Zahl der Fluglärm-Geplagten sinkt

Erstmals seit 2009 ist der Fluglärmindex gesunken. Ausschlaggebend waren mehr Nachtstarts über dem wenig besiedelten Nordosten.

Der Fluglärm in den Wohngebieten, wie hier in Kloten, hat 2013 nachts zwar abgenommen, tagsüber aber ist er leicht gestiegen.

Der Fluglärm in den Wohngebieten, wie hier in Kloten, hat 2013 nachts zwar abgenommen, tagsüber aber ist er leicht gestiegen. Bild: Sebstian Schneider/Keystone

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Es gibt auf den ersten Blick ein kleines Aufatmen. Im letzten Jahr fühlten sich im Kanton Zürich etwas weniger Menschen vom Fluglärm gestört als 2012. Das belegt der neuste Bericht des Zürcher Fluglärm-Indexes (ZFI). Als erstmaligen Rückgang preist ihn Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP). 58'800 waren es 2012, nur noch 57'100 im Jahr 2013. Das entspricht einem Rückgang von drei Prozent. Dabei bleibt anzumerken, dass 2012 ein absolutes Rekordjahr war, seit das Volk 2007 der Einführung des ZFI zugestimmt hatte.

Doch so erfreulich das ist, es sind nach wie vor 10'000 Personen zu viel, die sich gestört fühlen. Der ZFI-Monitoring-Richtwert von 2007 liegt bei maximal 47'000 Personen. Seit 2010 wird der Wert konstant überschritten. Über 90 Prozent der vom Lärm Geplagten wohnen im Kanton Zürich.

Nordostroute bevorzugt

Zurückgegangen ist in erster Linie die Zahl derjenigen Personen, die sich in der Nacht stark gestört fühlten. Die Abnahme um 9 Prozent führt der Bericht auf die flugbetrieblichen Veränderungen zur Nachtzeit zurück. Zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr wurde die Abflugroute nach Nordwesten leicht weniger benutzt, und die Maschinen konnten wegen günstiger Verkehrskonstellationen vermehrt nach Nordosten starten.

Diese Abflüge müssen die sogenannte Flight-Level-80-Regel einhalten, welche Mitte 2011 eingeführt worden war. Sie besagt, dass Flugzeuge ihre Route erst verlassen dürfen, wenn sie eine Höhe von 8000 Fuss (2500 m ü. M.) erreicht haben. So sollten die Maschinen gebündelt um dicht besiedelte Regionen herumgeführt werden. Doch Maschinen, die in den Korridor Nordwest gelenkt werden und eine Destination im Osten ansteuern, überfliegen dabei dicht besiedelte Gebiete wie das Limmattal und Teile der Stadt Zürich oder das Glattal. Deshalb fühlten sich 2012 auch besonders viele Personen in der Nacht vom Fluglärm geplagt.

Tagsüber hat der Fluglärm 2013 hingegen leicht zugenommen. Alles in allem ist die Zahl der Flugbewegungen zwischen 2012 und 2013 aber leicht zurückgegangen.

«Wohnidyll» trotz Lärm

Neben den Monitoring-Werten legt der Bericht aber auch grosses Gewicht auf das Bevölkerungswachstum in der Region. Dieses ist im letzten Jahr durchschnittlich um 1,8 Prozent angestiegen, wohingegen der Zuwachs im ganzen Kanton bei lediglich 1,1 Prozent lag. Besonders fluglärmexponierte Gemeinden wie Rümlang und Wallisellen verzeichnen gar einen Anstieg von 3 beziehungsweise 4,5 Prozent. Das belegt aus Sicht des Regierungsrates einmal mehr, dass die Flughafenregion trotz Lärmbelastung eine gesuchte Wohngegend sei.

Bei den Massnahmen hofft die Regierung nach wie vor auf die Flottenerneuerung der Swiss und auf ein neues Lärmgebührenmodell des Flughafens sowie auf die raumplanerischen Massnahmen, sprich das Förderprogramm «Wohnqualität Flughafen». Im Bericht sagt Stocker, ob es mittel- oder langfristig gelingen werde, den Richtwert einzuhalten, werde sich weisen.

IG-Nord klagt

Bei den verschiedenen Anrainern des Flughafens stösst der neue ZFI-Bericht trotz der leicht positiven Entwicklung auf wenig Gehör. Die Interessenvertreter des Nordens (IG-Nord) wehren sich dagegen, dass die Starts Richtung Norden weiter ausgebaut werden. Hanspeter Lienhart, Präsident der IG-Nord, sagt: «Die Gemeinden im Norden des Flughafens tragen schon heute mehr als die Hälfte aller Flugbewegungen. Das reicht.» Die IG hat deshalb auch gegen das Betriebsreglement 2014 des Flughafens, das zurzeit beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zur Konzessionierung liegt, Einsprache erhoben.

Der Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen (sbfz) sieht noch mehr Potenzial bei der Lärmreduktion, unter anderem bei der Ausdünnung der nächtlichen An- und Abflüge. Zudem plädiert er dafür, eine Gebührenordnung einzuführen, die tatsächlich lenkungswirksam ist, beispielsweise mit lärmabhängigen Landegebühren. Damit kämen tatsächlich lärmgünstigere Flugzeuge zum Einsatz und die Flugplangestaltung wäre lärmoptimiert. Das aktuelle Lärmgebührenmodell erfülle diese Bedingungen nicht. Rolf Bänziger, Geschäftsführer des sbfz, sagt: «Da wird eine grosse Chance, den ZFI positiv zu beeinflussen, einfach vertan.»

Das Komitee Weltoffenes Zürich hingegen appelliert an die Bevölkerung der Flughafenregion, nicht ständig den Luftverkehr an den Pranger zu stellen. Zentraler Treiber des hohen Fluglärmindexes sei das Bevölkerungswachstum. Lediglich für zwei Prozent sei der Flugverkehr verantwortlich.

Ausgewogene Wahrnehmung

Die Regierung indes ist darum bemüht, dass die Öffentlichkeit und die Politik den Flughafen ausgewogen wahrnehmen. Der Flughafen sei in erster Linie ein wichtiger Wirtschaftsmotor für die ganze Region, der auch Lärm mache. Um sowohl die positiven als auch negativen Seiten des Flughafens gleich zu gewichten, will der Regierungsrat künftig gleichzeitig den Bericht zum ZFI und zur Beteiligung des Kantons an der Flughafen Zürich AG vorlegen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2014, 10:14 Uhr

Entwicklung des ZFI

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Der Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) 2013 als Summe der tagsüber vom Fluglärm stark belästigten Personen (Highly Annoyed, HA, gelb) und im Schlaf stark gestörten Personen (Higly Sleep Disturbed, HSA, grün). Rot markiert ist der Richtwert von 47'000 Personen.

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