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Abschied von der Weststrasse

Die Bildhauerin Beatrice Vogler hat an der Weststrasse 17 ein Kleinod geschaffen. Nun gibt sie ihr Atelier nach 20 Jahren auf. Wegen der Renovation verdoppelt sich die Miete.

Von Georg Gindely Die Weststrasse: Das war bis vor kurzem ein Synonym für Lärm und Abgase. Seit der Sperrung der früheren Transitachse im letzten August ist Ruhe eingekehrt. Und die sorgt für Unruhe im Quartier. Die Eigentümer beginnen, ihre Häuser zu renovieren. Die Mieten steigen – so hoch, dass viele wegziehen müssen. Zum Beispiel Beatrice Vogler. Rund 20?Jahre lang arbeitete sie in ihrem Atelier im Hinterhof der Weststrasse 17. Dort erschuf sie Skulpturen aus Speckstein, Kalk und Marmor, sie arbeitete an Radierungen und Stickbildern. Letztes Wochenende veranstaltete sie einen Abschiedsapéro, im März zieht sie aus. Die Eigentümer renovieren das Haus. Sie bauen ein grösseres und geheiztes Atelier ein, der Mietzins wird sich mehr als verdoppeln. Das kann und will sich die 59-jährige Künstlerin nicht leisten. Mit 30 fand sie ihre Berufung Groll hegt sie keinen. «Dieses Haus hat eine Renovation dringend nötig», sagt sie. Sie heizt mit einer Gas- und einer Ölheizung, über die Wände ziehen sich unzählige Risse. Doch das Atelier hat Charme. Von einem «Kleinod» spricht ein regelmässiger Gast, einem Ort «voll von Inspiration». Die abstrakten Figuren der Bildhauerin stehen überall: im Eingang, im Atelier, im Garten. Es ist ein Idyll, geschaffen von einer zierlich wirkenden Frau, die sich vor 30 Jahren von einem Tag auf den anderen entschieden hat, Bildhauerin zu werden. Die in Adliswil aufgewachsene Beatrice Vogler arbeitete als Kindergärtnerin und Hortleiterin in Altstetten, als sie die Idee zu ihrer ersten Skulptur hatte. Sie kaufte sich Werkzeug im Bastelladen und bearbeitete in ihrer Küche ein Stück Holz, bis es die gewünschte Form hatte: wellig, einem Eichenblatt ähnelnd. Als sie an ihrer zweiten Skulptur arbeitete, kündigte sie ihre Stelle. Sie fand einen Platz zum Arbeiten bei Piero Tedoldi, Steinbildhauer in Adliswil. Sie hatte weder Spitzeisen noch Zahneisen je gesehen, den Hammer hatte sie zum ersten Mal in der Hand. «Bring Pflaster mit», sagte Tedoldi vor ihrem ersten Arbeitstag. Dann zeigte er ihr, wie sie die Werkzeuge halten muss. Er sagte: «Den Rest macht der Stein.» Beatrice Vogler begriff bald, was ihr Mentor meinte: Manchmal, wenn sie das Eisen ansetzte und mit dem Hammer darauf schlug, tat sich überhaupt nichts. Wählte sie einen anderen Winkel, ging das Eisen wie durch Butter. Ein halbes Jahr arbeitete sie bei Tedoldi, danach bei einem anderen Bildhauer. Dann zog sie in ein eigenes Atelier im Zentrum von Höngg. Sie hatte ihre Berufung gefunden. Alles wollte sie in die Kunst legen. Sie verzichtete auf Familie, sie verzichtete auf ein gesichertes Einkommen. Die erste Ausstellung hatte sie Mitte der Achtzigerjahre in einer Galerie in Eglisau. «Ich verspürte eine wahnsinnige Spannung», erinnert sich die Künstlerin. Sie fühlte sich, als würde sie nackt über die Bahnhofstrasse laufen – so viel Persönliches lag in ihren Skulpturen. Die Spannung legte sich, die Werke fanden Anklang und Käufer. Im Lauf der Jahre entdeckte sie andere Techniken: das Gipsen, das Radieren, das Sticken. «Sticken und Steinhauen dauern etwa gleich lang.» 1000 Schläge pro Skulptur, 1000 Stiche pro Bild – das ist der Rhythmus. Der Lärm hat sie nie gestört Kompromisse wollte sie nie eingehen, Auftragsarbeiten lehnte sie ab. Lieber arbeitete sie Teilzeit in einer Papeterie oder als Haushaltshilfe, unter anderem bei ihren Eltern. Diese hatten die Tochter stets unterstützt, ihre Mutter war selbst als Lyrikerin und Malerin tätig. Haben nie Zweifel an ihr genagt? «Natürlich gab es Momente, in denen ich meine Entscheidung infrage gestellt habe», sagt Vogler. Zum Beispiel, wenn sie die Kinder ihrer Geschwister und Freunde sah und sich fragte: Habe ich etwas verpasst? Doch die Zweifel dauerten nie lange, zu gross war ihr innerer Antrieb, Skulpturen zu schaffen. Bedauert hat sie ihre Entscheidung nie. An der Weststrasse war es ihr wohl: «Der Verkehrslärm hat mich nie gestört, ich mache ja selber Lärm.» Wenn sie einen Autofahrer hörte, der Gas gab, spornte sie das an, selber Gas zu geben. Sie findet es richtig, dass sich die Strasse wieder zu einem Wohnquartier entwickelt, wünscht sich aber, dass die Mieten bezahlbar bleiben. Beatrice Vogler hat einen neuen, günstigen Raum in einem Wohnquartier in Wollishofen gefunden. Mit Garten, in den sie ihre Skulpturen stellen will. Um ein neues Kleinod zu schaffen. Die Künstlerin Beatrice Vogler blickt aus ihrem Atelier in den Hinterhof mit Garten, in dem einige ihrer Skulpturen stehen.Foto: Sophie Stieger

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