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Alles eine Frage des Kalküls

Rachel Berchtold aus Zürich ist eine Karrierefrau und gewann - sozusagen im Vorbeilaufen - den Schweizer-Meister-Titel im Marathon. Was andere als Hypothek verstehen, bringt ihr die nötige Lockerheit.

Rachel Berchtold war mit reichlich Talent gesegnet. Als Kind probierte sie im Turnverein allerlei Leichtathletik-Disziplinen aus. Später bei der Teilnahme am Luzerner Stadtlauf ist sie «auf Anhieb vorne rein gelaufen». Darauf schlug sie auf der Bahn die Richtung als Mittelstrecklerin ein und feierte bis 18-jährig Erfolge mit Podestplätzen bei nationalen Junioren-Meisterschaften.

Nie aber hegte die heute 30-Jährige aus Zürich-Affoltern ernsthafte sportliche Absichten. Nicht, weil der Ansporn, sondern die Zeit dazu fehlte. «Für mich hatte immer der Beruf Vorrang», stellt sie klar. Weil man auf höchstem Leistungsniveau die Kräfte bündeln sollte, kam nicht mal eine Kompromisslösung infrage. Dafür schlug Berchtold in der Ausbildung ein mindestens ebenso forsches Tempo an wie im Sport. Sie studierte Mathematik, als Resultat mussten fortan die Wettkämpfe hintanstehen. «Ich habe gleichwohl weitertrainiert, aus purer Lust und zum Ausgleich.»

Keinen Konflikt mit sich selbst

Während der letzten vier Jahre machte die gebürtige Luzernerin an der Uni St. Gallen ihren Doktortitel in Finance (Wirtschaftswissenschaften). Im Endspurt führte sie die Dissertation nach New York. Die Ökonomin hatte vom Schweizer Nationalfonds ein Stipendium erhalten und verbrachte das gesamte Jahr 2009 im Big Apple. Die Metropole, wo der Laufsport nicht nur flächendeckend salonfähig, sondern Kult ist, weckte auch bei Berchtold neue sportliche Gefühle - vor allem auf der Marathondistanz. Davor hatte sie ein Rennen über 42,2 km bestritten. In 3:12 Stunden den Boston Marathon im Frühling 2008, während sie schon einmal für ein Austauschsemester in den USA geweilt hatte. «In New York konnte ich mir Zeit nehmen für einen intensiven Trainingsaufbau. Denn ich musste parallel dazu keine Assistentenstelle besetzen. Dadurch war es mir möglich, meine Prioritäten temporär etwas anders zu lagern», erklärt sie.

Den Marathon in New York beendete sie im Herbst in 2:54 Stunden und schuf damit die Basis für eine Fortsetzung in Zürich. Nur knapp fand der Heimauftritt am Sonntag Platz in der Agenda, ehe für Berchtold mit ihrer Anstellung im Risikomanagement eines Beratungsunternehmens eine neue Zeitrechnung beginnt. Doch selbst rund um den Marathon-Termin galt es effizient zu jonglieren. Erst letzte Woche unterzeichnete sie ihren Arbeitsvertrag. Am Dienstagabend musste sie mit müden Beinen zur Verteidigung ihrer Dissertation antraben. Und daheim wollen zahlreiche Bananenschachteln gefüllt werden, da der Umzug nach Bern gemeinsam mit ihrem Partner kurz bevorsteht.

Alles eine Frage der richtigen Einteilung - was auch auf ihr Rennen bei der achten Austragung des Zürich Marathons zutraf. Für viele überraschend und als unbeschriebenes Blatt setzte sich Berchtold als Gesamtvierte an die Spitze der nationalen Meisterschaftswertung. Von einer möglichen Medaille war sie ausgegangen. Unterwegs vergoldeten sich diese Aussichten. In erster Linie Kalkül führte dazu. «Bewusst verhalten» ging sie die Herausforderung an. Darum heftete sie sich nicht an die Fersen des Tempomachers, der die EM-Limite von 2:43 Stunden angepeilt hatte.

Stattdessen bildete sie auf der ersten Streckenhälfte mit Karin Jaun (spätere SM-Dritte) ein Tandem und liess sich danach von zwei starken Männern mitziehen. 7 km vor Schluss kämpfte das Mitglied des LC Zürich mit Wadenkrämpfen und damit mit der einzigen kleinen Krise. Berchtold versuchte, nochmals Vorsicht walten zu lassen, das Risiko zu dosieren. «Erst 5 km vor dem Ziel drehte ich voll auf», um bei der 40-km-Marke die bis zu diesem Zeitpunkt führende Favoritin Luzia Schmid (LC Uster) praktisch stehen zu lassen. Die Uhr hielt bei 2:47:10 Stunden, was trotz windigen Bedingungen einer Leistungsverbesserung von 7 Minuten entsprach.

Rechnung geht für sie selbst auf

Ändern wird dieser Triumph nichts in ihrem Leben, selbst wenn er viel beachtet wurde. Berchtold befasst sich deshalb keine Sekunde mit dem Gedanken, welche Ziele ihr bei mehr Professionalität und Akribie offenstehen könnten, ob sie vielleicht ihr Talent verschwendet. «Ich habe für mich den richtigen Weg gewählt», lautet ihre Überzeugung. Nur Sport würde sie sowieso nicht ausfüllen. So braucht sie die geistige Nahrung genauso wie lange Laufeinheiten zur - wie sie es ausdrückt - Erholung.

Deshalb will sie auch künftig in dieser Reihenfolge an ihren drei Standbeinen Beruf, Sport und Familie festhalten. In ihrer Sprache heisst das Diversifikationsstrategie. Genau diese macht wohl den Erfolg aus. «Denn ich bewahre mir die nötige Lockerheit und falle nicht aus allen Wolken, sollte mich einmal etwas zurückwerfen.» Häufig musste Berchtold dieses Rezept in den letzten Tagen preisgeben. «Mich erreichten ein paar Anfragen, wie ich denn Karriere und Sport so gut unter einen Hut bringen würde.»

Unter dem Strich geht es der Mathematikerin darum, dass Aufwand und Ertrag stimmen. «Wobei die Freude am Laufen stets an erster Stelle steht», schränkt sie ein. Auch ihr nächstes Marathon-Projekt geht sie ökonomisch an. «Konkret ist noch nichts. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich dereinst den Berlin Marathon ins Auge fasse», sagt sie. Damit liesse sich der Besuch einer ehemaligen Studienkollegin verbinden. Mit dem Blick fürs Wesentliche: Rachel Berchtold ist eine erfolgreiche Marathonläuferin, verfolgt aber ganz andere Ziele. Foto: Sophie Stieger

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