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Ansteckung mit Rinderwahnsinn ist auch über die Luft möglich

Tierversuche zeigen, dass Hirnschwammkrankheiten wie BSE auch über die Atemwege übertragbar sind.

Von Matthias Meili Prionen sind natürlich vorkommende Eiweisse, die das Hirn langsam zu einem schwammartigen Gebilde zersetzen, wenn sie krankhaft verdreht sind. Beispiele sind der Rinderwahnsinn (BSE) oder beim Menschen die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die selten, aber immer tödlich ist. Weltweit sind bisher gut 300 Menschen daran erkrankt, jedoch noch niemand in der Schweiz. Bisher glaubte man, dass sich Prionenkrankheiten nur übertragen, wenn die Erreger direkt über die Nahrung eingenommen werden oder über kontaminierte Instrumente – zum Beispiel Operationsbesteck – in die Blutbahn gelangen. Rinder zum Beispiel wurden krank, weil ihnen Tiermehl mit Hirnbestandteilen von erkrankten Tieren verfüttert worden war. Doch jetzt haben Forscher um Adriano Aguzzi von der Universität Zürich zeigen können, dass die verdrehten Prionen auch durch die Atemwege ins Hirn gelangen und die Krankheit auslösen können. Die Forscher haben ein Prionen-Aerosol-Gemisch in unterschiedlichen Konzentrationen hergestellt. Dieses wurde einer Reihe von Versuchsmäusen in speziellen Inhalationskammern und unter erhöhtem Druck verabreicht. Die Mäuse, die mit Konzentrationen von über 2,5 Prozent verseuchten Aerosolen behandelt wurden, steckten sich in weniger als einer Minute an. Adriano Aguzzi folgert daraus, dass Prionen auch über die Luft übertragen werden können. «Die Konzentrationen sind im Versuch zwar massiv erhöht», sagt Aguzzi, «aber es zeigt doch, dass eine Ansteckung im Prinzip möglich ist.» Laut Aguzzi betrifft dies vor allem Umgebungen, in denen Aerosole entstehen können: diagnostische Labors, Schlachthöfe oder bei der Entsorgung von Schlachtabfällen. Laborvorschriften überdenken Intensiv mit Prionen arbeitet die Firma Prionics in Schlieren, die verschiedene Diagnostiktests für Prionenkrankheiten herstellt. «Die Resultate sind sicher wichtig, auch wenn die Bedingungen des Versuchs weit von der Realität entfernt sind», sagt Prionics-Forschungschef Alex Räber. Laut Räber müssten die Vorschriften, die der Bund 1999 für Prionenlabors erlassen hat, angesichts der neuen Resultate neu überdacht werden. Für Marcel Falk, Mediensprecher im Bundesamt für Veterinärwesen (BVeT), haben die neusten Erkenntnisse allerdings keine praktische Relevanz. Zum einen ist BSE weitgehend verschwunden, obwohl keine Massnahmen gegen eine Luftübertragung getroffen wurden. In der Schweiz trat der letzte Fall im Jahr 2006 auf. Drittens gibt es bei den weltweit 170 Fällen der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit keine Anzeichen für eine Ansteckung über die Luft. «Insbesondere ist weltweit unseres Wissens kein einziger Schlachthofmitarbeiter erkrankt», sagt Marcel Falk. Selbst Prionenforscher Aguzzi findet seine Resultate nicht besorgniserregend – aber aus einem anderen Grund. «Für eine für die gesamte Bevölkerung gefährliche Übertragung müssten erkrankte Tiere oder Menschen die Prionen mit der Atemluft ausscheiden.» Dies ist aber nicht der Fall. Obwohl BSE in der Schweiz verschwunden ist, gelten die seit 1990 getroffenen Massnahmen weiterhin. So ist das Fütterungsverbot für Tiermehl nach wie vor in Kraft. Im Schlachthof müssen alle Risikoorgane der Schlachttiere – Hirn, Rückenmark, Milz und andere – sofort verbrannt werden. Zudem läuft auch das Testprogramm weiter, das auf einer jährlichen Stichprobe von rund 7000 Rindern beruht.

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