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Autismus Erstklässler braucht Begleitung - Schule schmeisst ihn raus, TA vom 7. 6. / Sonderfall für die Regelschule, TA-Leserbriefe vom 9. 6.

«Wird nicht auf die Kompetenz von Kindsmutter und Facharzt abgestellt, besteht ein hohes Risiko für eine neue, schwere, irreversible Beeinträchtigungder Entwicklung des Kindes.»

Kleinklassen sind dringend nötig.

Eine Leserbriefschreiberin meint, es sei «sonnenklar», dass Kinder wie dieser autistische Bub aus Schwamendingen in die Regelklassen gehören. Als Schulbegleiterin eines «faszinierenden» Kindes hat sie offensichtlich den Blick für das Ganze verloren und ignoriert, dass in einer Normalklasse noch etwa zwanzig und mehr andere, ebenfalls faszinierende Kinder sitzen, welche auch optimal gefördert und gefordert werden wollen. Wenn aber dann ein einzelner Schüler herumschreit, Gegenstände herumwirft, Türen zuknallt oder sonst wie stört, lässt sich kein vernünftiger Unterricht mehr durchführen, und dann sind es die «normalen» Kinder und Eltern, die gegenüber Klassen ohne Spezialfälle zu kurz kommen. Für mich ist deshalb «sonnenklar», dass derart problematische Kinder nicht in die Regelklassen gehören und dringend wieder Kleinklassen eingeführt werden müssen.

Hans-Peter Köhli, Zürich

Die Kindesmutter ist die Expertin.

Die Entwicklung des autistischen Erstklässlers im Laufe der Einschulung wird im TA-Artikel nachvollziehbar dargestellt und hat soweit in eine Krise und zur Wegweisung von der Schule geführt. In Zusammenhang damit wird das behördliche Versagen von Schulpflege und Schulpsychologischem Dienst (SPD) aufgezeigt. Das Asperger-Syndrom ist seit 1944 bekannt und nach Hans Asperger benannt, einem Kinderarzt und späteren Professor für Pädiatrie aus Wien. Federführend in Diagnostik, Behandlung und Koordination des bei diesen Kindern erforderlichen komplexen Behandlungs-Settings sind ausschliesslich klinisch geschulte Fachärzte und Fachärztinnen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinder- und Jugendmedizin, weil nur sie es können. So verordnete der involvierte Kinderpsychiater «im Kontext der Schule zusätzliche Unterstützung». Anscheinend wurde dem Facharzt dann das Heft umgehend wieder aus der Hand genommen. Zum vorgesehenen Gespräch am runden Tisch ist er ja nicht eingeladen. Fazit: Der SPD erachtetedie unabdingbare zusätzliche Unterstützung in der Regelklasse für nicht notwendig. Also sind bisher Lehrerin, Kind und Kindesmutter verheizt worden. Die Mutter als wichtigste Bezugsperson hat die wesentlichen Entwicklungsschwierigkeiten ihres autistischen Buben - immer laut Artikel - sehr gut begriffen und trägt den speziellen erzieherischen Erfordernissen auch Rechnung. Es ist zu bedenken, dass eine mütterliche Überforderung mit einem autistischen Kind ein Risiko an sich darstellt. In welchem Mass die Mutter durch die jetzige Krise zusätzlich belastet ist, geht aus dem Artikel nicht hervor. Grundsätzlich ist eine Integration in einer Regelklasse möglich und sehr sinnvoll. Dazu müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: 1. Der betreffenden Lehrperson darf das Kind nur zugewiesen werden, falls sie als Pädagogin oder Pädagoge sich dies auch zutraut und sich freiwillig dazu entscheidet. 2. muss die Lehrperson zu einem dauernden Sonderengagement für ein solches Kind bereit sein. 3. ist die auf das autistische Kind zugeschnittene zusätzliche schulische Unterstützung im Voraus einzurichten. Diese Unterstützung von Kind und Klassenlehrerin kann im Einzelfall teilweisen oder überwiegenden Einzelunterricht in und ausserhalb der Klasse bedeuten. Grundlegend geht es um die umfassende Planung und Organisation der schulischen und gesellschaftlichen Integration. Die Kindesmutter ist in diesem Fall eine Expertin auf dem Gebiet dieses angeborenen Entwicklungshandicaps. Man will sie aber offensichtlich weder hören noch verstehen. Ich spreche aus jahrzehntelanger Erfahrung als früherer Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wird jetzt nicht auf die Kompetenz von Kindesmutter und Facharzt abgestellt, dann besteht ein hohes Risiko für eine zusätzliche schwerwiegende und irreversible Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Es geht darum, alles zu tun, damit das Kind in seiner angestammten, weil vertrauten Lebensumwelt, insbesondere bei seiner Mutter und Familie aufwachsen kann. Ob Regel- oder Kleinklasse ist nicht entscheidend, hingegen die passende Lehrperson, Klasse und zusätzliche Unterstützung sowie nach Möglichkeit eine Schule im Quartier. Werden die Weichen jetzt nicht richtig gestellt, drohen weitere Krisen in Schule und Familie, mithin eine Desintegration der Lebenssituation des autistischen Erstklässlers. Eine misslingende Integration würde Kosten zur Folge haben, welche die heutigen hohen Kosten für eine angemessene Förderung um ein Vielfaches übersteigen.

Hanspeter Stocker, Winterthur Dr. med. Facharzt FMH für

Psychiatrie und Psychotherapie

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