne sie gäbe es diesen Bus nicht. Ohne sie wäre das Einfamilienhausquartier am Dietiker Weinberg nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen, obwohl dort unterdessen 700 Menschen wohnen. Vor neun Jahren hat Jordi ihren ersten Bus-Bettelbrief an den Stadtpräsidenten von Dietikon geschickt. Und ist mit dem Ansinnen das erste Mal abgeblitzt. In der Folge lernten Stadtrat, Regierungsrat, ZVV und VBZ Christa Jordi kennen – ab kommendem Dezember verkehrt ein regulärer VBZ-Bus im Weinbergquartier.

Christa Jordi ist Malerin, zweifache Grossmutter – und eine Nervensäge, würden manche ihrer Kontrahenten sagen. Ihre Aquarelle zeigen eine heitere, farbige Welt voller Leichtigkeit. Dass so dem ungeschminkten Leben nicht immer beizukommen ist, hat sie beim Kampf um den Bus erfahren. Ihre Bilanz lautet: «Glaub nie jemandem blind, der sagt, etwas sei nicht möglich. Man kann alles hinterfragen, dabei kommt Erstaunliches zutage.»Nach dem ersten abschlägigen Bescheid machte sich Jordi daran, im Quartier Unterschriften zu sammeln. «Es war Herbst, die Leute waren am Laubrechen, wir kamen einfach ins Plaudern.» Das habe den angenehmen Nebeneffekt gehabt, dass sie die Leute im Quartier kennen lernte. Als Christa und Max Jordi 1978 ihr Haus bezogen, wuchsen nebenan Kornfelder, in der Nachbarschaft bauerte noch der «Säuli-Müller». «Damals war klar, dass wir nicht erwarten konnten, dass für uns ein Bus fährt.» Obwohl der Stadtrat Zuzügern die Erschliessung versprochen habe.

Zu teuer, unnötig, unmöglich

«Die Zeiten haben sich geändert: Das Quartier ist mittlerweile doppelt so gross. Wir brauchen einen Busanschluss», schrieb Christa Jordi dem Stadtpräsidenten, den Gemeinderäten, dem Regierungsrat. An Ostern wünschte sie ihnen per Mail frohe Ostern und fügte an: Möge der Osterhase unseren Wunsch nach einem öffentlichen Verkehrsmittel erfüllen. An Weihnachten wünschte sie ihnen schöne Weihnachten und bat um einen Weinbergbus-Engel. «Wenn ich Entscheidungsträger im Dorf sah, stürmte ich auf sie zu und bat sie, sich für unser Anliegen einzusetzen.» Die Antworten lauteten: Der Betrieb sei kostenneutral nicht möglich, die Nachfrage zu gering. Der Finanzrahmen für das Limmattal sei schon ausgeschöpft. Es bestünden bauliche Hindernisse. Jordi hörte erstmals Worte wie Schleppkurven und Restzeit. Der Verkehrsrat entschied: Erschliessung abzulehnen. Die VBZ befand die Einhaltung des Fahrplans als unmöglich. Der ZVV meldete: Der Anspruch ist ausgewiesen, doch das Geld für neue Buslinien fehlt.

Unterdessen hatte Christa Jordi eine ganze Anzahl Mitstreiter gefunden. Im August 2008, sechs Jahre nach dem ersten Bus-Bettelbrief, konnte sie mit ihrem Mann auf den ersten Erfolg anstossen: Der Gemeinderat sprach den Kredit für einen Versuchsbetrieb mit einem Minibus. Auflage der VBZ: Im Schnitt müssen zehn Personen mitfahren. Jordi erzählt: «Wir verteilten Schoggistängel und moralische Appelle, das Auto stehen zu lassen.» Doch das Quorum wurde nicht erreicht. 2009 erklärte ein Stadtrat öffentlich: Das Quartier brauche keinen Bus, es stünden am Weinberg ohnehin vor jedem Haus zwei Autos. Das Provisorium wurde aber vorerst weitergeführt.

Die Gunst der Stunde: Wahlen

«Nun war höchste Alarmstufe», sagt Jordi. Es wurde ein Treffen organisiert, um eine IG Weinbergquartier zu gründen. Sie erwartete 20 Menschen, es kamen über 40. Denn der Zeitpunkt war günstig: Wahlen standen an. «Erstaunt nahmen wir wahr, dass wir zum Politikum geworden waren.» Die Gruppe nutzte die Gunst der Stunde, zeigte keine Berührungsängste, weder mit links noch rechts. Die Mitglieder setzten sich bei den Parlamentssitzungen in die Zuschauerränge, schrieben Leserbriefe, sammelten erneut Unterschriften und gaben beim Stadtrat keine Ruhe.

Schliesslich zogen sie einen Mann an Bord, der nicht nur einen Willen, sondern auch das entscheidende Fachwissen hatte: Alfred Bachmann koordinierte 40 Jahre lang Fahrpläne für die SBB. Er mass Strecken aus, stoppte Fahrzeiten und zeigte, wie das funktionieren kann, was den Verkehrsbetrieben unmöglich schien. Am 23. März 2011 konnte Christa Jordi den Mitgliedern der IG per Mail mitteilen: «Ab 11. Dezember 2011 verkehrt die Linie 325 mit Standardbussen und auf einer neuen Linienführung via Stelzenacker vom Bahnhof zum Weinberg (Hundshütte).»Laut Jasmin Wiederkehr von den VBZ war nicht der Einsatz der Bewohner Grund für die Kehrtwende. Es sei eine Möglichkeit gefunden worden, die Linie kostenneutral zu betreiben. Christa Jordi kümmert das nicht weiter: Wenn sie heute im Weinbergquartier den Bus besteigt, fragt sie den Sitznachbarn nach seiner Gesundheit und die Frau vis-à-vis, wie es dem Enkel gehe. «Wir haben nicht nur einen Bus, sondern dank diesem auch ein richtiges Quartierleben.»

Beim Malen ist sie sanft, im politischen Kampf hartnäckig: Christa Jordi vor der Haltestelle Lättenstrasse. Foto: Doris Fanconi

Erstellt: 25.04.2011, 20:10 Uhr

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