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Ansturm auf den neuen Zürcher Aussichtsberg

Die Besucherzahl auf dem Altberg hat sich an schönen Tagen wegen des Turms fast verdoppelt.

Von René Donzé Hüttikon – Unten am Turm vermehren sich die Wanderstöcke. Die Leichtmetallstangen lehnen an Bäumen und an einem Gestell, das auch für Rucksäcke gedacht ist. Die Wanderer stellen sie dort hin, bevor sie den Aufstieg über 147?Stufen und 30 Meter in Angriff nehmen. Selbst an einem normalen Werktag besteigen Dutzende den neuen Altbergturm, der vor gut drei Monaten eröffnet wurde. Ihnen präsentiert sich ein prächtiges Bergpanorama vom Säntis bis zu den Berner Alpen. Davor wirkt Zürich wie ein pittoreskes Städtchen, das vom dunklen Prime Tower optisch erdrückt wird. Aus dem Limmattal hinauf dringt das stetige Rauschen des Verkehr durch die Pulsader des Mittellandes. Etwa 30 Gäste bewirtet Gabriela Hintermann, Wirtin der Waldschenke, am Donnerstag über Mittag. Die meisten sitzen draussen an alten Holztischen auf schrägen Bänken und geniessen die letzten wärmenden Herbstsonnenstrahlen, eine heisse Bauernwurst mit Kartoffelsalat oder eine Gerstensuppe. Die Wirtin hat sogar Zeit für einen Schwatz im Stübli, das seit Jahrzehnten praktisch unverändert ist. An den Wochenenden aber, so erzählt sie, wandern Hunderte vom Hüttikerberg, von Dänikon, Dällikon, Oetwil, Geroldswil und vom Weiningerpass her auf den Hügel zwischen Limmat- und Furttal. «Bei schönem Wetter haben wir Stosszeit», sagt Hintermann, die die Waldschenke in dritter Generation führt. Weit über 500 Gäste habe sie im Spätsommer an schönen Tagen bewirtet. Früher waren es nicht einmal halb so viele. In diesem Jahr werde der Umsatz wohl zehn bis zwanzig Prozent über dem Vorjahr liegen. Kürzlich stellte sie einen dritten Vollzeit-Mitarbeiter ein. Sie sucht noch eine zusätzliche Hilfskraft auf Abruf. Probleme mit Autos Unten am Berg wächst derweil der Frust von Teilzeit-Landwirt Urs Kaufmann. «Ein Schlamassel» spiele sich an Wochenenden vor seiner Tür ab. Kaufmann hat auf dem Hüttikerberg ein altes Bauernhaus aus Familienbesitz umgebaut, hält schottische Hochlandrinder und pflegt 42 Hochstamm-Obstbäume. Er zeigt Bilder von wild parkierten Autos bei der Kreuzung, entlang der Weiden und auf dem mit einem Fahrverbot belegten Waldweg. Der Hüttiker Gemeindepräsident Markus Imhof verspricht Abhilfe, er stehe in Verhandlungen mit dem Kanton für eine Erweiterung des öffentlichen Parkplatzes von gut 20 auf rund 35 Plätze. Kaufmann fordert indes sofort mehr Kontrollen und Bussen. «Seit der Turm steht, haben wir keine Ruhe mehr», sagt der hauptberufliche Zürcher Stadtpolizist. In ein ähnliches Horn bläst Jäger Martin Peter. Am Telefon erzählt er von Bikern, die abseits der Wanderwege durchs Holz brausen, und von Herrchen, die ihre Hunde nicht im Griff haben. Die Jagdgesellschaften hatten sich gegen den Turm gewehrt, weil sie den Rummel fürchteten. Als Kompromiss akzeptierten sie die Einrichtung von Wildruhebereichen im Wald. Nun weisen Tafeln am Waldeingang und Markierungen an Bäumen darauf hin, wo Hunde, Menschen und Bikes nichts im Unterholz verloren hätten. Die meisten würden sich daran halten, sagt Peter. Dennoch habe er festgestellt, dass sich die Rehe kaum mehr aus dem Unterholz getrauten. Oder erst spätnachts. «Damit wird für uns das Jagen schwieriger.» Kein zweiter Uetliberg Die Besucher oben auf dem neuen Turm sind begeistert. Ein Mann aus dem Aargau lobt die Architektur, ein junges Pärchen aus dem Rafzerfeld bestaunt das Bergpanorama, vermisst aber eine erklärende Tafel. Ein Geschäftsmann rekognosziert für einen Betriebsausflug. Ein pensioniertes Ehepaar aus dem Säuliamt ist seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder auf dem Berg. Und eine ältere Dame freut sich ob der vielen neuen Gesichter auf ihrem Hausberg: «Sollen sie doch alle auch etwas von unserem schönen Berg haben», sagt sie mit deutschem Akzent. Auch der Waldschenke-Wirtin Gabriela Hintermann steht die Freude ins Gesicht geschrieben. «Der Turm ist wunderschön geworden, eine Bereicherung für uns und für diese Region.» Insgeheim hofft sie aber, dass nächstes Jahr die Spitzenbelastungen an Wochenenden wieder kleiner werden. Auf keinen Fall werde sie wegen des Turms nun auch die Waldschenke ausbauen. «Ich will hier keinen zweiten Uetliberg», sagt Gabriela Hintermann. Sie wünscht sich indes, dass der eine oder andere, der den Weg auf den Altberg neu entdeckt hat, zum Stammgast wird, der auch unter der Woche und bei schlechtem Wetter vorbeikommt. Blick vom Turm ins Limmattal. Links verschwinden die Alpen im Dunst hinter dem Uetliberg. Foto: Dominique Meienberg

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