Abschied von einem Hooligan mit Charme

Stan the Hooligan, die Zürcher Comicfigur mit Kultcharakter, gibt es nicht mehr. Ihr Schöpfer, der Zeichner Christophe Badoux, ist mit 52 Jahren gestorben.

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Die Trauer ist gross: Nachdem Stan-Zeichner Christophe Badoux am vergangenen Freitag an einem akuten Herzversagen gestorben ist, hören die Abenteuer seiner populärsten Comicfigur auf. Marcel Gamma, der Texter der Comics, sagt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Die Comicserie Stan the Hooligan wird nach dem Tod von Badoux nicht fortgeführt. Badoux und ich haben die Figur des kleinen FCZ-Südkurven-Ultras 2004 gemeinsam entwickelt und seither ununterbrochen gemeinsam publiziert.»

Christophe Badoux’ bekannteste Comicfigur ist gleichzeitig seine charmanteste. Stan the Hooligan steht komplett auf Fussball und mit Leib und Seele hinter dem FC Zürich. Stan ist im Letzigrund stets mitten in der Südkurve zu finden, auch wenn er von der Körpergrösse her zu klein ist, die Matchs überhaupt richtig sehen zu können – egal. Dafür unterstützt er seinen Stadtclub mit allen Mitteln: Gesang, Transparenten und Bierkonsum. Dazu ist er ein Befürworter der Pyrotechnik, schmuggelt er doch regelmässig Pyros ins Stadion («Das gehört doch zur echten Fankultur. Aber okay, kontrolliert abbrennen finde ich wichtig!»).

Erfolgreich mit Crowdfunding

Stans unvergesslichster Moment: die FCZ-Meisterfeier 2006 mit Präsident Sven Hotz auf dem Volkshaus-Balkon. «Hotz forderte mich zum Mittanzen auf, er sagte wörtlich: ‹Komm Kurzer, machen wir den Sven-&-Stan-Move.› Das war meine persönliche Mondlandung.»

Den fussballverrückten Stan the Hooligan hat Christophe Badoux 2004 zusammen mit dem Texter Marcel Gamma entwickelt. Zuerst tauchte der kleine «Hool» im Fanzine «Igang 3» auf, dann auf der Homepage im Netz, später sammelte er auf Facebook und Twitter massenweise Anhänger. Vor knapp zwei Jahren trommelten Badoux und Gamma in nur vier Tagen via Crowdfunding rund 11’000 Franken zusammen, um Stan zum 10-Jahr-Jubiläum im Buch «Bier, Pyro und Daleo!» zu verewigen.

Hergé der Schweiz

Im Atelier Strapazin im Kreis 4, 1994 eröffnet, fand Christophe Badoux bis zu seinem Tod seine künstlerische Heimat. Mit seinem Zeichenstil unterschied er sich klar von dem damals in Zürich vorherrschenden düsteren, expressiven Comics. Bei seinen Fans war er deshalb bald bekannt als der «Hergé der Schweiz», weil er wie der Tim-und-Struppi-Erfinder den «Ligne claire»-Stil bevorzugte: klare Linien, monochrome Flächen, geradlinige Erzählweise.

Seit 1991 zeichnete er für diverse Zeitungen und Zeitschriften sowie Schulbücher seine Illustrationen. Ab 1999 erschienen regelmässig Comicbände. Im ersten Werk stand «Bupo Schoch» im Zentrum, ein Bundespolizist, der gegen mordende Gartenzwerge ermittelt. Kritiker lobten den Band als «spannenden Comic, mit witzigen Anspielungen auf reale Personen und viel Politsatire».

Originell, kreativ und vielseitig

Es wäre ein Fehler, Badoux’ Interesse nur auf Fussball zu reduzieren. 2008 erschien die 67-seitige Künstlercomic-Biografie «Klee» im Auftrag des Zentrums Paul Klee in Bern. Er scheute keinen Aufwand, recherchierte ausgiebig, vertiefte sich in die Tagebücher und Briefe des Malers, sichtete unzählige Fotos und betrieb Studien vor Ort. «Bei Klee musste ich mich entscheiden, was ich weglassen will», sagte er damals in den Medien. «Diese nötige Reduktion ist ein schwieriger Anspruch an mich selber.»

Badoux war originell, kreativ und vielseitig. Sei es als Co-Kurator beim Luzerner Comic-Festival Fumetto, als Dozent an der Hochschule Luzern oder als Illustrator eines Liedheftes der Schweizer Kinderband Silberbüx oder der Programme für die Flachpass-Bar im Letzigrund. Eine seiner letzten Figuren war Kooki, die weisse Schäferhündin des FCZ-Präsidenten Ancillo Canepa.

Tiefe Betroffenheit

Betroffenheit über den Verlust herrscht in der Zürcher Comicszene. Sein Verleger, David Basler von Edition Moderne, erinnert sich: «22 Jahre haben wir im selben Raum gearbeitet.» Er habe immer wieder miterlebt, wie Christophe sich Zeit für alle zukünftigen Comiczeichner genommen habe, ihnen geduldig das A und O des Comiczeichnens erklärt und sie ermutigt habe, weiter zu machen.

Basler: «Wir haben mit ihm nicht nur einen Autor und Freund verloren, sondern auch einen hervorragenden Lehrer und Motivator.» Und für Tages-Anzeiger-Zeichner Felix Schaad ist klar: «Ein Aushängeschild wie Badoux wird der Zürcher Comic- und Illustratorenszene fehlen.»

Christophe Badoux hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2016, 13:11 Uhr

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