Zirkus soll den Koch-Areal-Streit lösen

Die Verhandlungen zwischen UBS, Besetzer und der Stadt Zürich kommen nur zäh voran. Die Besetzer fordern das ganze Areal, die Grossbank will ihnen die Hälfte zugestehen. Nun soll ein Zirkus als Puffer dienen.

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Eine Pufferzone soll trennen, was sich schlecht verträgt: Unmittelbar neben dem Altstetter Koch-Areal arbeiten Hunderte UBS-Angestellte. Wenige Meter südlich wohnen Hausbesetzer in alten Gewerbehallen.

Die UBS als Besitzerin des Areals möchte eine 50 Meter breite, vermietete Zone zwischen die zwei Welten ziehen. Die Besetzer versuchten, dies zu verhindern, da sie so die Hälfte ihres Platzes verlören, was ihr Projekt wesentlich beeinträchtigte. Die Gruppe namens «Familie Wucher» hat sich seit Mitte März auf dem fast 20'000 Quadratmeter grossen Koch-Areal eingerichtet. Momentan leben dort etwa 100 Menschen. Mehr helfen mit, die teils zerstörten Gebäude wohnlich zu machen und zu beleben.

Umzonung für längeren Zirkus-Aufenthalt

Lange harzten die Verhandlungen. Nun könnte sich eine Lösung abzeichnen. Der Zirkus Chnopf soll die Pufferzone als Winterquartier erhalten, sagen die Besetzer. 2012 musste der Zirkus sein Wohnwagenviertel in Leutschenbach nach 15 Jahren verlassen, weil auf dem Areal eine Genossenschaftssiedlung entsteht.

Im vergangenen Jahr konnten die 16 Zirkuswagen und 8 Traktoren in Thalheim an der Thur überwintern. Für einen längeren Aufenthalt bräuchte es dort eine Umzonung. Der Zirkus hatte schon früher bei der Stadt um ein geeignetes Quartier angefragt. Diese war es auch, die den Chnopf für das Koch-Areal vorschlug. Mit dem Zirkus Chnopf bekämen die Besetzer einen Nachbarn, dem sie nahestehen. In der Leutschenbacher Wagensiedlung des Zirkus wohnten auch Hausbesetzer. «Das waren nicht wir. Doch wir kommen aus miteinander», sagt Martin,* ein Mitglied der Familie Wucher.

Verträge sind noch keine unterschrieben. «Die UBS verhandelt mit verschiedenen Parteien, die sich für eine Zwischennutzung interessieren», sagt Sprecherin Tatiana Togni.

Stadt will Brachen verhindern

Seit Mai führen die Besetzer Gespräche mit der Grossbank. Die Stadt hat sich als Vermittlerin eingeschaltet. «Der Stadtrat will grössere Brachen vermeiden, deshalb helfen wir mit, eine Zwischennutzung zu suchen», sagt Martina Vogel, Sprecherin des Hochbaudepartements.

Eine Räumung konnte die UBS nicht verlangen, da die Stadtpolizei Besetzer nur dann vertreibt, wenn ein bewilligtes Neubauprojekt oder eine andere Nutzung vorliegt. Die UBS braucht die Zusage von Zwischennutzern, um eine Vermietung durchzusetzen. Gemäss den Besetzern habe die Bank Mühe gehabt, Interessenten aus dem alternativen, sozialen Umfeld zu finden. Niemand habe sich von ihr einspannen lassen wollen, um die Besetzer zu verdrängen. Ein angekündigtes Stadtgartenprojekt ist bisher nicht zustande gekommen.

Trotz den Gesprächen sind sich die Familie Wucher und die UBS kaum nähergekommen. Diese habe die Gewerbehallen auf Vorrat zerstören wollen, sagen die Besetzer. Wie das gehe, führe die UBS-Pensionskasse auf dem Guggach-Areal beim Bucheggplatz gerade vor. Das Sportzentrum gehörte der UBS, sie verkaufte es in einem Bieterverfahren. Derzeit wird es abgebrochen, danach wird es mindestens zwei Jahre brachliegen. Ohne sie, so die Besetzer, präsentierte sich auch das Koch-Areal als Trümmerfeld.

UBS will Hälfte des Areals vermieten

Es sei üblich, dass man bei grossen Bauvorhaben erst die Mietverträge kündige, einen Architekturwettbewerb ausschreibe und parallel mit dem geordneten Abbruch starte, sagt UBS-Sprecherin Tatiana Togni. Dies hätten die Besetzer verhindert. Nun halte es die UBS für eine gute Lösung, eine Hälfte des Areals zu vermieten und die andere den Besetzern zu überlassen.

Umstritten ist auch die Sicherheit. Da sie weiterhin die Haftung auf ihrem Grundstück trage, will die UBS einige der alten Hallen abreissen. Dabei beruft sie sich auf Empfehlungen eines Statikers und eines Feuerschutzexperten. Die Besetzer halten dies für einen Vorwand, um sie zu vertreiben. Gebäude, die der Statikbericht als unsicher und abbruchreif einschätzt, biete die UBS nun plötzlich zur Vermietung an.

Bei einer Vermietung müssten die Besetzer mehrere Hallen auf dem Areal aufgeben, darunter die Autonome Schule, Werkstätten und Wohnräume von etwa 35 Menschen. Zu diesem «territorialen Zugeständnis» seien sie bereit, wenn der Mieter Zirkus Chnopf heisse und die UBS alle Gebäude stehen lasse. UBS und Stadt äussern sich aus Rücksicht auf die Beteiligten nicht zu den Verhandlungen.

* Name geändert

Erstellt: 02.09.2013, 10:13 Uhr

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Stadt soll das Areal kaufen
Vorschlag von SP-Nationalrätin

Was mit dem Koch-Areal nach der Besetzung passiert, bleibt weiterhin offen. «Im Zentrum steht das Erstellen von Wohnraum», sagt Tatiana Togni von der UBS. Ob die Bank das Grundstück verkaufe wie das Guggach-Areal, sei noch nicht entschieden. Baubeginn wird kaum vor 2016 sein. SP-Nationalrätin Jacqueline Badran schlägt in einem «P. S.»-Artikel vor, die Stadt solle das Grundstück kaufen. Dessen Wert schätzt sie auf 80 Millionen Franken, was rund 4000 Franken pro Quadratmeter entspricht. Die Mieten würden jeden Franken des Preises refinanzieren, schreibt Badran. Der Stadtrat dagegen hat noch keine konkreten Pläne. «Wir konzentrieren uns momentan auf eine gute Zwischennutzung», sagt Martina Vogel vom Hochbaudepartement. «Mit der längerfristigen Zukunft haben wir uns noch nicht ausführlich befasst.» (bat)

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Augenschein bei den Stadtnomaden Die Liegenschaft auf dem Koch-Areal in Altstetten ist die grösste besetzte Liegenschaft in Zürich.

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