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Aufstand gegen die Ewigkeit Ein Aufstand gegen die Ewigkeit

Roms neues Museum für Moderne Kunst, ein Bauwerk Zaha Hadids, rüttelt am antiken und antiquierten Selbstbild der Ewigen Stadt. Nicht sehr elegant, aber wohltuend. Die Stararchitektin Zaha Hadid fordert mit dem MAXXI, dem neuen Museum für moderne Kunst in Rom, nicht nur die Kuratoren heraus, sondern auch die Bewohner der Stadt. Denn der moderne Bau brüskiert ewige Werte.

Von Oliver Meiler, Rom Ach, der Beton. Das kalte und sterile Grau. Wie ein trotziges Ausrufezeichen steht das Haus da, im Quartier Flaminio im Norden Roms. Als wärs ein Monster. Was kontrastiert es doch mit dem Ocker und Orange der Fassaden rundum, mit dem leuchtenden Rot der Kirche nebenan. Was profaniert es die Ewigkeit der antiken Stadtmauern und der ruhmreichen Vergangenheit dieser Stadt. Ja, was bricht dieses Gebäude doch die Romantik Roms! So war die Gemütslage vieler Römer, die das neue Museum für moderne Kunst wie eine Aggression aus heiterem Himmel erlebten: Das MAXXI – kurz für Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo –, das sind 27 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für die Gegenwartskunst, ganz eingepackt in eine ondulierende Aussenhülle aus Beton. Das Gebäude ist für viele ein Affront. Ewigkeiten dulden nun mal keine Zäsuren, selbst wenn es nur architektonische sind. Wie hier, mit diesem Bau von Zaha Hadid, der irakisch-britischen Stararchitektin. Pfiffe an der Eröffnung Das MAXXI hat, wie das in Rom bei modernen Bauten immer der Fall ist, hohe Wellen geschlagen. Und ganz gelegt haben sie sich noch immer nicht. Der postfaschistische Bürgermeister, Gianni Alemanno, drückte seine Missliebe öffentlich aus – und wurde bei der Einweihung von den feinen Gästen ausgebuht. Pfiffe gab es auch für Silvio Berlusconis Kulturminister Sandro Bondi. Natürlich geht es auch ohne Pathos – ohne den verklärten und konservierenden Blick der liebenden Römer. Dann nähert man sich dem Museum aus dem olympischen Dorf, einem nicht sehr schmucken Viertel gleich gegenüber des Olympiastadions, erbaut für die Spiele 1960. Geht vorbei an heruntergekommenen Schlafsilos, entlang geraden Alleen ohne Charme und mit wucherndem Gras an den Strassenrändern. Auch das war Moderne, damals, und altert schlecht. Viel schlechter notabene als die funktionalen Bauten aus der Zeit des Regimes, erbaut von den Architekten des Faschistenführers Benito Mussolini, die in Rom an vielen Ecken stehen. Auch die waren futuristisch zu ihrer Zeit, wirkten steril und kalt in der barocken Umgebung von Palazzi und Kirchen, gehören nun aber zum römischen Stadtbild, als trügen sie zur Ewigkeit bei. Das MAXXI steht also nicht im hehren und fragilen historischen Zentrum wie etwa Richard Meiers viel diskutierte Neuinterpretation der Ara Pacis. Zaha Hadids Bau überragt auch die Dächer der Wohnhäuser nicht. Er schlängelt sich vielmehr durch alte, stillgelegte Fabrikhallen, die da auch noch stehen, und nimmt so die Physiognomie des Quartiers auf. Von aussen sieht das MAXXI aus wie der Terminal eines Flughafens. Die herausgestülpten Korridore muten wie Fingerdocks an, das hohe Atrium wie eine Schalterhalle. Begrüsst wird man durch ein gigantisches Skelett, das vor dem Eingang liegt, eine Skulptur von Gino De Dominicis (1947–1998). Dem Avantgardisten widmet das Museum zum Auftakt eine Retrospektive. Es sind nur wenige Besucher da, fast ausschliesslich Touristen. In den leeren Hallen kommen alle Sondereffekte des Hauses zum Tragen. Da wird man mitunter begleitet von nachhallendem Gelächter aus versteckten Lautsprechern. Überrascht und verfolgt vom starken Duft einer Leder- und Harzinstallation. Erschlagen vom monumentalen Sternenfall von Anselm Kiefer. Berührt von einer Fotografie Thomas Ruffs aus der leeren Halle von Neapels Fischmarkt. Und manchmal scheint es, als sei sehr viel Kunst auf viel zu engem Raum konzentriert worden. Für die Kuratoren ist das Haus eine Herausforderung. Es fehlen ihm die grossen Wände, die sie zur Inszenierung der Werke brauchen, die wirklich voluminösen und hohen Räume. Der Bau ist verwinkelt. Keine Wand ist gerade, kein Gang linear. Zaha Hadid sagt, die Räume würden ineinanderfliessen, ein Fluidum bilden, mit der äusseren Umgebung interagieren. Das tun sie. Doch ihre Kritiker sagen, Hadid habe sich einen Ego-Tempel erbaut, der nicht zum Museum tauge. Das sei Architektur zum Selbstzweck. Worauf die Erbauerin konterte, ihre Kritiker verstünden nichts von Architektur. Nach der Einweihungsfeier las man dann in den italienischen Zeitungen ein paar maliziöse Kommentare über den Auftritt des Stars – inklusive einer eingehenden Stilkritik an der Garderobe der Dame. Rom verweigert sich noch Zaha Hadid hat es gewagt, die Ewigkeit ein wenig durcheinanderzubringen, das antiquierte Selbstbild Roms zu brüskieren. Genauso, wie schon das Auditorium von Renzo Piano, ganz in der Nähe des MAXXI, die alten Linien etwas verschoben hat. Oder so, wie Massimiliano Fuksas Nuvola, eine Wolke aus Glas und Stahl, die gerade im Stadtteil EUR entsteht, die überlieferten Gewissheiten infrage stellen wird. Überall sonst auf der Welt ist das Vermischen von Modern und Alt normal. Nur in Rom nicht. Hier verweigert man sich noch der Moderne. Und, natürlich, der Normalität. Für die Kuratoren ist das Haus schwierig. Es fehlen die grossen Wände und die hohen Räume. Keine Wand gerade, kein Gang linear: Das Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo von Zaha Hadid in Rom. Foto: Helene Bine

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