Zürichs bekannteste Lehrerin kennt kein Pardon

Lehrerverbandspräsidentin Lilo Lätzsch überrascht gern mit unerwarteten Vorstössen. Derzeit verlangt sie mehr Lohn, obwohl es eben eine grosszügige Gehaltserhöhung gab.

Lilo Lätzsch unterrichtet im Zürcher Schulhaus Neumünster eine 3.-Sek-Klasse. <br />Foto: Doris Fanconi

Lilo Lätzsch unterrichtet im Zürcher Schulhaus Neumünster eine 3.-Sek-Klasse.
Foto: Doris Fanconi

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Ein Lehrer muss präsent sein, wenn er vor seine Schüler tritt, sonst kann die Sache aus dem Ruder laufen. Lilo Lätzsch kennt die Herausforderung aus 37 Jahren Lehrerinnenerfahrung. An diesem Morgen gehts in ihrer Mathe-Stunde im Schulhaus Neumünster in Zürich um den Body-Mass-Index – die Formel zur Berechnung des idealen Körpergewichts. Der BMI ist nicht schlecht, um die Aufmerksamkeit von pubertierenden 3.-Sek-Schülern zu gewinnen. Gut aussehen wollen die schliesslich alle.

«Gewicht geteilt durch Grösse hoch zwei. Warum hoch zwei? Hanna?» Hanna zögert. «Georg?», fragt die Lehrerin weiter. Georg zögert auch, Lätzsch runzelt die Stirn. Auch der dritten Schülerin fällt nichts Einleuchtendes ein. «Weil ein Fettkloss nicht einfach ein Fettkloss ist», sagt Lätzsch mit einem Augenzwinkern und verwirft die Hände. Und im Ernst: Es zählt nicht die reine Körpergrösse, sondern auch der Körperbau. Ein Gewichtheber ist keine Balletttänzerin. Ein Mann ist keine Frau. Darum hoch zwei.

Lilo Lätzsch ist 60 und seit einem halben Jahr Grossmutter. Aber an die Pensionierung denkt sie nicht: «Ich bin begeistert von meinem Beruf wie am ersten Tag», sagt sie, und ihre ehemalige Schulpflegerin, die grüne Kantonsrätin Esther Guyer, die sich mit Lätzsch regelmässig zum Ravioliessen trifft, bestätigt: «Das ist eine Überzeugungstäterin.»

Von der Partei im Stich gelassen

Vollblutlehrerin Lilo Lätzsch ist diese Woche über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt geworden. Als Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes ZLV forderte sie unverblümt eine 4,5- bis 6-prozentige Lohnerhöhung – ausgerechnet jetzt, nachdem die Lehrer in Zürich eben 3 Prozent mehr bekommen haben und wo die Lehrergewerkschaften in der ganzen Schweiz kürzere Arbeitszeiten und längere Auszeiten verlangen. Wie kann sie nur?

Eine Diplomatin war Sekundarlehrerin Lätzsch noch nie. Viel eher fiel sie bisher durch ihre ungestümen und manchmal naiven Aktionen auf. So hat sie sich mit Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) am runden Tisch auf Entlastungsmassnahmen für Lehrer geeinigt. Kurz darauf wurde jedoch bekannt, dass Lätzsch auch noch Hilfslehrer fordert.

Bei der Wahl in den Kantonsrat scheiterte sie

So stösst sie aber nicht nur ihre oberste Chefin vor den Kopf, sondern manchmal auch ihre Berufskollegen. Sie sprach sich zum Beispiel offen für die Abschaffung der Sek C aus, obwohl die Mehrheit der Lehrerschaft diese beibehalten will. Vor einem Jahr kandidierte sie gegen die offizielle Lehrervertreterin für einen Sitz im Bildungsrat. Bei der Wahl im Kantonsrat scheiterte sie. Lätzsch schaffte es nicht mal, ihre eigene Partei, die FDP, hinter sich zu bringen.

