Immer wieder Abbruch auf dem Uetliberg

Ein neues Buch über den Zürcher Hausberg zeigt: Giusep Fry ist nicht der rührigste unter den Uetliberg-Wirten. Von Helene Arnet

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Uetliberg-Hotelier Giusep Fry ist verglichen mit Caspar Fürst ein Waisenknabe. Fürst betrieb 1874 auf dem Uto Kulm nämlich nicht nur einen gewaltig grossen Jugendstilpavillon, er baute für seine geschiedene Frau auch die Pension Uto Staffel samt Bärengehege. Und entlang dem Gratweg unter dem Uto Kulm liess er eine Kette von Chalets als Sommerhäuschen für reiche Städter errichten – darunter die spätere Annaburg im Stil einer russischen Datscha. Zudem war Fürst Initiant der Uetlibergbahn, die 1875 ihren Betrieb aufnahm.

Caspar Fürst begegnet man im jüngst erschienenen Uetlibergbuch immer wieder. Der Adliswiler Historiker und Journalist Stefan Schneiter erzählt darin unter Beizug weiterer Fachleute Geschichte und Geschichten des Zürcher Hausbergs. Und zwar so vielseitig und farbig, dass man das nächste verregnete Wochenende geradezu herbeisehnt, um in der warmen Stube in aller Ruhe den Uetliberg zu erkunden.

Botellón auf dem Hütteliberg

In dem reich illustrierten Buch geht man mit dem Zürcher Arzt und Naturforscher Salomon Schinz zu Berg, in einer Zeit, als noch keine Wanderwege auf den Gipfel führten. Wir erfahren, dass Jugendliche bereits im 17. Jahrhundert jeweils an Auffahrt Botellóns «uff dem Hütteliberg» veranstalteten und dabei mit «trincken, spilen, dantzen und anderweg allerlei Lychtfertigkeit» verübten. Wir erfahren, dass einst eine Bahn vom Uto Kulm bis zum Albispass, ja bis zum Albishorn im Gespräch war, und dass Waldkindergärten ein alter Hut sind: 1928 eröffnete die Stadt Zürich auf der Ägertenterrasse eine Freiluftschule für Kinder armer Leute. Dabei lässt sich verfolgen, wie ideologisch damals die Medien berichteten: Während der «Tages-Anzeiger» schwärmerisch schrieb, wie die Kinder turnen, springen, im lauschigen Park singen und im Hofbrunnen fröhlich «flotschen», beschrieb das «Volksrecht» miesepetrig die «blassen, blutarmen, krankheitsgekeimten, gesundheitsgefährdeten Kinder».

Für die Schanze fehlte Schnee

Neben rein informativen Ausführungen über Geologie, Flora und Fauna stehen bewusst subjektive Stellungnahmen des Revierförster oder Wildhüters, von Giusep Fry oder seiner Gegenspielerin Margrith Gysel, Präsidentin des Vereins Pro Üetliberg. Wir erfahren, dass der Uetliberg von jeher der Zürcher liebste Sportanlage war. So standen 1915 in der Region 19 Clubhütten, teilweise in geradezu abenteuerlichen Lagen. 1954 begann oberhalb des Bauernhofs Alt-Uetliberg der Bau einer Sprungschanze, auf der bis 1985 regelmässig Skispringen stattfanden. Den Schanzenrekord von 41,5 Meter stellte in den 70er-Jahren Sepp Zehnder auf. Die Schanze wurde 1994 wegen Schneemangels abgebrochen. Und schliesslich erfahren wir im aktuell gehaltenen Kapitel über den Konflikt um den Uto Kulm, dass nicht zuletzt die SP des Kreises 1 schuld daran ist, dass der Uetliberg-Gipfel nicht der Stadt Zürich gehört.

Damit sind wir zurück bei Fry – und weiteren Belegen dafür, dass sich die Geschichte wiederholt. So hatte auch sein Vorgänger Caspar Fürst «Comedi» mit dem Abbruch seiner Bauten. Und bekam es dabei mit den Gerichten zu tun. Hier enden allerdings die Parallelen: Ist Fry – Stand heute – dazu gezwungen, die von ihm unrechtmässig erstellten Bauten abzubrechen, tat dies Fürst freiwillig – aber nicht rechtens. Er stiftete 1878 seinen Schwiegersohn dazu an, das defizitäre Hotel auf dem Gipfel anzuzünden und die Schuld einem Italiener, mit dem er tags zuvor Streit hatte, in die Schuhe zu schieben. Das Gasthaus brannte komplett nieder, die Versicherung bezahlte 240 000 Franken. Doch flog die Brandstiftung auf, und Fürst wanderte für sechs Jahre ins Zuchthaus.

Stefan Schneiter: Der Uetliberg. Geschichte und Geschichten des Zürcher Hausbergs, mit Beiträgen von Nazario Pavoni, Max Ruckstuhl und Werner Zuber, Verlag hier + jetzt, ca. 68 Fr.

Das 1874 erbaute Gasthaus auf dem Uto Kulm rentierte trotz seiner prächtigen Jugendstilarchitektur nicht. Es wurde nach vier Jahren «heiss abgebrochen»: Der Schwiegersohn des Besitzers zündete das Haus an. Fotos: PD

1910 baute der Alpenclub Amicitia in der Fallätsche die Glecksteinhütte.

Erstellt: 10.01.2012, 06:24 Uhr

Blogs

Tingler Vermessen im Spiel

Michèle & Friends Wie man sich auf den Urologen vorbereitet

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...