Zürichs grösstes Klassenzimmer

Rund 180 Asylsuchende treffen sich einmal pro Woche im Kirchgemeindehaus Aussersihl. Sie büffeln Deutsch und erhalten ein Gratis-Mittagessen.

Unterschiedliche Herkunft, gemeinsames Ziel: Deutsch lernen.

Unterschiedliche Herkunft, gemeinsames Ziel: Deutsch lernen. Bild: Dieter Seeger

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«Aufbringen, abarbeiten, abbrechen – was heisst das?», will eine junge Afghanin von Remo, ihrem Lehrer, wissen. Sie lebt seit knapp einem Jahr mit ihrem Mann und dem siebenjährigen Sohn in Bassersdorf und spricht erstaunlich gut Deutsch. «Die Menschen, die zu uns kommen, sind hoch motiviert und wissbegierig», sagt der Lehrer. Wobei Lehrer in diesem Fall ein dehnbarer Begriff ist. Remo ist nämlich Mathematiker und mit seinen 70 Jahren schon längst pensioniert.

Auch die Schule ist eigentlich keine Schule, sondern ein Saal im Kirchgemeindehaus Aussersihl. Dieser verwandelt sich am Freitag jeweils für ein paar Stunden in das grösste Klassenzimmer der Stadt. Die Stimmung ist an diesem Morgen ruhig und konzentriert. Um jeden Tisch herum sitzen zehn oder noch mehr Menschen. Die Männer sind klar in der Mehrheit. «Obwohl so viele Kulturen und Religionen zusammenkommen, hat das bisher weder zu Streit noch zu anderen Problemen geführt», sagt die Verantwortliche Ruth Schucan.

Der Küchenchef ist ein Afghane

Die Menschen kommen aus Afghanistan, Syrien, dem Iran, dem Irak, Tibet, Sri Lanka und aus Teilen Afrikas. Sie sprechen nicht nur alle eine andere Sprache, sie schreiben vielfach auch ein anderes Alphabet. Es sind vor allem Asylsuchende, die zum Teil schon seit Jahren auf einen Entscheid warten.

Einen Stock tiefer in der Küche ist Paul damit beschäftigt, die Nahrungsmittel auszupacken, die er am Morgen eingekauft hat. Er ist Koch und ebenfalls Rentner. Die Stimmung ist locker. «Hallo Rolfi», grüsst eine afrikanische Frau einen kräftigen Schweizer in farbigen Bermudashorts. Eine Deutschgruppe hilft beim Rüsten mit. Sie schnetzelt Zwiebeln, Karotten, Peperoni, Bohnen und Ingwer. Eine weitere Gruppe wird nach dem gemeinsamen Mittagessen den Abwasch übernehmen.

Küchenchef ist der 32-jährige Nageeb aus Afghanistan. Er ist eigens aus Sarnen angereist, um in seinem angestammten Beruf arbeiten zu können – gratis, wohlverstanden. Unter seiner Regie entsteht im Nu ein schmackhaftes Menü: Reis mit Linsen und Gemüse zu sagenhaft günstigem Preis. Für die Mahlzeit für 200 Personen hat Paul gerade mal 150 Franken bezahlt.

Die Idee, Deutschunterricht mit einem Mittagessen zu verbinden, ist vor fünf Jahren entstanden. Damals wurde das Solidaritätsnetz Zürich gegründet. Die Leitung übernahm Ruth Schucan, frisch pensioniert und auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. «Ich wollte eine sinnvolle und konkrete Arbeit haben und gleichzeitig etwas gegen die populistische Ausländerfeindlichkeit tun», sagt sie heute.

Gegen das Nichtstun

Nicht nur Rentner sind im Solidaritätsnetz aktiv. Flavia beispielsweise studiert Germanistik und ist gerade dabei, ihren Schülern den Unterschied von Konjunktiv und Höflichkeitsform zu erklären. Sie betreut eine fortgeschrittene Gruppe, deren Mitglieder jedes Mal gemeinsam lernen und sich so unterstützen. Das ist nicht in allen Gruppen der Fall. In einigen wechselt die Zusammensetzung von Woche zu Woche, was kontinuierlichen Unterricht und kontinuierliches Lernen erschwert.

Das Angebot ist gefragt und hat sich in fünf Jahren stark entwickelt. Am Anfang unterrichteten 5 Freiwillige 17 Asylsuchende. Heute sind es 30 Lehrer, die sich um 150 bis 180 Schülerinnen und Schüler kümmern, darunter auch Migranten und anerkannte Flüchtlinge. So genau weiss man es nicht. «Wir kontrollieren nicht», sagt Schucan. «Uns geht es darum, diesen Menschen etwas Sinnvolles anzubieten. Das unfreiwillige Nichtstun zerstört ihre Lebenskraft, die nötig ist, wenn sie später in die Schweiz integriert werden oder ins eigene Land zurückkehren müssen.»

Das Kirchgemeindehaus Aussersihl ist nicht der einzige Ort, an dem sich Asylsuchende mit Deutschunterricht ein Mittagessen verdienen können. Auch in der Kirche Felix und Regula und an der Autonomen Schule wird diese Kombination mit Erfolg angeboten. «Es ist mehr als nur Schulunterricht», sagt Schucan. «Der Anlass strukturiert die Woche dieser Menschen. Er gibt ihnen die Möglichkeit, Landsleute zu treffen, und motiviert sie zu anderen Tätigkeiten. Einige von ihnen singen in einem Chor oder machen in einer Theatergruppe mit.»Nach dem Mittagessen wird aufgeräumt. Alle packen mit an. Innert weniger Minuten wird aus dem grössten Klassenzimmer der Stadt wieder ein Saal im Kirchgemeindehaus Aussersihl. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2013, 11:52 Uhr

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