Angst vor Chaos und Heimatverlust

Schon bald wird über die Limmattalbahn abgestimmt. Die Gegner allerdings wollen lieber leistungsfähigere Strassen.

Vom Projekt enttäuscht: Bahngegegner Chrtistian Meier (links) und Marcel Achermann auf dem Kirchplatz. Foto: Doris Fanconi

Vom Projekt enttäuscht: Bahngegegner Chrtistian Meier (links) und Marcel Achermann auf dem Kirchplatz. Foto: Doris Fanconi

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Über das Reppischbrücklein im Zentrum Dietikons zwängt sich der Autoverkehr. Links steht das ehemalige Zollhaus, rechts ein etwas windschiefes Haus, auf dem Schuhmacherei steht – den Schuhmacher gibt es schon lange nicht mehr. «Und hier soll also noch die Limmattalbahn durch», sagt Christian Meier. Meier ist Ingenieur und präsidiert das Referendumskomitee gegen die Limmattalbahn.

Die Limmattalbahn würde zwar zu 90 Prozent auf einem eigenen Trassee verkehren, doch wo dafür kein Platz ist, müsste sie sich die Strasse mit den Autos teilen. Meier zeigt in Richtung Spreitenbach: «Von hier würde die Strasse jeweils über mehrere Hundert Meter gesperrt werden, wenn die Bahn kommt. Das gibt ein Chaos.» Er ist überzeugt: «Die Limmattalbahn schafft mehr Verkehrsprobleme, als sie löst.» Nicht nur im Zentrum der Stadt Dietikon.

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Die Linienführung der geplanten Stadtbahn stand am Anfang der Oppositionsbewegung in der Region: In Altstetten wehrten sich die Quartierbewohner – erfolgreich – gegen die Verlegung des 2er-Trams. In Schlieren liefen die Bewohner des Spitalquartiers Sturm gegen die Pläne, weil sie befürchten, dass ihr Quartier durch die Bahn zerschnitten werde. Sie erreichten lediglich ein paar Anpassungen im Strassenregime. Vor gut einem Jahr ist die Opposition grundsätzlicher geworden.

In Dietikon formierten sich einige Alt-Stadträte zur «IG Limmattalbahn – Nein». Einer von ihnen ist Marcel Achermann, der von 1986 bis 1990 für die SP im Stadtrat sass. Er sagt: «Wir brauchen und wollen diese Bahn nicht.» Er spricht von «Mobilitätswahn» und «Dichtestress». Und davon, dass die Leute im Limmattal dieses Bevölkerungswachstum, das durch die Bahn noch beschleunigt werde, gar nicht wollen. «Dieses ständige Verdichten geht bei uns auf Kosten von Identität und Heimat­gefühl.»

«Diese Bahn ist unnötig»

Auch Christian Meier setzt in seiner Fundamentalkritik gegen die Limmattalbahn bei den Wachstumsprognosen für die Region Limmattal an. «Bei der Bevölkerung scheinen sich die Prognosen zu bewahrheiten, bei den Arbeitsplätzen aber leider nicht.» Dieser regionale Verkehr zwischen Wohnen und Arbeiten nimmt daher nicht zu. «Die Stadtbahn ist deshalb nicht nur unerwünscht, sondern vor allem unnötig.»

Meier war von 2003 bis 2010 SVP-Gemeinderat in Unterengstringen und hatte sich anfänglich für die Stadtbahn engagiert. «Damals war das eine Vision, doch das konkrete Projekt hat mich enttäuscht.» Er ist überzeugt, dass die positiven Impulse, welche die Stadtbahn dem Glattal bescherte, nicht einfach auf das Limmattal zu übertragen sind. Dort sei die Bahn mehrheitlich im kaum besiedelten Raum angelegt worden und vernetze bestehende Bahnhöfe. Im Limmattal hingegen würde sie mitten durch stark besiedeltes Gebiet führen, das bereits durch S-Bahn und Buslinien erschlossen ist. «Diese 510 Millionen können anderswo sehr viel sinnvoller eingesetzt werden», findet Christian Meier.

«Niemand hat uns gefragt»

Marcel Achermann ärgert sich ohnehin, wenn kolportiert wird, dass der Kanton dem Limmattal ein 510-Millionen-Franken Geschenk mache. «Uns hat niemand gefragt, ob wir dieses Geschenk überhaupt wollen.» Das ganze Projekt sei über die Köpfe der Limmattaler hinweg entschieden worden. Doch was ist die Alternative? Alles so belassen, wie es ist? «Die im Zusammenhang mit diesem Projekt geplanten Verbesserungen im Strassenraum funktionieren auch ohne Stadtbahn», sagt Achermann. Die dafür vorgesehenen 136 Millionen Franken seien gut angelegt.

