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Auf der Jagd nach Larven und Fliegen

Die Biologin Verena Lubini watet durch vereiste Bäche, um Wasserinsekten zu erforschen.

Zürich - Ein wunderlicher Anblick: Eine Frau steht in Fischerstiefeln und mit bis zu den Achseln reichenden Handschuhen im verschneiten Elefantenbach im Wehrenbachtobel in Witikon. Mit dem Stiefel wühlt sie den Untergrund auf und fängt mit dem Netz ein, was sie aufwirbelt. Das ist Verena Lubini, von der manche behaupten, sie müsse Schwimmhäute an den Füssen haben. Lubini ist eine der wenigen Spezialistinnen für Makrozoobenthos in der Schweiz - für die von Auge erkennbaren wirbellosen Wassertiere.

Es gibt wahrlich attraktivere Tiere als die Steinfliege. Doch wenn Verena Lubini ihre «Bibliothek» präsentiert - Aberhunderte von kleinen Döschen voller in Alkohol eingelegter Wasserinsekten - versteht man die Faszination, welche dazu führt, dass sich die Biologin seit Jahrzehnten fast ausschliesslich mit Steinfliegen, Eintagsfliegen und Köcherfliegen beschäftigt. In ihrem engen Büro zeigt sie unzählige Präparate von Larven und Fliegen. Manche winzig wie ein Reiskorn, manche daumennagel- gross.

Angefangen hat Lubinis Faszination für Wasserorganismen in Sardinien, wo sie als Studentin mit dem Zürcher Biologieprofessor Hans Burla das Leben der Seesterne erforschte. Von Burla habe sie gelernt: «Ökologie kann man nur auf Ebene der Arten machen.» Wenn man, wie heute etwa bei Umweltverträglichkeitsberichten üblich, lediglich die Familien erfasse, greife man viel zu kurz. Kein anderes Ökosystem habe unter dem Einfluss des Menschen mehr gelitten als die Fliessgewässer.

Lubini begann ihre Karriere als «Wasserinsektenfrau» 1987, nach einem Intermezzo als Mittelschullehrerin am Stadtzürcher Gymnasium Riesbach. Als selbstständige Ökoberaterin befasste sie sich intensiv mit Bachausdolungen und Fliessgewässer-Revitalisierungen. Immer mit der Forderung ihres ehemaligen Lehrers in den Ohren: «Wir müssen wissen, was da drin ist.» Und weil kaum jemand die Arten der Steinfliegen kannte, begann sie diese zu bestimmen - was meist nur anhand der Genitalien und unter der Stereolupe möglich ist.

Lubini leert ihren Fang in ein Becken und beginnt mit der Pinzette in dem vermoderten Laub und Schlamm zu wühlen. «Ein Frosch», ruft sie lachend. Tatsächlich taucht ein für die Jahreszeit erstaunlich fetter Grasfrosch scheinbar verwundert auf. Was er sieht, gefällt ihm nicht. Er stellt sich tot. Doch rundum wimmelt es von Leben. Lubini zeigt urtümlich anmutende Eintagsfliegenlarven, die sich emsig im «Delfinschwumm» fortbewegen. Daneben Steinfliegen, die seitwärts schlängelnd schwimmen. In einer Pfütze voller Wasser findet sie zudem Köcherfliegen und Bachflohkrebschen. Doch Lubini verweist hinaus auf den Schnee, wo tatsächlich zwei kleine schwarze Fliegen beim Bachufer davonhuschen. «Leuctra prima, die ersten geschlüpften Steinfliegen im Jahr.»

Umfangreiche rote Liste

Mittlerweile kennt Lubini nahezu jeden Bach und Tümpel in der Schweiz, watet bei Wind und Wetter durch Sümpfe und Moore, spürt mit internationalen Koryphäen an der Furka die Larven einer bestimmten Köcherfliege auf und sucht in unwegsamem Gebiet nach Quellen, die sie inventarisiert. Noch in diesem Jahr erscheint die rote Liste für Wasserinsekten, an der sie massgebend mitgewirkt hat. Sie wird sehr umfangreich sein. «Wasserinsekten reagieren stark auf die Chemikalisierung der Umwelt. Sie sind daher auch wertvolle Indikatoren für Gewässerqualität.» Leider bringen nach ihren Erkenntnissen die Fluss- und Bachrevitalisierungen für diese Spezies nicht das, was man sich versprach, weil die Vernetzung fehlt. Es mangle vor allem an Raum, wo sich wieder Auen mit ihren Nebengewässern entwickeln können.

Doch frustriert ist Verena Lubini nicht. Es sei eben auch viel Positives gelaufen: Die Kantone lassen die Gewässer nicht mehr nur chemisch, sondern auch biologisch untersuchen. «Allgemein wird mehr Gewicht auf die Untersuchung der Wirbellosen gelegt, wenn es um Eingriffe in Gewässer geht.» So wird 2010 ein Biomonitoring für die Fliessgewässer in der Schweiz eingeführt.

Zu wenig Feldarbeit an der Uni

Doch etwas kümmert sie: der fehlende Nachwuchs. «An den Universitäten wird immer weniger Feldarbeit gemacht.» Umso mehr freut sie, dass ihre Kollegen Heinrich Vicentini und Pascal Stucki an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Wädenswil einen Lehrgang für Makrozoobenthos ins Leben gerufen haben, an dem sie selbst über Steinfliegen referieren wird. Im Vordergrund steht dabei die Erkenntnis ihres Professors Hans Burla, die Lubini verinnerlicht hat: «Man muss die Arten kennen.» Sonst könne man über den Zustand eines Gewässers nichts Wesentliches aussagen. «Letztlich weiss man dann auch nicht, was man verliert.»

Verena Lubini hat die Ausbeute ihres Elefantenbach-Fangs gesichtet und einige Larven in Döschen verpackt. Dann watet sie zurück ins eisige Wasser. «Ich gehe nun wieder den Bach von Laub und Algen putzen», sagt sie und leert das Gefäss aus. Der Grasfrosch plumpst ins Wasser, macht schon wieder einen verblüfften Eindruck und stellt sich tot. Will wissen, was da drin ist: «Wasserinsektenfrau» Verena Lubini im Elefantenbach in Witikon. Foto: Sophie Stieger

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