Eines muss man Lilo Lätzsch zugestehen: Sie lässt sich nicht beirren. Ihrem Tatendrang und ihrem etwas verqueren Humor hat sie es zu verdanken, dass sie heute die bekannteste Zürcher Lehrerin ist. Als Lätzsch Anfang der 80er-Jahre – als Mutter von zwei kleinen Kindern – Präsidentin des Stadtzürcher Lehrerkapitels war, sprach sie einmal mit Martin Wendelspiess, einem Mitarbeiter des Volksschulamtes, über amtliche Verordnungen, die nur in männlicher Form abgefasst sind. Wendelspiess empfahl Lätzsch, die Kapitelsversammlung mit ihren Lehrerinnen und Lehrern doch einmal in weiblicher Form abzuhalten.

«Das Lohnniveau von 1990»

Lätzsch liess sich nicht lumpen. Am Kapitel sprach sie nur von Lehrerinnen und Schülerinnen. Als eine ganze Reihe von älteren Lehrern empört aus dem Saal stürmte, machte Lätzsch ruhig weiter bis zum Schluss. Nicht alle Lehrer waren allerdings verärgert. Der Präsident des Lehrervereins Zürich war beeindruckt und bat Lätzsch, seine Nachfolge zu übernehmen: «Wer so frech ist, kann das.» Heute ist Lätzsch Präsidentin der grössten Zürcher Lehrerorganisation – und Wendelspiess Chef des Volksschulamtes. Er attestiert Lätzsch noch heute den Kampfgeist von damals. Und was er dabei schätzt: Lätzsch kämpfe stets mit einem Schuss Selbstironie.

Mit ihrer Lohnforderung hat Lätzsch wieder einmal alle überrumpelt. Nur mit dem engsten Kreis im ZLV war der Angriff abgesprochen. Weder die anderen Lehrerorganisationen noch die anderen Staatsangestellten wussten etwas davon. Die Wirkung hat Lätzsch nicht verfehlt. Auch wenn ihr jetzt Unverständnis entgegenschlägt; sie bleibt dabei: «Wir müssen viel mehr bekommen.»

Lehrpersonen verdienen zwar gut, findet auch Lätzsch, aber weil die Teuerung unvollständig ausgeglichen wurde und Stufenanstiege verzögert wurden, liege der Lohn heute real wieder auf dem Niveau von 1990: «Das ist nicht akzeptabel.» Und Lätzsch will weiter dafür kämpfen, dass kein Geld mehr aus dem System Schule abfliesst. «Das könnte böse enden», prophezeit sie.

Freisinnig aufgewachsen

Für die Lohnpolitik des Kantons massgeblich verantwortlich ist Lätzschs Partei, die FDP. Das weiss die ZLV-Präsidentin, die in Fällanden für die Freisinnigen in der RPK mitgewirkt hat. Als Tochter des ehemaligen FDP-Nationalrates und Zürcher Finanzvorstandes Ernst Bieri ist Lätzsch durch und durch freisinnig aufgewachsen. Der Vater erzählte am Familientisch regelmässig, dass die finanziellen Aussichten schlechter würden. Tatsächlich hat Lilo aber gemerkt, dass es den Leuten Jahr für Jahr besser ging.

Trotz dieses Widerspruchs ist für Lilo Lätzsch das freisinnige Credo von den selbstverantwortlichen Bürgern wichtig – auch in der Schule. Auf die finanzpolitische Schwarzmalerei ihrer Partei reagiert sie mit dem Witz des Ziegenbauers, der stolz verkündete, er könne jedes Jahr Futterkosten sparen. Dumm sei nur, dass jetzt seine Ziege gestorben sei. Lätzsch empfiehlt ihrer Partei, wieder an ihren Werbeslogan zu denken: «Leistung muss sich lohnen.»

Und wie stehts mit dem Einsatz für die Frauen? Lätzsch winkt ab. Sie ist gegen Frauenquoten, und eine Feministin will sie nicht sein. «Wenn von Lehrern gesprochen wird, fühle ich mich einfach nicht angesprochen», sagt sie. Überhaupt: In der Schule brauche es, wenn schon, Männerquoten, bei einem Frauenanteil von 80 Prozent.

Erstellt: 21.09.2012, 21:07 Uhr

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