Auch Christian Meier sieht die Lösung der Verkehrsprobleme in der Region vor allem im Bau von leistungsstarken Strassen und Verkehrsknoten. Und im Ausbau des Velo- und des Busnetzes, die möglichst getrennt vom motorisierten Individualverkehr geführt werden müssen. Der Verkehr müsse entflochten und nicht zusätzlich verflochten werden, findet er. Das heisst: «Wenn schon ein Tram, dann im Tunnel oder als Hochbahn. Das vorliegende Projekt aber taugt nichts.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2015, 13:13 Uhr

«Wir brauchen mehr als Strassenpflästerli»

Christian Meier, Präsident des Gegnerkomitees, hält die Bahn für unnötig und zu teuer. Und er vermisst ein schlüssiges Gesamtverkehrskonzept.

Christian Meier ist Präsident des Referendums­komitees gegen die Limmattalbahn. Er sass für die SVP im Gemeinderat von Unterengstringen. Foto: Doris Fanconi

Weshalb sollen die Zürcherinnen und Zürcher die Limmattalbahn ablehnen?
Die Bahn ist unnötig, denn sie deckt entlang ihrer Linienführung kein wirkliches Mobilitätsbedürfnis in dieser Grössenordnung ab. Und sie ist für den Kanton Zürich viel zu teuer, denn die einzigen Gebiete, die neu oder besser erschlossen würden, liegen westlich der Stadt Dietikon, also im Kanton Aargau. Dazu muss man nicht den Verkehr in den Zentren von Altstetten, Schlieren und Dietikon lahmlegen. Und schliesslich ist die Limmattalbahn zu gefährlich, man müsste die Bevölkerung vor ihr schützen. Man müsste sie also mit Zäunen und Barrieren abschotten. Ist das wirklich erwünscht?

Welche Argumente der Befürworter ärgern Sie am meisten?
Sie sagen immer, dass dem Limmattal etwas geschenkt werde. Wenn man dem Limmattal schon etwas schenken möchte, dann soll man doch jedem Einwohner 10 000 Franken in seine Pensionskasse einzahlen! Denn so steht es unterm Strich: eine Milliarde geteilt durch 100 000 Einwohner. Auch behaupten die Befürworter immer, die Bahn bringe Arbeitsplätze in die Region. Das ist reine Spekulation, denn erstens kamen bisher nur Einwohner und keine neuen Arbeitsplätze. Und zweitens stehen im Limmattal bereits heute riesige Gewerberaumflächen leer.

Gibt es denn einen Bereich, wo Sie sich mit den Befürwortern einig sind?

Ich gebe den Befürwortern recht, wenn sie sagen, dass ein Bevölkerungswachstum im Limmattal stattfindet und Prob­leme verursachen wird – das werden natür­lich nicht nur Verkehrsprobleme sein. Und es stimmt auch, dass wichtige Verkehrsachsen ausgebaut werden müssen, aber im Rahmen eines Gesamtverkehrskonzepts, das den Namen auch verdient. Und nicht nur mit ein paar Strassenpflästerli. (Tages-Anzeiger)

Die Gegner

Die Region ist gespalten

Die Gegner der Vorlage sind vor allem in den beiden Limmattaler Städten Schlieren und Dietikon ansässig. Die Kritik entzündete sich anfänglich an der Streckenführung, wurde aber mit der Zeit sehr viel grundsätzlicher. Nach der überaus klaren Zustimmung zum Projekt im Kantonsrat haben sich verschiedene lokale Gruppierungen, die der Limmat­talbahn kritisch gegenüberstehen, zusammengetan und Unterschriften gesammelt. Die für ein Referendum nötigen 3000 Unterschriften kamen mühelos zustande.

Deshalb entscheidet nun das Zürcher Stimmvolk am 22. November über den Kredit für die Limmattalbahn inklusive Anpassungen am Strassennetz. Die Delegierten der SVP haben als einzige Partei mit 135 zu 49 Stimmen die Nein-Parole gefasst. Im Kanton Aargau gab es kein Referendum gegen die Bahn. (net)

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Kosten

Der Bund zahlt mit

510,3 Millionen Franken plus 136,3 Millionen Franken für flankierende Massnahmen am Strassennetz kostet die Limmattalbahn den Kanton Zürich. Diese Gelder werden aus dem Verkehrs- beziehungsweise dem Strassenfonds entnommen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 755 Millionen Franken.

Der Bund hat im Rahmen des Agglomerationsprogramms eine Beteiligung von 35?Prozent an der Gesamtsumme in Aussicht gestellt und teilweise bereits gesprochen. Auf die Standortgemeinden entfallen im Rahmen des Projektes lediglich Anpassungen bei den Haltestellen wie etwa Veloabstellplätze oder spezielle Zugänge plus eine Neuwertabgeltung, wenn Werkleitungen ersetzt werden.

Die Betriebskosten werden nach dem üblichen ZVV-Verteilschlüssel auf die Gemeinden umgelegt. Massgebend sind dabei die Anzahl Abfahrten pro Haltestelle. (net)

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