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Anthroposophie «Manchmal hat Steiner auch Bullshit erzählt», TA vom 3. 2.

Steiners spirituelle Sphären

Innere Zuversicht dank Steiner-Lehre.

Als ehemalige Steiner-Schülerin befasse ich mich seit vielen Jahren freiwillig und intensiv mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Meine persönliche Erkenntnis aus diesem Studium ist, dass es «den Anthroposophen» als solches gar nicht geben kann. Aus meinem Verständnis sind wir als Individuen eingeladen, erstens unser eigenes Wesen kennen zu lernen und zweitens mit Achtung und Toleranz jedem anderen Menschen vorurteilslos zu begegnen. Ich lernte auch schon während der Schulzeit Verantwortung zu übernehmen für mein Handeln gegenüber der Schöpfung - Mensch, Tier und Pflanze. Diese Haltung gibt mir Freiheit und Urteilsvermögen für mein Denken und Wirken in meinem Leben. Gerade dies scheint mir sehr undogmatisch - denn ich tue es freiwillig und mit Freude. Auch habe ich nirgends gelesen, man solle missionieren - ich kann es auch nicht, weil ich nicht weiss, welche Lebensaufgaben andere Menschen haben. Der Anthroposophie Rudolf Steiners verdanke ich meine innere Zuversicht, meine Freiheit im Denken und Handeln - aber auch mein Wissen, dass auch ich ein Mensch mit Stärken und Schwächen auf einem langen Entwicklungsweg bin.

Daria Grossenbacher-Snozzi, Glattfelden

Der geschäftstüchtige Plagiator.

Es ist schon erstaunlich, wie gross die Anziehungskraft der okkulten Anthroposophie des Rudolf Steiner immer noch ist. War er ein Genie und Menschheitserlöser? So sah er sich zumindest selber. Dass er oft «Bullshit erzählte» (wie ein Anthroposoph einräumte), liegt freilich an seiner Hauptquelle, Helena Blavatskys «Geheimlehre», und daran, dass er einfach ein geschäftstüchtiger Plagiator war. In der Tat hat Steiner alles irgendwo abgeschrieben und daraus eine «Lehre» gebastelt, die der kritische Publizist Carl Christian Bry schon 1924 als ein «Warenhaus» umschrieb («Verkappte Religionen», Klotz-Verlag Gotha). Die Neu-Theosophie von Blavatsky war Steiner freilich zu «indisch», also «christianisierte», oder besser: germanisierte er diese. Bei Blavatsky schrieb er denn auch die «Wurzelrassen»-Fantasien und vieles andere ab. Wohl deshalb war er bei den völkischen Okkultisten gut gelitten, die aus denselben Quellen schöpften. Noch 1919 rechtfertigte Steiner den deutschen Angriffskrieg von 1914 gegen Belgien mit nationalistischen Begründungen. Er rühmte sich dabei, der «Hausphilosoph» des Oberkommandierenden von Moltke gewesen zu sein. Überhaupt verkehrte er vorzugsweise in der «besseren Gesellschaft», die ihn kräftig sponserte. Seine Eurhythmie entlehnte er übrigens beim damals aufkommenden avantgardistischen Ausdruckstanz. Ebenso adaptierte er selektiv reformpädagogische Ideen, die um 1900 entstanden sind, und panschte sie mit seinem okkulten Neu-Rosenkreutzertum. Aber die seriösen reformpädagogischen Versuche jener Jahre waren aufklärerisch und humanistisch fundiert. Wenn schon, wäre hier anzuknüpfen, etwa bei Paul Geheeb (Odenwaldschule 1910, École d’Humanité 1935). Auf den Steiner-Okkultismus kann gerne verzichtet werden.

Martin Uebelhart, Oberwil-Lieli

Ist Luzifer der Initiator?

Auch ich war der Anthroposophie ab meinem 18. Lebensjahr mit Leib und Seele ergeben. Die so ganz andersartigen Gedanken über Welt und Mensch faszinierten mich, und die wunderbar neuartigen Künste der Malerei, Bildhauerei, Architektur, Sprachgestaltung und Eurythmie zogen mich mächtig an; es war dies alles die ersehnte Nahrung für Geist, Seele und Leib. Während meiner Ausbildung am Goetheanum in Dornach lernte ich so viele einzigartige Künstlerpersönlichkeiten kennen, liebevolle und edle Menschen, die durch ihren grossen Idealismus, eindrücklichste Aufführungen in Eurythmie und Schauspiel zustande brachten (z. B. Faust I und Faust II ungekürzt). Weil man jedoch mit zunehmenden Alter wohl etwas weniger enthusiastisch und realistischer wird, begann ich allmählich, gewisse Dogmen der Anthroposophie kritisch zu hinterfragen, allen voran das Dogma der Wiederverkörperung (Reinkarnation), das inzwischen von vielen spirituellen Strömungen vertreten wird. So kam ich zur Überzeugung, dass ein solches Gedankengut in keiner Weise mit dem Bibelverständnis aus christlicher Sicht übereinstimmt (Hebräer 9; 27, 28). «Luzifer-Gnosis» nannte Rudolf Steiner die erste Zeitschrift für die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft. Allein schon dieser Titel sollte Christen hellhörig machen, ist doch Luzifer nach biblischem Verständnis der gestürzte Engel und jetzige Gegenspieler Gottes! Meine bange Frage ist, ob wohl auch dieser gestürzte Engel - den Steiner den Lichtbringer nennt - der Initiator all der von mir so geliebten und bewunderten anthroposophischen Künste ist? Vorläufig halte ich mich an das Bibelwort «Prüfet alles, und das Gute haltet», denn ich kann ja nicht alles, was mein Leben so sehr bereichert hat, von mir stossen.

Gret Ferndriger-Girardin, Boppelsen Das Goetheanum in Dornach entstand 1926, nach einem Modell von R. Steiner. Foto: Dieter Seeger

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